zum Inhalt springen

"Der Wille muss auf beiden Seiten da sein"

Interview mit Elisabeth Steinperl, Psychotherapeutin und Existenzanalytikerin.

steinperl_klein
privat, Elisabeth Steinperl

Das Flüchtlingsthema spaltet Familien und unsere Gesellschaft. Je nach Position hat jeder seine Meinung. Wie können wir es schaffen, einen guten Umgang zu finden?

Wir sollten uns in erster Line angewöhnen verschiedene Perspektiven einzunehmen und unsere Fähigkeit zum ambivalenten Denken wieder hervorholen.  Wenn einem jemand nicht die Hand gibt, ist das ein Akt der Unhöflichkeit – auch wenn das in Afghanistan nicht üblich ist. Hände schütteln zur Begrüßung sollte zur Selbstverständlichkeit werden – ohne jedes Vorurteil, denn bei uns ist das eben so.

Gleichzeitig sollten wir unser Wertesystem hinterfragen. Tiere bekommen heute in Europa mehr Zuwendung als bedürftige Menschen. Diese Entwicklung finde ich dekadent. Menschen, denen es nicht gut geht, also auch Flüchtlinge, sollten Mitgefühl erfahren.

Sie sprechen von Mitgefühl, und nicht von Mitleid.

Ja, das ist wichtig. Menschen mit viel Mitleid brennen rasch aus. Darüber hinaus werden Flüchtlinge durch diese Haltung oft wie kleine Kinder behandelt. Mitgefühl hält Distanz zum anderen und nimmt den anderen ernst, eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe.

Viele Flüchtlinge haben furchtbares erlebt. Sollen diese Erlebnisse angesprochen werden?

Oberstes Gebot mit traumatisierten Menschen ist, sie nicht mit dem Trauma zu konfrontieren. Mit einem Trauma kann man sich erst auseinandersetzen, wenn man sich in Sicherheit fühlt – auch emotional. Das bedeutet, dass Flüchtlinge Asyl bekommen haben, einen Arbeitsplatz finden und eine Wohnung. Das dauert oft viele Jahre. Die Konfrontation mit dem Trauma wird in der Traumaforschung nicht als Therapieziel gesehen, sondern die Stabilisation und Lebenszufriedenheit. Das wird die Integrationsarbeit schwierig machen – wir wissen leider nicht wie weit die Flüchtlinge psychotherapeutisch betreut werden müssen –  das ist von Mensch zu Mensch verschieden.

Wie kann Integration funktionieren?

Der Wille muss auf beiden Seiten da sein – beide Seiten müssen bereit sein, Integration zu leben. Von der Regierung wird sehr viel Gutes angedacht – zB Deutschkurse. Nur so können sich Flüchtlinge an unsere Kultur anpassen und dadurch bestehen. Im Gegenzug müssen Flüchtlinge Vertrauen bekommen. Nur dann erzählen sie wie das Leben in ihrem Land, in ihrem Kulturkreis war und ist. Erst dann können wir Unterschiede aufzeigen und erklären, warum das Leben bei uns so ist, wie es ist.

Kleine Gruppen sind hier sehr nützlich und ganz konkrete Kleinigkeiten, wie Bücher, Kochhefte mit Bildern etc. Das wichtigste aber sind Vertrauen und persönliche Beziehung.

Elisabeth Steinperl ist Psychotherapeutin und Existenzanalytikerin und hat beruflich viele Jahre Menschen unterstützt, die ein Trauma erlebt haben. Heute ist sie auch in ihrer Freizeit damit konfrontiert: sie betreut 12 unbegleitete jugendliche Flüchtlinge.

Das Interview führte Roswitha Reisinger

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen