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Summende Gäste

Wo Lebensfreude auf Biodiversität trifft.

4 Fotos mit Blick in Gastgärten
Fotos: Das Schöneberg (2); die freunderlwirtschaft (2)

Auf der Straße flirrt die Luft, im Schatten die Flügel der Mauerbiene. Emsig saust sie zwischen Straße und Altbaufassade von einer Blüte zur anderen. Und lässt sich von uns Menschen, die dort – deutlich weniger emsig – im Schatten Kaffee trinken, nicht beirren. Wenn mich im Sommer jemand fragt, wo ich beim Mittagessen, Kaffeetrinken oder Ausklingen des Tages sitzen möchte, ist die Antwort einfach: Draußen! Grüne Gastgärten sind aber nicht nur für Menschen Inseln des Verweilens – in der Stadt können sie Lebensfreude, Genuss und Biodiversität an einen Tisch bringen. Das Schöneberg und die freunderlwirtschaft erzählen im Gespräch mit Michaela R. Reisinger, wie aus ein paar Garnituren kleine grüne Lebensräume werden. 

LEBENSART: Wie kam es zur naturnahen Gestaltung eurer Schanigärten*?

die freunderlwirtschaft: Tatsächlich hatten wir von Anfang an das Bedürfnis danach. Unser Vorbesitzer hat uns einen sehr grünen Schanigarten hinterlassen – mit großen Bäumen in Pflanzentrögen und vielen weiteren Pflanzen. Dafür sind wir ihm bis heute dankbar, denn schon im ersten Jahr haben wir gemerkt, wie positiv sich das auf die Atmosphäre auswirkt.

Ein wichtiger Impuls kam dann durch die Kriterien für naturnahe Schanigärten. Sie haben uns motiviert, einen Schritt weiterzugehen und unseren Schanigarten gezielt naturnah weiterzuentwickeln – mit mehr Biodiversität, mehr Lebensraum für Tiere und Pflanzen und als kleine grüne Oase mitten in der Stadt.

Das Schöneberg: Wir befinden uns im Erdgeschoss in einem Lokal, das über 50 Jahre lang leer stand. Wir mussten die Räumlichkeiten also kernsanieren, konnten aber auch sehr frei gestalten. Wenn man den Fokus von der Umsatzmaximierung zu Themen wie Nachhaltigkeit, Regionalität, Gemütlichkeit oder Nutzpflanzen lenkt, macht sich eine große Spielwiese auf. Der naturnahe Aspekt wurde über das Projekt der MA22 dann noch stärker in den Mittelpunkt gerückt.

* Eine ursprünglich wienerische Bezeichnung für einen Gastgarten auf öffentlichem Grund – zum Beispiel am Gehweg oder auf Parkflächen vor dem Lokal – der dadurch andere Gestaltungsmöglichkeiten bietet als eine private Fläche.

LEBENSART: Was war euch dabei wichtig?

Das Schöneberg: Kurz gesagt: Nachhaltigkeit, Regionalität und Mehrwert.

Diese Haltung hat sich durch den gesamten Prozess gezogen – von der Zusammenarbeit mit lokalen Partnern, der Verwendung geeigneter Materialien (unbehandelte, heimische Lärche als Hauptmaterial der Konstruktion und der Pflanztröge), der Bepflanzung mit möglichst diversen heimischen Pflanzen bis zum bewussten Verzicht auf Elemente mit negativer Wirkung (wie Heizstrahler). Auch der Mehrwert gestaltet sich divers: Mehr Stauraum integriert in die Konstruktion, mehr Biodiversität, mehr Nutzpflanzen, mehr Schatten an den heißen Sommertagen, mehr Raum für die Fauna und mehr Lebensqualität für die Nachbarschaft.

Foto: freunderlwirtschaft

die freunderlwirtschaft: Das Thema nicht nur auf die Begrünung zu beschränken. Wir haben uns intensiv mit Biodiversität und nachhaltiger Gestaltung auseinandergesetzt und versuchen, diesen Gedanken auch über den Schanigarten hinaus zu leben. Das zeigt sich beispielsweise auch in unserer Küche, wo wir möglichst regional, saisonal und nachhaltig arbeiten. Für uns gehört das alles zusammen.

