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Wohngemeinschaften für Jung und Alt

Sie leben gemeinsam unter einem Dach, sind aber dennoch keine Familie: Wohn- und Hausgemeinschaften sind eine Antwort auf den Trend zur Vereinzelung und Überalterung der Gesellschaft.

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Plus / Istockphoto

Frau Hildegard aus Graz lebte allein in ihrer Wohnung. Hier hatte sie ihre beiden Kinder großgezogen, die inzwischen längst eigene Familien haben. Hier blieb sie, als ihr Mann starb. Die Wohnung lag im dritten Stock eines Hauses ohne Lift. Heizen konnte man nur mit einem alten Ölofen. Je älter Frau Hildegard wurde, desto schwerer fiel es ihr, mit den Einkäufen die Stiegen hinaufzusteigen, Heizöl zu schleppen und die große Wohnung in Schuss zu halten. Frau Hildegard zog zu ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter, aber ihr war klar, dass es nur eine Notlösung war. Über ihren Sohn erfuhr sie von einer betreuten Senioren-Wohngemeinschaft der Organisation „Neue Lebensräume“. Frau Hildegard hatte Glück – sie bezog ein Zimmer der Wohngemeinschaft in bester städtischer Lage und teilt seitdem die Wohnung mit fünf weiteren Senioren und Seniorinnen.

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Pomali, am Rande des Dunkelsteinerwaldes: Auf diesem Grundstück soll eine Wohngemeinschaft enstehen. Kirchner

Petra und Martin Kirchner sind Eltern von drei Kindern. Ihr Traum ist es, ihre Kinder in einer entspannten dorfähnlichen Gemeinschaft aufwachsen zu sehen. Seit über zehn Jahren verfolgen sie den Plan, eine Gemeinschaftssiedlung für 50 bis 60 Menschen zu gründen, in der Familien, ältere Menschen und Alleinstehende wohnen und zum Teil auch arbeiten. Vorbild sind Co-Housing-Projekte in Skandinavien und den USA: Private Wohneinheiten werden ergänzt durch Gemeinschaftseinrichtungen wie Küchen oder Werkstätten. Die Bewohner bilden eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, in der nachbarschaftliches Miteinander groß geschrieben wird, in der gelegentlich gemeinsam gekocht und gegessen wird, die aber genug Privatsphäre für jeden Bewohner und jede Familie bietet. Ein Grundstück in Landersdorf am Rande des Dunkelsteiner Waldes ist bereits gefunden. Bis 2011 sollen hier 20 bis 40 reihenhausartige Wohneinheiten nach baubiologischen Kriterien errichtet werden. Der Name des Co-Housing Projekts lautet „Pomali“ – ein slawisch-österreichischer Ausdruck für „gemächlich“, „immer mit der Ruhe“.

Wir werden älter und einsamer
Wohnen in Gemeinschaft hat viele Formen: Traditionelle Klöster und israelische Kibbuzim, belgische Beginen-Höfe und Kommunen, Frauenhäuser und Studenten-Wohngemeinschaften. Gemeinsames Leben kann weltanschauliche oder religiöse Gründe haben, oft steht aber eine ökonomische Entscheidung dahinter: Zu mehrt unter einem Dach wohnt es sich einfach günstiger. Die heute vorherrschende Kleinfamilie aus Mutter, Vater und Kindern ist eine vergleichsweise junge Erscheinung. Die demografische Entwicklung zeigt auch, dass ihre Bedeutung abnimmt und die Zahl der Patchwork-Familien, der allein erziehenden Eltern und Singles steigt. Und es gibt einen weiteren Trend: Wir werden immer älter. Im Jahr 2015 wird ein Viertel der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. Senioren werden in Zukunft einen beträchtlichen Teil der Gesellschaft stellen. Das Angebot auf dem Wohnungsmarkt orientiert sich aber nach wie vor zum Großteil am Modell der traditionellen Kleinfamilie. Neue Formen des gemeinsamen Wohnens gehen deshalb oft auf private Initiativen von Menschen zurück, die sich mit viel Engagement dafür einsetzen, ihr Leben mit der „Wahlverwandtschaft“ zu verwirklichen. 

Infobox:

  • Betreute Senioren-Wohngemeinschaft in Graz: Neue Lebensräume GmbH, Leechgasse 30, 8010 Graz, Tel.: 0316/22 80 97, www.neue-lebensraeume.at
  • Cohousing Pomali: Verein Miteinander Zukunft Bauen, www.pomali.at

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