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Rote Veltliner: Die Uralt-Rebsorte wiederentdeckt

Dem Roten Veltliner blüht kein Dinosaurier-Schicksal. Biowinzer in Niederösterreich schenken der Uralt-Rebsorte neue Aufmerksamkeit. Wird der Wein ein Exot bleiben oder mit seinen exotischen Noten überzeugen?

Eine Detailaufnahme von blassroten Trauben am Weinstock.
Noch ist er erst im Werden: Die halbreifen Trauben sind noch grünlich bis blassrot gefärbt und nehmen erst spät die kräftig rote Farbe an. Foto: Christine Miess

Gleich vorweg: Anders als der Name vermuten lässt, ist der Rote Veltliner kein Rot-, sondern ein Weißwein. Und anders, als man dann denken würde, ist er auch nicht mit dem Namensvetter Grüner Veltliner verwandt. Aber die beiden Sorten waren früher bestimmt nicht selten benachbart – sie standen im Gemischten Satz beisammen. Mit dabei waren vielleicht auch Rotgipfler, Neuburger, Frühroter Veltliner oder auch Zierfandler. Von diesen Sorten gilt der Rote Veltliner als Ahnin, als Urgroßmutter quasi. Es ist nämlich eine der ältesten, wenn nicht sogar die älteste, autochthone Rebsorte des Landes.
Wahrscheinlich brachten die Römer die europäische Ursorte an den Wagram, wie der langgestreckte Höhenzug entlang der Donau zwischen Krems und Tulln heißt. Entstanden ist diese Geländestufe bei einem Hochwasser in der Eiszeit. Eiszeitliche Stürme überlagerten den Schotter inklusive Muschelresten und Fossilien der Urdonau mit fruchtbarem Löss. Auf diesem Boden hat sich der Rote Veltliner immer richtig wohlgefühlt. Doch fast hätte ihn das Dinosaurier-Schicksal ereilt. Er galt beinahe als ausgestorben. Nun kümmern sich zehn niederösterreichische Biowinzer in einem Presidio-Projekt von Slow Food verstärkt um kräftige Klone, verschiedene Spielarten und sein Ansehen in der heimischen Weinlandschaft.

Juliane Fischer sitzt an einem gedeckten Tisch und schreibt auf ihrem Laptop mit. Vor ihr stehen vier Weingläser.
Wie schmeckt eigentlich Roter Veltliner? Lebensart-Redakteurin Juliane Fischer findet es für uns heraus. Foto: Christine Miess

Eisenhut steht ihm gut

Es ist bestimmt schon bald 25 Jahre her: Am Eisenhut gleich neben einem Wald sahen Toni Söllner und Daniela Vigne, ein Biowinzerpaar aus Gösing am Wagram, verwilderte Terrassen. Einige robuste Stöcke des selten gewordenen Roten Veltliners hatten überlebt. Die beiden machten alle fünf Besitzer ausfindig, kauften den Weingarten und bepflanzten den eineinhalb Hektar großen Hang neu. Unter den damals schon 80-jährigen Stöcken fand Söllner besonders lockerbeerige, kleintraubige Exemplare, die perfekt zum Standort passen: Wenn die Beeren locker aneinander liegen, ist die Traube weniger anfälliger für die Grauschimmelfäule „Botrytis“. Und kleinere Beeren haben dickere Schalen, die weniger leicht platzen, wenn es regnet oder hagelt.

„Der Rote Veltliner macht es dem Winzer nicht immer leicht, aber die Mühe lohnt sich“, sagt Hans Czerny vom Weingut Wimmer-Czerny in Fels am Wagram. „Es ist wie in der Schule: Man muss die Talente fördern, geduldig bleiben und dem Wein bei der Entwicklung die Zeit geben, die er braucht.“ Mit Fingerspitzengefühl muss man die Sorte von Kindesbeinen an ins Gleichgewicht bringen; sie mit dem richtigen Rebschnitt und Unterstockbegrünung im Zaum halten. Klassenbester wäre der Rote Veltliner wohl im Fach Vitalität. An Bewässerung muss man bei ihm nicht denken. Der Standort ist entscheidend: Karger Untergrund begrenzt das Wachstum auf natürliche Weise. Die Trockenheit macht dem Roten Veltliner nichts aus. Eisenhaltiger und kalkreicher Schotter und Sand sind perfekt geeignet. Darum wird jetzt am Eisenhut wieder immer öfter Roter Veltliner ausgesetzt.