Im Schanigarten selbst konnten wir zahlreiche Maßnahmen umsetzen: Unsere  Holztröge wurden im Rahmen des sozialen Projekts StartWorking von Jugendlichen gefertigt – besonders schön, weil wir damit ökologische und soziale Nachhaltigkeit verbinden konnten. Darüber hinaus haben wir bestehende Möbel upgecycelt oder durch nachhaltigere Alternativen ersetzt, Insektenhotels installiert und Nistmöglichkeiten für Vögel geschaffen. Und wir haben nicht heimische Arten durch heimische Pflanzen ersetzt und darauf geachtet, dass möglichst über die gesamte Saison hinweg etwas blüht.

LEBENSART: Was war einfach umzusetzen, was schwierig?

die freunderlwirtschaft: Die größere Herausforderung war, die Idee mit den Anforderungen eines Gastronomiebetriebs in Einklang zu bringen. Ein Schanigarten muss nicht nur ökologisch sinnvoll sein, sondern auch für Gäste angenehm, sicher und funktional bleiben. Zum Beispiel bei der Beleuchtung.

Das Schöneberg: Wirkliche Schwierigkeiten hatten wir in der Umsetzung keine – wichtig ist, sich über behördliche Auflagen gründlich zu informieren und genug Zeit für die bürokratischen Prozesse einzuplanen. Sowohl für die Gestaltung als auch für die naturnahe Ausrichtung sind Partner wichtig, die das Konzept wirklich verstehen und nicht nur Wünsche umsetzen, sondern auch neue Ideen einbringen. Das hat unseren Schanigarten enorm aufgewertet.

LEBENSART: Wer hat euch bei Planung, Umsetzung und Pflege unterstützt?

Das Schöneberg: Den Schanigarten-Teil auf der Parkplatzfläche vor dem Lokal haben wir gemeinsam mit “Handgedacht” (handgedacht.wien) geplant und umgesetzt. Die Fokussierung auf den naturnahen Aspekt erfolgte dann gemeinsam mit der MA 22.

Darüber hinaus waren die Stadt Wien und die Wirtschaftskammer wichtige Ansprechpartner – sie halfen uns, potentielle Schwierigkeiten schon im Vorfeld abzuklären und reibungslose Abläufe zu schaffen.

die freunderlwirtschaft: Wir haben uns überall Unterstützung geholt, wo wir bestehendem Wissen profitieren konnten. Besonders wertvoll war die Zusammenarbeit mit der MA 22 – vom Kriterienkatalog als wichtige Orientierungshilfe bis zu einer Förderung im Rahmen des Pilotprojekts, die uns größere Umbauten im Schanigarten ermöglichte. Darüber sind wir sehr froh und dankbar. 

Zusätzlich haben wir mit StartWorking und BirdLife Österreich zusammengearbeitet und gelernt, dass Biodiversität viel umfassender ist, als man zunächst denkt.

LEBENSART: Gibt es Themen, die ihr als einzelner Betrieb nicht lösen konntet?

die freunderlwirtschaft: Wir sind überzeugt, dass man als einzelner Betrieb sehr viel bewegen kann, wenn man sich bewusst mit dem Thema auseinandersetzt. Gleichzeitig sind fachliche Unterstützung und Austausch enorm wertvoll, um Themen besser zu verstehen und gezielter umzusetzen.

Das Schöneberg: Kein Betrieb befindet sich in einer Blase, in der man zu 100 Prozent selbstbestimmt handeln kann. Ohne das Wohlwollen oder die Unterstützung der Nachbarschaft und des gesamten Grätzls würde es nicht funktionieren – von der Akzeptanz, dass wir den Anrainern zwei Parkplätze “wegnehmen” bis hin zur aktiven Hilfe bei der Schanigartenpflege, wenn wir im Betriebsurlaub sind.

LEBENSART: Was hat euch am meisten überrascht?

Das Schöneberg: Ein großer Aha-Moment war die Erweiterung auf die Parkplatzfläche vor dem Lokal. Nach zwei Jahren Schanigarten an der Hausseite sind effektiv nur zwei Tische dazugekommen, die Aufwertung und Anziehungskraft haben wir aber total unterschätzt. Unser Umsatz ist dadurch gestiegen – das zeigt einmal mehr, dass auch monetären Interessen am besten gedient ist, wenn diese nicht das primäre Ziel sind.

die freunderlwirtschaft: Für uns war es das Thema Licht und Lichtverschmutzung im urbanen Raum und wie stark diese das Verhalten von Insekten beeinflusst. Unser Beleuchtungskonzept zu überarbeiten und auf insektenfreundliche Beleuchtung umzustellen, war zunächst aufwendig, hat sich aber sehr gelohnt. Die eigentliche Überraschung: Viele Gäste haben uns rückgemeldet, wie viel angenehmer die neue Lichtstimmung ist. Auch wir Menschen werden durch grelles Licht beeinflusst und auch für uns ist eine sanftere Beleuchtung wohltuend.

