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Jugenddialog psychische Gesundheit

TOPSY Youth Dialoge: Junge Menschen fordern mehr Mitsprache, Prävention und Unterstützung für ihre psychische Gesundheit.

Eine Wand mit vielen bunten Post-Its auf denen Smileys mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken zu sehen sind.
Foto: Alex Shuper/Unsplash

Mit dem Projekt TOPSY Youth boten die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit (Kinderliga) und die Bundesjugendvertretung (BJV) Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Anliegen zur psychischen Gesundheit direkt mit Politik, Verwaltung und Expert*innen zu diskutieren. Die Ergebnisse werden nun in einem Lagebericht zur psychischen Gesundheit veröffentlicht. Viele Jugendliche beschrieben den Dialog als eine ihrer ersten echten Erfahrungen von Mitbestimmung - die Teilnehmenden wünschten sich flächendeckende, niederschwellige Anlaufstellen, Präventionsarbeit in Schulen und Lehrbetrieben, bessere Information über Hilfsangebote sowie einen stärkeren Schutz im digitalen Raum – etwa durch die strengere Regulierung von Social Media-Plattformen - damit sich die mentale Gesundheit junger Menschen in Österreich spürbar verbessert.

10 Kernforderungen von Jugendlichen zum Thema psychische Gesundheit

  1. Flächendeckende psychosoziale Anlaufstellen
    Ausbau von langfristig kassenfinanzierten und niederschwelligen Angeboten – auch in kleineren Gemeinden, Schulen und Lehrbetrieben.
  2. Mehr Unterstützung bei der Hilfesuche
    Gesammelte Informationen zu bestehenden Anlaufstellen und niederschwelligen Angeboten und zur Herstellung vom Erstkontakt, beispielsweise über Lots*innen in Schulen.
  3. Aufstockung von Schulpsycholog*innen und -sozialarbeiter*innen
    Aufstockung auf ein:e Schulpsycholog:in pro 1.000 Schüler*innen und ein:e Schulsozialarbeiter*in pro Schulstandort.
  4. Stärkung der Medienkompetenz
    Förderung eines reflektierten Umgangs mit digitalen Medien in der Schule, u. a. im Fach „Digitale Grundbildung“.
  5. Regelmäßige psychotherapeutische Vorsorge
    Vorsorgegespräche für alle Kinder und Jugendlichen, z. B. ergänzend zu physischen Schuluntersuchungen.
  6. Gezielte und verstärkte Informationsweitergabe an die Zielgruppe
    Bessere Kommunikation, Verbreitung und Sichtbarmachung von bestehenden Unterstützungsangeboten für junge Menschen.
  7. Aus- und Weiterbildung für das Lehrpersonal
    Lehrkräfte und Lehrlingsausbildner*innen besser auf potenzielle psychische Probleme ihrer Schüler*innen vorbereiten.
  8. Unterstützungsangebote für Eltern und Erziehungsberechtigte
    Ausbau von Unterstützungsangeboten für Eltern und Erziehungsberechtigte im Umgang mit Social Media, um Jugendliche besser unterstützen zu können.
  9. Verlässliche Gesundheitsinformationen im Internet
    Kennzeichnung wissenschaftlich geprüfter Inhalte, damit Jugendliche vertrauenswürdige Informationen erkennen können.
  10. Schutz und Zivilcourage im digitalen Raum
    Förderung bestehender Initiativen gegen Hass, Desinformation und Gewalt im Netz durch Stärkung und Ressourcen für zivilgesellschaftliche Akteur*innen.

Junge Menschen wünschen sich mehr Präventionsangebote

„Wir wollten herausfinden, was Jugendliche wirklich brauchen, wenn es um ihre psychische Gesundheit geht – und ihnen dabei eine Stimme geben“, erklärt Hedwig Wölfl, Vizepräsidentin der Kinderliga. In den Dialogen wurde deutlich: Prävention ist entscheidend. Schule und Ausbildung sind für viele junge Menschen Orte großer Belastung – aber auch Hebel für positive Veränderung. Wölfl macht deutlich: „Die Jugendlichen fordern regelmäßige psychotherapeutische Vorsorgegespräche und eine bessere Vorbereitung der Lehrkräfte auf psychosoziale Themen.“

Außerdem brauche es mehr kostenlose Freizeitangebote und Begegnungsräume. Besonders positiv bewertet wurde von den Jugendlichen das Modell der Zentren für Information und Partizipation in Berufsschulen. Diese bieten Aufenthaltsmöglichkeiten und fungieren als Anlaufstelle mit jederzeit ansprechbaren Schulsozialarbeiter:innen. Die Jugendlichen fordern, solche Angebote flächendeckend an allen Schulen umzusetzen.