„Rötliche Trauben und keine Farbe im Wein. Das mich schon als Kind fasziniert“, erzählt Söllner. 1989 vinifizierte er als 16-Jähriger seinen ersten Wein aus diesen Trauben. Damals kaufte nur die absolute Insider-Kundschaft diese Sorte. „Bei den Händlern war sie, wie Neuburger, nicht zu vermitteln. Einzelne überzeugte Kunden kamen extra nur, um diesen Wein zu kaufen, aber die Zeit war in den Neunzigern noch nicht reif für Regionales“, erinnert sich Czerny.

Hans Czerny erklärt erwas. Er steht im Freien, neben ihm ein Tisch mir Weingläsern und Flasche.
„Wir haben aus Tradition immer ein Fass reinsortig gefüllt“, erzählt Hans Czerny stolz. Dies belegt nicht nur eine Goldmedaille vom Jahrgang 1950, sondern auch eine lobende Erwähnung in einem Presseartikel von 1895. Foto: Christine Miess

Mit Bio von der Vergessenheit in die Zukunft

„Unsere Oma hat immer erzählt, dass Roter Veltliner früher in unserer Gegend die Hauptrebsorte im Gemischten Satz war, aber damals ist ja quasi immer alles in einem Gemischter Satz aufgegangen – im Fass, später in Doppelliter und dann in Bouteillen abgefüllt“, weiß Stephan Mehofer vom Neudeggerhof. Dass Roter Veltliner langlebig sein kann, zeigen Raritäten im Archiv des traditionsreichen Familienbetriebs. Die Weine sind oft niedrig im Alkohol, aber beweisen ihr Reife- und Alterungspotenzial, weil sie sich die Finesse und Frische erhalten. Mehofer spricht vom „phenolischen, säurebetonten Paket im Vergleich zu vielen anderen Weißweinen“. Es hält die Spannung über die Jahre hinweg. Der älteste noch existierende Weingarten bei ihm stammt aus den frühen 1960er-Jahren und steht auf tiefgründigem Löss, der jüngste Weingarten ist vier Jahre jung. „Roter Veltliner war stets unser Begleiter und hatte immer einen wichtigen Platz im Wandel der weinbaulichen Entwicklungen.“ Besonders war, als der Rote Veltliner von den Mehofers 2001 den Niederösterreichischen Landessieger stellte: Damit war nicht nur eine autochthone Sorte, sondern auch ein damals noch seltener Bio-Wein im Fokus.

Fritz Salomon erklärt, die Hand ausgestreckt, in der anderen ein Micro.
Fritz Salomon fand in den Kelleraufzeichnungen seines Großvaters, dass Roter Veltliner bis 1969 reinsortig gekeltert wurde. Er selbst pflanzte 2015 wieder aus. Foto: Christine Miess
Martin Obenaus schenkt Wein in ein Weinglas aus
„Roten Veltliner gibt es schon immer am Betrieb, aber erst seit 1995 wieder reinsortig im Sortiment“, berichtet Martin Obenaus aus Glaubendorf im Weinviertel. Foto: Christine Miess

Um die Jahrtausendwende stellten auch Söllner, Czerny und Salomon auf biologische Landwirtschaft um. Beim regelmäßigen Austausch begannen sie die dunkelrosa, lockerbeerigen Linien aus den Gösinger Uraltanlagen zu selektionieren. „Viele Weingärten sind noch nicht optimal gewesen, aber der Anfang hat Bewegung gebracht“, erzählt Czerny. Angeregt durch Demeter-Freunde im Waldviertel, die Waldstaudenkorn, Blondvieh und Waldschaf als schützenswerte Produkte einreichten, startete er die Slow Food Arche des Geschmacks. Die Community wuchs zum Verein „Roter Veltliner Donauterrassen“. Um den Roten Veltliner fit für die Zukunft zu machen, wählt jeder der zehn Betriebe besonders vitale Stöcke aus und vermehrt sie weiter. Die junge Generation will weg von der Massenproduktion hin zu kleinbeerigen, lockeren Trauben mit hoher Qualität. Motivierend wirkt sicher der erste Erfolg im Sommer 2020: Der Rote Veltliner ist als „Slow Food Presidio“ in die Liste der schützenswerten Produkte aufgenommen worden.