Besonders überrascht hat uns auch, wie viel Wirkung kleine Maßnahmen entfalten können. Oft braucht es keine großen Umbauten, sondern Bewusstsein und die Bereitschaft, genauer hinzuschauen.

LEBENSART: Was denkt ihr, dass euer Gartenraum bewirkt?
Foto: Das Schöneberg

Das Schöneberg: Da wir ein Insektenhotel haben und viele unserer Nutzpflanzen wie Thymian, Minze und Waldmeister in der Blüte stehen lassen, sind wir vor allem bei Bestäuberinsekten und Marienkäfern sehr beliebt. Auch ungewöhnlichere Besucher*innen wie eine Gottesanbeterin und einen Fuchs konnten wir schon beobachten. Dass wir eine positive Wirkung auf die Biodiversität haben, können wir zwar nur erhoffen, mit Sicherheit bereichern wir jedoch das Grätzl: Statt parkender Autos gibt es eine einladende Holzkonstruktion. Statt Grau in Grau gibt es eine Vielzahl an Pflanzen. Es mag nur ein kleiner Gartenraum sein, aber es ist auch ein Lebensraum. Und wir sind überzeugt, dass wir diesen Lebensraum ein bisschen lebenswerter gemacht haben.

Am stärksten sichtbar ist die belebende Wirkung auf die direkte Umgebung: Man merkt, dass sich Flora, Fauna und Menschen hier gerne aufhalten und auch den Raum um den Schanigarten beleben. Das hören wir auch als Feedback aus dem Grätzl – das ist für uns sehr besonders. Und beim Schanigarten freut es uns immer, wenn wir sehen, dass sich Leute aus der Nachbarschaft außerhalb unserer Öffnungszeiten dort hinsetzen und entspannen. Vor ein bisschen mehr als drei Jahren waren hier noch eine tote Erdgeschoßzone und Parkplätze. Jetzt befindet sich hier eine kleine Oase.

Unter Weinreben in „der freunderlwirtschaft“ Foto: freunderlwirtschaft

die freunderlwirtschaft: Auch wir sehen diese Auswirkungen jeden Tag – dass Menschen gerne im Schanigarten verweilen, das Grün genießen und sich dort wohlfühlen.

Besonders schön war für uns eine Begegnung mit einem Nachbarn während der Umgestaltung. Als wir begonnen haben, Pflanzen umzutopfen und neue Tröge aufzustellen, kam er besorgt zu uns und fragte, ob wir die großen Bäume entfernen würden. Als wir ihm sagten, dass sie bleiben und sogar mehr Platz bekommen, war er sichtlich erleichtert – denn er sieht sie von seinem Fenster aus und sie sind für ihn ein wichtiger Teil seines Alltags. Das hat uns sehr berührt.

Unser Schanigarten ist damit nicht nur ein Ort zum Essen und Trinken, sondern auch ein kleiner grüner Begegnungsraum mitten in der Stadt.

Aber das schönste Feedback haben wir nicht von Menschen bekommen, sondern von einem Vogelpaar, das beschlossen hat, bei uns einzuziehen – es nistet in einem unserer Bäume. Gerade mitten im neunten Bezirk empfinden wir das als großes Geschenk. Es zeigt uns, dass auch kleine grüne Inseln einen Unterschied machen können.

LEBENSART: Gibt es etwas, das ihr interessierten Betrieben mitgeben wollt?

die freunderlwirtschaft: Traut euch. Viele Maßnahmen sind einfacher umzusetzen, als man zunächst denkt, und die positiven Auswirkungen sind oft größer als erwartet. Ein naturnaher Schanigarten bringt nicht nur Vorteile für die Biodiversität, sondern schafft auch eine angenehme Atmosphäre für Gäste, Mitarbeitende und die Menschen in der Umgebung.

Er ist ein Aushängeschild eines Lokals und sollte nicht stiefmütterlich behandelt werden, sondern den Qualitätsanspruch des gesamten Betriebs widerspiegeln.

