Hoffnungsträger Proteinpflanzen
Mehr Vielfalt bei Hülsenfrüchten hältsowohl Menschen als auch das Klima fit. Das spiegelt sich auch im Protein-Aktionsplan der EU wider.
Im Juli 2026 hat die Europäische Kommission einen Aktionsplan für ein widerstandsfähigeres, unabhängigeres und nachhaltigeres Proteinsystem vorgelegt. Er soll den Anbau und die Verarbeitung von Ölsaaten und Eiweißpflanzen unterstützen.
Damit rückt eine lange unterschätzte Verbindung ins Zentrum: Was für den Boden gut sein kann, kann gleichzeitig für das Ernährungssystem wertvoll sein. Marlies Gruber, Geschäftsführerin des forum. ernährung heute (f.eh), erklärt: „Kulturen wie Sorghum, Kichererbse sowie Linsen punkten mit einer hohen Trockenheitstoleranz und sind gleichzeitig ernährungsphysiologisch interessante Proteinquellen.“ Leguminosen können zusätzlich Stickstoff aus der Atmosphäre binden und ihren eigenen Bedarf dadurch teilweise decken. Auch Folgekulturen profitieren davon noch, was die Abhängigkeit von synthetischem Stickstoffdünger reduziert.
Die EU ist bei pflanzlichen Proteinquellen derzeit stark von Importen abhängig - würden wir mehr Proteinpflanzen anbauen, hätte das Vorteile für die Umwelt sowie für die Widerstandsfähigkeit des Ernährungssystems. Lieferkettenstörungen, schwankende Preise und geopolitischen Risiken würden uns weniger treffen.
Der Aktionsplan soll den Selbstversorgungsgrad bei Futtermitteln bis 2035 auf 35 Prozent steigern und Landwirt*innen die Chance bieten werden, stärker auf pflanzenbasierte Lebensmittel zu setzen. Konkrete Maßnahmen, die Eiweißpflanzen stärker für den menschlichen Verzehr und nicht als Futtermittel anzubauen, fehlen jedoch. Zum anderen würden klare Zusagen für öffentliche Investitionen in Forschung und Entwicklung zu alternativen Proteinquellen fehlen, merkt das Good Food Institue Europe (GFI Europe) an.
Das Zukunftspotenzial liegt auch bei den eiweißreichen Pflanzen in der Vielfalt der angebauten Sorten. Das f.eh beleuchtet daher Chancen und Grenzen von fünf Kulturen:
Kaum eine Kultur verbindet Klimaanpassung und Ernährungswende so anschaulich wie die Kichererbse. Die AGES bezeichnet die Leguminose aufgrund ihrer hohen Trockenheitstoleranz ausdrücklich als potenzielle Gewinnerin veränderter klimatischer Bedingungen. Gleichzeitig ist Österreich trotz steigender Nachfrage auf Importe angewiesen. Kulinarisch ist sie vielseitig: von Hummus und Falafel über Currys und Salate bis zu Mehl, Pasta und Snacks.
Auch Linsen bieten große Chancen für ein klimaangepasstes Ernährungssystem. Sie zählen ebenfalls zu den Leguminosen mit guter Trockenheitstoleranz und haben in fast allen Esskulturen lange Tradition.
Die Ackerbohne kann eine heimische Proteinquelle für die Tierfütterung und zunehmend Lebensmittel sein. Mehle aus Ackerbohnen können für Brot- und Backwaren, Pasta, Aufstriche oder pflanzenbasierte Produkte eingesetzt werden. Aber für die Lebensmittelverarbeitung sind Sortenwahl, Entbitterung, Schälen, Kochen und die Reduktion antinutritiver Inhaltsstoffe wichtig. Bei der Klimaanpassung liegt ihr Potenzial in einer erfolgreichen Züchtung von Wintersorten.
Sorghum stammt aus warmen Klimazonen und ist an heiße Bedingungen angepasst. Damit wird es für Regionen mit zunehmendem Wassermangel interessant. Das Getreide ist vielseitig, hat einen vergleichbaren Proteinanteil wie Weizen und kann zu Mehl, Grieß, Flocken, gepufften Produkten, Frühstückscerealien, Snacks oder Teigwaren verarbeitet werden. Sorghum ist von Natur aus glutenfrei, das bedeutet für Brot und Gebäck sind spezielle Rezepturen, Mischungen, Fermentation oder technologische Verfahren erforderlich. Dafür ist er auch für Personen mit Zöliakie oder Glutensensitivität geeignet. Bei bestimmten Sorten müssen zudem Gerbstoffe und andere antinutritive Inhaltsstoffe berücksichtigt werden.
Weizen wird auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Der Vorteil von Winterweizen liegt in einer über Jahrzehnte aufgebauten Infrastruktur. Wintersorten ermöglichen ein früheres Wachstum nach dem Winter, entkommen Hitzephasen im Sommer und können auf wasserreicheren Böden nach der Schneeschmelze wachsen.
Ernährungsphysiologisch komplementäres Spektrum
„In der Ernährung liefern Getreide und Hülsenfrüchte unterschiedliche Proteinprofile und ergänzen einander. Eine Kombination der beiden ist daher wie bei vielen traditionellen Speisen, etwa Linsen mit Semmelknödel oder Hummus mit Fladenbrot, sinnvoll.“ Hülsenfrüchte punkten zudem mit ihrem hohen Anteil an Ballaststoffen und den komplexen Kohlenhydraten, die den Blutzuckerspiegel nur langsam ansteigen lassen. Linsen gelten zudem als Quelle für Eisen, Kichererbsen als eine für Folat – zwei Mikronährstoffe, die gerade für junge Frauen relevant sind.
„Innovative Produkte wie Brot mit Ackerbohnenanteil oder glutenfreie Produkte aus Sorghum und Kichererbse bieten besonderes Potenzial, benötigen aber Anpassungen wie Sorten mit guten Verarbeitungseigenschaften, Investitionen in die Infrastruktur und müssen sensorisch und preislich konkurrenzfähig sein“, so Marlies Gruber.
Über das f.eh
Das forum. ernährung heute (f.eh) wurde 1991 mit Sitz in Wien gegründet und richtet seine Aktivitäten zur Förderung von ernährungs- und gesundheitsbezogener Information an einem Menschenbild aus, das von aufgeklärten und mündigen Verbrauchern ausgeht. Dabei versteht sich das f.eh als ein Kompetenzzentrum, in dem wissenschaftliches Fachwissen für alle Fragen zum Thema Ernährung, Ernährungsbildung und Ernährungsökologie sowie aktive Lebensstile gebündelt wird.