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Frei, aber nicht allein

Wie wollen wir im Alter leben? Gastkommentar von Annerose Sieck

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„Alt zu werden ist schön, aber schön alt zu werden, ist besser!“, erkannte die französische Feministin Thérèse Clerc. Mit gleichgesinnten Frauen lebt die 85-Jährige seit 2013 in einer Hausgemeinschaft bei Paris ihren Traum vom selbstbestimmten, solidarischen und nachbarschaftlichen Miteinander. Zugegeben: Die Wohnungen der Babayagas, der „Hexen“, wie sie sich nennen, sind mit 35 Quadratmetern nicht gerade üppig bemessen, dafür sind sie selbst für kleine Portemonnaies und Renten erschwinglich. So wie Thérèse Clerc machen sich mittlerweile nahezu europaweit nicht nur alleinstehende Frauen ab 50 Gedanken darüber, wie sie bis ins hohe Alter ihren Bedürfnissen entsprechend leben können. Allein in den vier Wänden, wie es vielleicht ihre Mütter nach dem Tod des Ehemannes getan hatten? Irgendwann von der Hilfe fremder Menschen abhängig? Ins Altersheim, das jeglichen persönlichen Spielraum unterbindet? Nein! Frauen, die sich bewusst dafür entscheiden, mit Geschlechtsgenossinnen in ein Haus zu ziehen, um die Anonymität großstädtischen Wohnens zu durchbrechen, sich im Alltag zu unterstützen und diesen durch gemeinsame Aktivitäten zu verschönern, haben begriffen, dass es um mehr geht, als nur um individuelle Belange. Es geht um ein menschenwürdiges, lebensbejahendes Altwerden in unserer Gesellschaft.

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigen mittlerweile eine Vielzahl von gemeinschaftlichen Frauenwohnprojekten. Sie haben sich als Antwort auf den demografischen Wandel seit Mitte der 1980er-Jahre etabliert, sind zum Vorbild geworden und liefern im Reigen der alternativen Wohnformen einen wesentlichen Puzzlestein. Die Zahl derer, die miteinander statt nebeneinander leben möchte, wächst stetig. Dafür sind Frauen bereit, eingefahrene Gleise zu verlassen und Neues zu wagen. Dass dies nicht immer störungsfrei abläuft und eine gehörige Portion Toleranz und Achtsamkeit den anderen gegenüber erfordert, schreckt die Wohnpionierinnen genauso wenig wie handfeste Konflikte. „Wir haben das Rezept, wir haben den Topf, nun ist es an uns, die Suppe zu kochen!“, bringt es Thérèse Clerc auf den Punkt. Das „Wir“ ist das Ziel, und dieses allumfassende Ziel verliert keine der Frauen aus den Augen. Auch nicht, wenn es im Suppentopf mal ordentlich brodelt oder gar überkocht. Das gehört dazu und ändert nichts an der allgemeinen Zufriedenheit der Bewohnerinnen.

Frauen, die bereit sind, in einer Art Wahlverwandtschaft mit anderen zu leben, gewinnen viel mehr, als sie verlieren könnten. Dr. Erika Riemer-Noltenius, die mittlerweile verstorbene Initiatorin des Bremer Beginenhofs, brachte es prägnant zum Ausdruck: „Wenn Frauen quer durch die Generationen und unter einem Dach Beziehungsgeflechte gegenseitiger Unterstützung entwickeln, gibt es weniger Bedarf an teuren Diensten für allein erziehende Mütter und an menschenunwürdigen Alten- oder Pflege- und Sterbeghettos. Darin steckt die soziale und auch wirtschaftliche Brisanz des Modells. Je öfter es erfolgreich umgesetzt wird, umso stärker wird es unsere Kultur verändern und ihr mehr Menschlichkeit, Kreativität und Zufriedenheit verleihen.“

Infos:
Annerose Sieck ist Historikerin und Autorin und setzt sich intensiv mit dem Thema „Frauen in der Gesellschaft auseinander. Ihr aktuelles Buch „Weiber wirtschaften – Gemeinschaftlich wohnen und leben auch im Alter“ ist im ueberreuter Verlag erschienen.

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