Oft ist er das Erste, was Menschen von einem Lokal wahrnehmen!

Das Schöneberg: Ein Schanigarten wie unserer bedeutet natürlich einiges an zusätzlicher Arbeit und Kosten. Für uns ist es aber enorm schön, einen “lebendigen” Schanigarten zu betreiben. Als Quelle von Zutaten für Eistees und Gewürze, als Platz für botanische Experimente und vor allem als Bereicherung für das Grätzl.

LEBENSART: Und allen, die bei euch zu Gast sind?
Foto: Das Schöneberg

die freunderlwirtschaft: Allen, die uns besuchen, möchten wir mitgeben, dass alles, was wir in der freunderlwirtschaft tun, auf denselben Werten aufbaut – im Schanigarten genauso wie in der Küche, im Service oder an der Bar.

Unser Wunsch ist, dass sich die Menschen bei uns willkommen fühlen und für ein paar Stunden dem hektischen Alltag entkommen können. Wir möchten einen Ort schaffen, an dem man zur Ruhe kommen, durchatmen und die Natur mitten in der Stadt erleben kann.

Besonders freuen wir uns, wenn Gäste nach einem Besuch auf die Uhr schauen und überrascht feststellen, dass sie viel länger geblieben sind als ursprünglich geplant. Für uns ist das eines der schönsten Komplimente, die man als Gastronomiebetrieb bekommen kann.

Es zeigt, dass Menschen sich wohlfühlen, entspannen können und den Moment genießen. Und genau das wünschen wir uns für alle, die unseren Schanigarten besuchen.

Das Schöneberg: hinsetzen, entspannen, genießen!

Foto: freunderlwirtschaft

die freunderlwirtschaft

Moderne Wirtschaft im Servitenviertel mit kreativer, fleischloser Küche aus regionalen und saisonalen Zutaten. Die freunderlwirtschaft ist bekannt für ihre „Knödelmania“, die kuratierte Auswahl an alkoholischen wie alkoholfreien Drinks und den naturnah gestalteten Schanigarten.

freunderlwirtschaft.at
 

Foto: Das Schöneberg

Das Schöneberg

Grätzlcafé und Wohlfühlort im dritten Bezirk mit Fokus auf Nachhaltigkeit und Regionalität. Highlights sind Fermentiertes und ein paar der besten glutenfreien Backwaren der Stadt.

www.dasschoeneberg.at

Foto: Das Schöneberg

ÜBER DAS PROJEKT

Seit 2025 zeichnet die Wiener Umweltschutzabteilung Schani- und Gastgärten für ihre naturnahe und nachhaltige Gestaltung aus. Mit der Plakette sollen Biodiversität und Konsum zusammen gedacht und Menschen inspiriert werden, ihren eigenen kleinen Fleck Natur zu schaffen. Drei Schanigärten wurden in der Pilotphase bereits ausgezeichnet – nun werden die Erfahrungen ausgewertet und die Kriterien nachgeschärft. Dann soll das Projekt in den Regelbetrieb übergehen. Aktuell im Fokus stehen:

Essen & Trinken: Bei Speisen und Getränken gibt es regionale, saisonale, tierfreundlich und biologisch hergestellte Optionen. Für Take-away wird auf Mehrweg oder mitgebrachte Behälter gesetzt.

Grün & Natur: Auf Pestizide, Mineraldünger und torfhaltige Erde wird verzichtet. Angesetzte Pflanzen müssen Nektar und Pollen für Insekten bieten. Zusätzlich kann auf ökologische Bedeutung, heimische Arten, den Mix aus blüten- und früchtetragenden Pflanzen und unterschiedlichen Größen und geringe Bodenversiegelung geachtet werden.

Ausstattung & Möbel: Keine Heizstrahler, kein Tropenholz und möglichst wenig Plastik – stattdessen nachhaltige Materialien, ökologische Anstriche und möglichst natürliche Beschattung.

Foto: freunderlwirtschaft

Lebensraum & Pflege: Rechen oder Besen statt Laubsaugern, die Feinstaub in die Luft blasen und für Insekten tödlich sein können. Auch die Beleuchtung muss insektenfreundlich sein (warm, nach unten gerichtet). Optional können Elemente geschaffen werden, die die Tierwelt fördern – zum Beispiel Nisthilfen, Wassertränken oder natürliche Elemente wie Altholz.

www.wien.gv.at/umwelt/plakette-naturnaher-schanigarten