„Am Wagram gibt es keinen einzigen Winzer mehr ohne Roten Veltliner“, ist sich Czerny sicher. Aber nicht nur hier: Viele Edelreiser stammen vom Mantlerhof im Kremstal. Auch ein Weinviertler ist Teil der Gruppe: Martin Obenaus aus Glaubendorf vergärt seinen „Roter Veltliner Unchained“ mitsamt den Beerenschalen, also auf der Maische, und beweist, dass die Sorte mit erstaunlich wenig Alkohol auskommt und eine kräuterwürzige Seite hat.

Ein grünes Banner mit dem Lebensart-Schriftzug weißt auf die Abomöglichkeit mit 5 Ausgaben pro Jahr hin

Apropos: Wie schmeckt er denn, der Rote Veltliner?

In der Jugend reicht das typische Aromenspektrum von der saftigen Kaiser-Alexander-Birne und dem Elstar-Apfel bis hin zu Honigmelone, Bittermandel und Blutorangen. Bei den kräftigen, sehr reif gelesenen Trauben geht es mehr in die tropische Richtung, oft mit dem pelzigen, adstringierenden Bitzeln, das an Ananas erinnert, Blütenhonig, Bratapfel, Kokosraspeln. Manche Weine wirken unglaublich geschmeidig, bringen Salzkaramell, Frühstücksmüsli, aber auch Schärfe. Wenn sie gerbstoffiger sind, denkt man an die Schale einer Mostobstbirne oder Wermutkraut. „Unserer wird vermutlich, eher ‚alte Schule‘ mit satter und leuchtender Farbe, recht ausdrucksstark sein. Wie sagt man so schön: ‚Farbe wie Honig und ein Maul voll Wein‘“, beschreibt Fritz Salomon. Und fügt hinzu: „Der Rote Veltliner, man spürt und schmeckt es auch, ist ein Zurückgekehrter in unserem alten Kellergewölbe.“
Zehn Bio-Winzer erhalten den Roten Veltliner in all seinen Facetten: www.roterveltliner.bio

Slow Food - Die Arche des Geschmacks

Rom, 1986: Carlo Petrini, der als charismatischer Mann beschrieben wird, organisiert öffentlich eine riesige Tafel mit traditionell-italienischem Essen. Er will auf die geplante Eröffnung einer Fast-Food-Filiale aufmerksam machen. Seiner Meinung nach ist sie ein Symbol für die weltweite Vereinheitlichung des Geschmacks durch industrielle Einheitsgerichte. Aus dieser Aktion entwickelte sich eine internationale Bewegung in 150 Ländern mit rund 100.000 Mitgliedern: Slow Food – die Arche des Geschmacks. Sie ist quasi das Weltkulturerbe des Essens. Die internationalen Projekte, Presidi genannt, schützen fast vergessene, regional wertvolle Lebensmittel, Pflanzenarten und Nutztierrassen. Inzwischen wurden mehr als 5.000 Erzeugnisse katalogisiert. 700 sind derzeit nominiert. Das ist wichtig. Denn jede Sorte, jedes Produkt kann innerhalb nur weniger Generationen verschwinden. Derzeit sind 13.000 Erzeuger*innen in mehr als 591 solcher Projekte weltweit aktiv. In Österreich gibt es aktuell neun davon. Oberste Prämisse: Lebensmittel sollen gut schmecken, ökologisch und nachhaltig hergestellt werden und den Produzentinnen und Produzenten einen fairen Preis einbringen.

Eine Karte des Wagrams zeigt die verschiedenen Winzer, die Roten Veltliner anbauen.

Juliane Fischer