Einfacherer Zugang und mehr Information zu psychosozialen Angeboten notwendig

Auch die seit Jahren schlechte Versorgungslage war Thema der Dialoge. „Viele Jugendliche suchen aktiv Hilfe, müssen jedoch monatelang auf einen Therapieplatz warten. Es braucht flächendeckend kostenfreie, niederschwellige psychosoziale Anlaufstellen – nicht nur in Städten, sondern auch in Gemeinden, Schulen und Lehrbetrieben“, betont Ahmed Naief, Vorsitzender der Bundesjugendvertretung.

Eine langjährige Forderung der Kinderliga und der BJV ist die Aufstockung der Zahl der Schulpsycholog*innen. Pro 1.000 Schüler:innen braucht es mindestens eine Stelle. Gleichzeitig muss besser über bestehende Angebote informiert werden. „Viele bestehende psychosoziale Unterstützungsangebote waren den Teilnehmenden überhaupt nicht bekannt. Hier braucht es gezielte Informationsweitergabe und die Bewerbung der Angebote – etwa über Social Media, aber auch direkt in Schulen“, so Naief.

Kennzeichnungspflicht für geprüfte Gesundheitsinformationen für Social Media

Im Umgang mit Social Media wünschen sich Jugendliche mehr Unterstützung. „Viele berichten von Vergleichsdruck, Hassrede und Desinformation – bei gleichzeitig fehlender Medienbildung“, so der BJV-Vorsitzende. Gefordert werden von den jungen Menschen eine Kennzeichnungspflicht für geprüfte Gesundheitsinformationen, mehr Medienkompetenz in Schulen und eine strengere Regulierung von Plattformen: Problematische Inhalte sollen schneller gelöscht und konsequenter sanktioniert werden.

Enttabuisierung psychischer Probleme und Aufbrechen stereotyper Geschlechterrollen

Wichtig ist den Jugendlichen, dass junge Menschen unabhängig von Herkunft, Wohnort, Bildung oder Einkommen rasch und barrierefrei Unterstützung bei psychischen Belastungen erhalten. Dabei ist vor allem die Enttabuisierung psychischer Belastungen für Dialog-Teilnehmerin Anika Schierer ein wichtiges Thema. Besonders stereotype Geschlechterrollen würden dabei den Zugang zu Hilfe erschweren: „Wir haben konkrete Forderungen zur Enttabuisierung psychischer Belastungen formuliert – von Sensibilisierungsworkshops zu Geschlechterrollen bis hin zu niederschwelligen Anlaufstellen in Schule, Lehre und Universität“, so Schierer.

Psychosoziale Unterstützungsangebote auch für Lehrlinge

Die Gesundheitswissenschaftlerin Rosemarie Felder-Puig, Abteilungsleiter-Stellvertreterin an der Gesundheit Österreich GmbH, stellt ihre Forschungsergebnisse zur psychischen Gesundheit von Lehrlingen vor. Die Ergebnisse zeigen, „dass es um die psychische Gesundheit von Lehrlingen nicht sehr gut bestellt war und möglicherweise noch immer ist“, sagt Felder-Puig. Über 3.000 Lehrlinge aus ganz Österreich und aus verschiedenen Ausbildungssparten nahmen im Rahmen der Lehrlingsgesundheitsstudie aus dem Berufsschuljahr 2021/22 an der Studie teil. Nur 72 % der weiblichen und 79 % der männlichen Lehrlinge bewerteten damals ihren Gesundheitszustand als „ausgezeichnet“ oder „sehr gut“. 41 % der weiblichen und 31 % der männlichen Lehrlinge waren mit ihrem Leben nicht besonders zufrieden. Und fast 28 % der weiblichen und 19 % der männlichen Lehrlinge zeigten Anzeichen einer depressiven Verstimmung. Für die Psychologin ist klar: „Lehrlinge brauchen tragfähige Beziehungen in Familie, Freundeskreis, Schule und Betrieb.“

www.kinderjugendgesundheit.at/projekte/topsy

www.bjv.at/topsy

TOPSY Youth ging das Projekt "TOPSY – Toolbox Psychische Gesundheit“ voraus. Es entwickelte eine Toolbox für Bewusstseinsbildung, Entstigmatisierung, Krisenhilfe und Vernetzung für Intervention rund um psychische Gesundheit, Krisen und psychische Erkrankungen bei jungen Menschen. Erarbeitet wurde sie durch Expert*innen aus den Bereichen Psychiatrie, Psychologie, Psychotherapie und Kinder- und Jugendarbeit gemeinsam mit zukünftigen Anwender*innen. Sie kann hier kostenlos heruntergeladen werden.