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Die essbare Stadt

Genussgrübeleien von Jürgen Schmücking

"Wenn man Platz auf der Terrasse hat, kann man sich sein Gemüse, seinen Salat und seine Tomaten selber auf der Terrasse wachsen lassen." Danke, Fiona. Sekunden davor sinnierte sie noch über Gründe und Hintergründe: "Was sind die Begründungen? Alles wird teurer. Die Arbeitsplätze werden teurer. Unsere Konkurrenzländer mit diesen Billig-Stunden machen uns Konkurrenz. Es ist eine Katastrophe. Es ist eine Weltkatastrophe. "Wie recht sie hat. Es ist eine Katastrophe. Dabei antwortet Fiona Grasser durchaus überlegt und souverän. Fast könnte man meinen, es sei ihr selbst eingefallen.

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Jürgen Schmücking auf den Spuren des Genusses. Foto: Liga

Ist es aber nicht. Die Konzepte der ‚essbaren Stadt’ und ihre Sprösslinge urban gardening, rooftop-growing oder balkontopfing rauschen durch den (urbanen) Blätterwald diverser Hochglanz-Lifestyle-Magazine und sind demnach in aller Munde. Am Stadtrand entstehen landwirtschaftliche Erlebniszonen in Form von Vereinen, in denen politisch korrekte und wertbewusste Konsumenten intensiv über die Zubereitungsvarianten von selbstgeerntetem Bio-Spargel diskutieren.

Bitte mich nicht misszuverstehen. Ich finde diese Ideen und Projekte gut und wichtig und natürlich eh ganz super. Letztlich sind es aber Wohlfühlprojekte. Hin und wieder ein wenig Gartenarbeit. Sonnenbrand und erdige Hände inklusive und dann bei der Grillparty stolz die eigenen Paradeiser in den Salat schnipseln. Die Familie lässt sich davon nicht ernähren. Aber davon geht ohnehin niemand aus.

Ein paar Tausend Kilometer südlich – der Längengrad ist dabei fast egal – sieht die Sache deutlich anders aus. Niemand sagt hier ‚urban gardening’ zum Gemüsegarten hinterm Haus. Es sagt auch niemand ‚citybees’ zu den Bienenvölkern neben der Autowerkstatt und Blogger stellen keine instagrammgepepten Bilder ins Netz. Diese Dinge sind einfach da, weil sie gebraucht werden. Weil es ohne nicht geht. Hier, in den Städten und Vororten von Ruanda, Tanzania, Gambia aber auch von Chile und Peru wird urbane Landwirtschaft betrieben, weil Lebensmittel am freien Markt einfach zu teuer sind. Zum Pflanzenbau kommt hier allerdings auch noch städtische Tierhaltung, und während bei uns üppig grüne Veranden und Balkone eher auf Wohlstand hinweisen, sind die Ziegen und Hühner, die sich in Dar-Es-Salam die Höfe mit den Kindern teilen, ein klares Zeichen wirtschaftlicher Not.

In Zeiten ökonomischer Krisen hat sich die städtische Tierhaltung als brauchbare Strategie zur teilweisen Selbstversorgung entwickelt und erfüllt eine Reihe kultureller und sozialer Funktionen. In der Regel geht es dabei um Geflügel (meist Hühner), Kleintiere (meist Kaninchen) und Ziegen. Als „Eisenbahnerkuh“ hat sich die Ziege als Krisentier bereits vor langer Zeit einen Namen gemacht. Doch es sind auch einige große Krankheiten der Menschheit - darunter Masern, Pest und Cholera - aus der Interaktion zwischen Mensch und Tier entstanden. Die häusliche Tierhaltung hat enormes Potential, birgt aber auch viele Gefahren. Hier ist eindeutig die Politik gefordert, einige Regeln zu überdenken und entsprechende Freiräume zu schaffen. Das ist auch möglich, wäre Selbstversorgung nicht so ein schmerzhafter Dorn im Auge der meisten Volksvertreter. Schließlich stellen Selbstversorger grundlegende Eckpfeiler unseres Systems in Frage. In Punkto Lebensmittelsicherheit, weil Menschen, die Hühner halten und schlachten, kaum damit in den Schlachthof fahren und sich somit dem amtstierärztlichen Kontrollregime entziehen. Und es geht um Steuern, Macht und Abhängigkeit. Aber das ist eine ganz eigene Grübelei.


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