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Gemeinsam statt einsam

Der Wunsch nach neuen Lebensformen boomt. Vor allem bei Senioren und jungen Familien. Private Initiativen und gemeinnützige Träger schaffen neue Möglichkeiten für gemeinschaftliches Wohnen

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B.R.O.T Kalksburg: Bei zehn Hektar Grünland gibt es immer etwas zu tun B.R.O.T

„Ich habe hier eine wunderbare Lebensqualität“, erklärt Judith Binder lachend und steigt von ihrem Fahrrad ab. Mitten im großen Grünareal der Wohngemeinschaft B.R.O.T. in Kalksburg, wo etliche Mieter gerade in ihren Vorgärten werken. Gegenwärtig ist die 54-jährige Ärztin beruflich zwar noch sehr ausgelastet, aber alleine in einer Stadtwohnung älter zu werden und „ständig vorausplanen zu müssen, wann ich mich mit wem verabreden soll“ war für sie keine originelle Perspektive. „Meine Tochter ist erwachsen und eine traditionelle Form des Zusammenlebens war ohnehin nie mein Ding“, resümiert die Medizinerin ihre Überlegungen, sich für ein Leben in der Gemeinschaft. zu entscheiden. Seit 2010 lebt Judith Binder in einer der insgesamt 30 komplett sanierten Wohnungen im ehemaligen Patrestrakt der Jesuiten und ist glücklich. Sie braucht nur vor die Tür zu gehen, um andere Menschen zu treffen und hat sich inzwischen mit mehreren Mitbewohnerinnen angefreundet.

B.R.O.T. steht für Beten, Reden, Offensein und Teilen und ist eine Initiative, die partnerschaftliches, solidarisches Wohnen auf Basis der humanitären Werte des Christentums und aller anderen Weltreligionen anstrebt.„Wir haben das gesamte Projekt mit Unterstützung von Experten in Eigenregie geplant und uns selbst bei der Frage der Installationen und Fußböden zu demokratischen Entscheidungen durchgerungen“, berichtet Rita Schiller, ebenfalls Bewohnerin der ersten Stunde und Leiterin der Arbeitsgruppe Gemeinschaftsentwicklung. Trotz mancher Rückschläge während der Bauphase hat sich der Einsatz auch für sie gelohnt: „Ich kann meiner neunjährigen Tochter eine phantastische Kindheit bieten, es gibt viel Natur und als Einzelkind findet sie immer jemanden zum Spielen.“ Da Ritas Ex-Partner und Vater ihrer Tochter ebenfalls in Kalksburg wohnt, sind beide Elternteile ohne aufwändige Vereinbarungen immer verfügbar.

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Man braucht nur vor die Tür zu gehen und trifft auf andere Menschen B.R.O.T

Zehn Hektar Grünland inklusive Wald bieten reichlich Bewegungsraum. Auch mit der Nachbarschaftshilfe klappt es prima. Die Caritas Wien hat sechs seniorengerechte Wohnungen in unterschiedlichen Größen angemietet, die von Menschen ab dem 60igsten Lebensjahr bewohnt sind. Da kommt es schon vor, dass die Jüngeren einem Älteren ein Hochbett aufstellen oder eine Seniorin zwischendurch die Kinder beaufsichtigt.

Stefan Lirsch wohnt zusammen mit Lebenspartnerin Dorothea Ziegler und deren Kindern in einer großen Patchworkfamilie ebenfalls im alten Patrestrakt. Er erzählt von einer alten Dame, die unter einer fortschreitenden Demenzerkrankung leidet und dennoch nach wie vor in der Gemeinschaft leben kann. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten konnte sich die Seniorin nicht mehr alleine versorgen und übersiedelte in eine größere Wohnung auf dem Areal, die auch eine Pflegeperson beherbergen kann. Stefan Lirsch: „Es war zu sehen, wie schnell sich der Zustand der alten Dame in vertrauter Umgebung verbesserte.“

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Neue Lebensräume in Graz: Das Leben in der Gemeinschaft bringt auch so manche Altersdepression zum Verschwinden Teresa Rothwangl

„Konflikte sind erwünscht“
Dass der Zustand dementer Menschen durch Gedächtnistraining und Aktivierungsmaßnahmen deutlich verbessert werden kann, hat Mag.Karl Trummer von der Neuen Lebensräume GmbH in Graz schwarz auf weiß: „Nach ein bis zwei Jahren Leben in einem unserer Häuser zeigen die medizinischen Gutachten vieler an Demenz Erkrankter positive Veränderungen.“ Das Leben in der Gemeinschaft bringt auch so manche Altersdepression zum Verschwinden. Aus langjähriger Erfahrung weiß Mag. Trummer, was sich Senioren wünschen: „Die meisten wollen selbstständig und selbstbestimmt in der eigenen Wohnung leben, gleichzeitig aber nicht auf Sicherheit und Gemeinschaft verzichten“, bringt es Mag.Trummer auf den Punkt. Genau das bietet die Neue Lebensräume GmbH mit Betreutem Wohnen in inzwischen 36 Häusern und acht Generationenhäusern in verschiedenen steirischen Gemeinden an. 30 weitere sind in Planung. Zwei Drittel der Wohnhäuser waren Sanierungsobjekte. „Das liegt vor allem daran, dass sie in Orts- oder Stadtzentren angesiedelt sind, damit die älteren Menschen in alltägliche Abläufe eingebunden werden,“ nennt Mag. Trummer den Hauptgrund für die Wahl der urbanen Standorte. Mindestens acht und maximal 16 Personen leben in den in barrierefreien, behindertengerechten und für jeden leistbaren Einzel- oder Doppelwohnungen. Bei Bedarf kann ein Grundbetreuungsangebot in Anspruch genommen werden. Das ermöglicht es auch Menschen, die im Laufe der Zeit intensiver betreuungs- und pflegebedürftig werden, in Zusammenarbeit mit den mobilen Diensten solange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben. Jedes der Häuser verfügt auch über einen Gemeinschaftsraum, der Platz für gesellige Zusammenkünfte bietet. Dass es Schwellenängste gibt, ist für Mag. Trummer verständlich. Fragen, wie: Muss ich mit jedem gut auskommen? oder: Was mache ich, wenn mich mein Nachbar nervt? können in Vorgesprächen leicht ausgeräumt werden. Wo es dennoch Konflikte gibt, sind sie willkommen. „Nichts ist trauriger als apathische alte Menschen“, erklärt der Experte seine Haltung. „Konflikte haben häufig eine sehr belebende Wirkung. Unsere gut geschulten Mitarbeiter unterstützen den richtigen Umgang mit Problemen und helfen, Lösungen zu finden.“

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Neue Lebensräume Graz Teresa Rothwangl

Wohnen für Fortgeschrittene
Ralf Ullsperger (65) hat seine Alternative zum Altersheim gefunden. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin ist er vor rund eineinhalb Jahren in eine Wohngruppe in den 16. Wiener Gemeindebezirk übersiedelt, die Teil eines Wohnhauses der Gewog Neuen Heimat ist. Neben den ganz „normalen“ Mietern in allen Altersstufen und Konstellationen sah das Konzept auch gezielt eine Seniorenwohngruppe vor. „Da ich schon als jüngerer Mensch viele Jahre in Wohngemeinschaften gelebt hatte, gingen auch meine Überlegungen fürs Älterwerden in diese Richtung“, berichtet der nach wie vor als Trainer beruflich aktive Ralf Ullsperger. Damit ist er ein typischer Repräsentant einer neuer Generation jetzt älter werdender Menschen.

„Die klassischen Familienstrukturen lösen sich auf, es gibt immer mehr Alleinstehende, entweder weil sie geschieden oder verwitwet sind oder andere Lebensentwürfe hatten,“ nennt Susanne Reppé, zuständig für Projektentwicklung und Marketing bei der Gewog Neuen Heimat, die Gründe für das wachsende Interesse an neuen Wohnformen. Auch wenn Kinder da sind, wollen viele Älterwerdende sich nicht auf sie verlassen oder ihnen einfach nicht die Last des „Sich-Kümmern-Müssens“ aufbürden.

Die finanziellen und bürokratischen Hürden von privaten gemeinschaftlichen Bauvorhaben sind hier weggefallen. Einigen mussten sich die Interessenten „nur“ darüber, wer in welche Wohnung zieht und wie die Gemeinschaftsräume ausgestattet und genutzt werden. „Das war schwer genug“, erinnert sich Ralf Ullsperger. Viele Konflikte wurden mit Hilfe von Moderation gelöst. 14 Frauen, zwei Männer und zwei Paare im Alter zwischen 53 und 73 sind schließlich in die Wohngruppe eingezogen. Eine Mischung, die kein Zufall ist. „Meistens sind es Frauen, die sich von dieser Wohnform angezogen fühlen“, weiß Susanne Reppé aus Erfahrung. Häufig bringen sie mehr Bereitschaft zum sozialen Miteinander mit als Männer.

Eine Lebensgemeinschaft ist kein Urlaubsclub mit Animation, sondern lebt von der Initiative des Einzelnen. Reppé: „Wir bieten eine Grundstruktur an, organisieren müssen sich die Bewohner selbst“. Für manche ist das gewöhnungsbedürftig, für andere kein Problem. Ullsperger: „Die grundsätzliche Bereitschaft, etwas Neues zu lernen, ist auf jeden Fall sehr hilfreich für diese Lebensform.“ Und Interessierte gibt es mehr als genug. Ein ganz ähnliches Projekt im 14. Bezirk ist gerade im Werden.

Solidarisch und multikulturell
Immer häufiger finden sich Menschen, die ihre Wohnräume selbst gestalten wollen, zu Interessensgruppen zusammen. Eine davon ist die Wohngruppe Wien, deren Wohnheim auf dem Nordbahnhofgelände im zweiten Wiener Gemeindebezirk entsteht. Bis 2013 werden die 40 Wohnungen bezugsfertig sein. Die Baugruppe besteht aus 56 Erwachsenen und 20 Kindern, zwischen 0 und 66 Jahren alt. „Wir wollen ein Dorf in der Stadt sein, eine Gemeinschaft, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert und sich der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlt,“ fasst Roberta Rastl-Kircher, künftige Bewohnerin, die gemeinsame Vision zusammen. Vielfalt der Generationen, Sprachen, Kulturen und Berufe ist erwünscht und wird bei der Auswahl gezielt berücksichtigt. Rastl-Kircher: „Zusammen sprechen wir 17 Sprachen, haben über 40 verschiedene Berufe, leben alleine oder in Paaren, WGs oder anderen Konstellationen, mit oder ohne Kinder, sind homo- und heterosexuell.“ 300 Quadratmeter Wohnfläche sind als Solidaritätswohnungen geplant, die durch zukünftige Kooperationen mit sozialen Organisationen, wie beispielsweise dem Verein Ute Bock u.a., vergeben werden sollen. Viele Nachahmer mögen folgen.


Infos:
www.brot-kalksburg.at
www.neue-lebensraeume.at
Der Verein Gemeinschaft B.R.O.T. plant derzeit ein neues Wohnprojekt in der Seestadt Aspern. www.brot-aspern.at
www.neueheimat-wohnen.at
www.wohnprojekt-wien.at
Überblick über realisierte und geplante Wohnprojekte 50+: www.gemeinsamwohnen.at

Autorin: Ilse Königstetter
 

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