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Kulinarische Erinnerungen

Genussgrübeleien von Jürgen Schmücking

Es ist die Zeit vor Weihnachten, in der – zumindest ist das bei mir so – die Erinnerungen an Erlebnisse aus der eigenen Kindheit am stärksten sind. In Bezug auf Geschmack habe ich zwei sehr starke Erinnerungen. Bei beiden hat sich mittlerweile etwas verändert, beide sind heute so nicht mehr möglich. Dabei gefällt mir eine Veränderung überhaupt nicht, die andere ist ein Segen.

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Jürgen Schmücking auf den Spuren des Genusses. Foto: Liga

Meine intensivste kulinarische Erinnerung an Weihnachten ist die PEZ-Pistole. Rot, weißer Griff, und die Zuckerl flogen fast fünf Meter. Ich gebe zu, ich war privilegiert. Als Kind war ich im Schwimmverein. Der Verein wurde von Eduard Haas gefördert. Damals hieß das noch nicht Sponsoring. Jedenfalls wurde jedes Jahr um den 6. Dezember herum gefeiert. Im Schwimmbad, wie es sich gehört. Der Nikolaus kam im Schlauchboot und jedes Kind bekam eine PEZ-Box. Die Buben die PEZ-Pistole, die Mädels Daisy Duck. Wenn man als Bub Glück hatte (und das hatte ich gleich zweimal), erwischte man die ganz seltene, schwarze PEZ-Pistole mit einem eigenen PEZ-Pistolen-Waffenschein. Gendermäßig zwar nicht ganz astrein, aber alle waren glücklich. Dann wurde bis Silvester gefeuert. Für volle Magazine sorgten Großeltern, Eltern und Tanten. Mein Lieblingsspiel dabei: in die Luft schießen und das PEZ mit dem Mund auffangen. Funktioniert natürlich nur im Freien, sorgte aber für stundenlange Beschäftigung. Bis zum Weihnachtsabend hatte ich das Kunststück perfektioniert. Ich konnte sogar Vanillekipferl oder Zimtsterne in die Luft werfen und mit dem Mund auffangen. Nur das mit den Erbsen beim Weihnachtsessen, das war der Mama dann doch zu viel.

Heute gibt es keine PEZ-Pistolen mehr. Es gilt als unmoralisch, verwerflich und politisch höchst unkorrekt, wenn man der Schwester ein Zuckerl in den Mund schießt. Oder – vermutlich noch schlimmer – sich selbst eine Waffe in den Mund steckt und ein paar Mal abdrückt. Dafür landen unterm Christbaum dann die jeweils allerneuesten Spielekonsolen mit den allerletzten Versionen von ‚Call of Duty’ oder ‚Battlefield’. Spiele, bei denen auch viel geschossen wird. Aber nicht mit Zuckerln.

Die zweite starke Erinnerung ist jene an das jährliche Familienessen am Weihnachtsabend. Sie ist deshalb so präsent, weil das Ritual immer gleich war. Das Beschäftigen und Ablenken von (uns) Kindern, der Baum, die scheinbar endlose Liedersession, die Geschenke, der Karpfen. Da war es dann vorbei mit lustig. Es gab ihn jedes Jahr. JEDES JAHR. Mein Vater war Hobbyfischer. Der Karpfen kam meist aus irgendeinem stillen Gewässer, schlammig und für den Fisch wenig animierend, sich zu bewegen. Das Ergebnis war ein fetter Brocken, der als Paradebeispiel dafür galt, dass Fischliebhaber die Nase rümpfen, wenn sie seinen Namen hören. Aber da mussten wir durch. Der Großvater hatte es gut. Der hatte sich eine Grätenphobie zurechtgelegt. Er konnte sogar an Fischstäbchen so lange herumkauen, bis sich eine kleine Gräte materialisierte, die er dann aus dem Mund zog.

Heute ist das anders. Im Waldviertel haben die Teichwirte in den letzten Jahren Großartiges geleistet und zeigen, was der Karpfen kann. Ordentliche Fütterung, durchdachte Haltung, frisches Wasser und Bewegung sind die Kriterien für sensationellen Geschmack beim Fisch. Seit einiger Zeit ist Waldviertler Karpfen sogar in biodynamischer demeter-Qualität erhältlich. Diese Veränderung gefällt mir. Und sie ermöglicht mir, an meine Familientradition anzuknüpfen. Der Weihnachtskarpfen ist wieder da.


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