Das ist ungerecht!
Ungerecht behandelt zu werden, frustriert und kann Ohnmachtsgefühle auslösen – auch gesamtgesellschaftlich. Wie kommt man da wieder raus?
Eine junge Frau, nennen wir sie Songül, sucht eine Lehrstelle. Sie ist motiviert, qualifiziert, bewirbt sich und bekommt doch jedes Mal eine Absage. Songül ist frustriert. Warum will sie niemand ausbilden? Irgendwann schleicht sich eine Vermutung ein: Es könnte an ihrem türkischen Namen liegen.
Marianne Baumgartner, Geschäftsführerin von Mafalda, hat schon oft erlebt, wie schwer es für Frauen mit Migrationshintergrund sein kann, einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle zu finden. Ihr Verein unterstützt und berät junge Frauen und Mädchen wie Songül in Graz. „Natürlich wird es den jungen Frauen nicht so vom potenziellen Arbeitgeber rückgemeldet“, sagt Baumgartner. Der Subtext sei aber in vielen Fällen eindeutig – auch für junge Mütter. Kinder und Migrationshintergrund können schwer überwindbare Hürden auf dem Weg in einen Job sein.
Ungleiche Verteilung von Bildung, Vermögen, Gesundheit
Mafalda setzt sich deswegen für Chancengleichheit ein – in einer Gesellschaft, in der Frauen, was das Einkommen betrifft, generell benachteiligt sind: Der Gender Pay Gap, der den Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen angibt, ist in Österreich so groß wie sonst fast nirgends in Europa. Und das ist nur eine von mehreren sozialen Ungleichheiten: So ist etwa auch Bildung in Österreich ungleich verteilt. „Die soziale Herkunft spielt nach wie vor eine zu große Rolle auf dem Bildungsweg, anders als zum Beispiel in den skandinavischen Ländern“, sagt Soziologin Nina-Sophie Fritsch. Kinder und Jugendliche schlagen hierzulande mit höherer Wahrscheinlichkeit einen ähnlichen Bildungsweg wie ihre Eltern ein. Bildung wird vererbt. Gesundheit ist ebenfalls ein Gut, das nicht allen gleichwertig zur Verfügung steht. Zwar sind annähernd alle Menschen in Österreich krankenversichert und haben Zugang zum Gesundheitssystem. Wie gesund Menschen sind, hängt aber auch von ihrem Job ab – arbeiten sie am Bau oder im Büro? – oder von ihrem Wissen um einen gesundheitsfördernden Lebensstil, das je nach sozialer Schicht unterschiedlich ausgeprägt ist. Auch Vermögen ist sowohl global als auch in Österreich sehr ungleich verteilt – ein Problem, sagt Fritsch, weil damit oft auch politische Macht und Mitsprache einhergehen würden, wie das derzeit in den USA zu beobachten sei. Eine solch extreme Entwicklung sei in Österreich zwar derzeit noch nicht zu sehen, aber eine zu ungleiche Verteilung von Vermögen sei nicht gut für den Zusammenhalt in einer Gesellschaft.
RAUS AUS DER OPFERROLLE. ABER WIE?
Jede*r kennt sie: Menschen, die sich permanent benachteiligt fühlen. Die fest davon überzeugt sind, alle anderen bekämen das größere Stück vom Kuchen, während sie sich mit den Bröseln begnügen müssen. Die Psychologie nennt solche Menschen „opfersensibel“: Sie reagieren stärker als andere auf Ungerechtigkeiten, und zwar vor allem auf jene, die ihnen – auch vermeintlich – selbst widerfahren. Sie nehmen Benachteiligungen stärker wahr, haben Sorge, von anderen ausgebeutet zu werden, und interpretieren auch neutrale Situationen eher als unfair. Kurz: Sie haben die Opferrolle übernommen.
Ob besonders opfersensibel oder nicht: Nur wer es schafft, die eigene Situation anzunehmen und sich nicht mehr als Opfer zu sehen, übernimmt für das eigene Leben Verantwortung, sagt Alma Brkic-Elezovic, Psychotherapeutin mit Fachrichtung Existenzanalyse. Viele ihrer Klient*innen sind durch Krankheiten, Krisen oder andere Schicksale in Situationen, in denen ihnen das nicht leicht fällt. Mit ihnen macht sich Brkic-Elezovic auf die Suche nach Handlungsspielräumen. Denn: Unabhängig davon, wie die Umstände auch sein mögen: „Individuelle Gestaltungsmöglichkeiten gibt es immer.“ Die seien zwar nicht in jeder Situation offensichtlich und vor allem Menschen, die sich über viele Jahre als nicht selbstwirksam erlebt haben, würden sich schwertun, diese zu erkennen.
„Erlernte Hilflosigkeit“ heißt der Zustand, in dem Menschen aufgrund wiederholter Erfahrung von Ohnmacht oder Überforderung auch in neuen Situationen das Gefühl haben, ihr Leben nicht positiv beeinflussen zu können. Die psychische Verfassung und die Umstände können es tatsächlich sehr herausfordernd machen, raus aus der Passivität zu kommen, „sprich das eigene Leben wieder zu ergreifen“. In solchen Fällen gelte es – mit professioneller Hilfe –, Stück für Stück wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln: Therapeut*innen helfen dabei, erlernte Muster der Hilflosigkeit zu erkennen, negative Gedanken zu hinterfragen, realistische Gedanken zu entwickeln und erste kleine Herausforderungen zu meistern. Unterstützend wirkt dabei alles, was die eigene Resilienz stärkt, wie Selbstfürsorge und sozialer Rückhalt.
Wissen empowert
Wenn die Kosten steigen und manche Menschen sich ihr tägliches Leben kaum mehr leisten können, wenn sie den Eindruck haben, ein zu kleines Stück vom großen Kuchen zu bekommen, führe das zu großer Unzufriedenheit, sagt Fritsch. Die von bestimmten politischen Akteuren und manchen Medien noch einmal bewusst befeuert werde. Wenn dann noch, so wie aktuell, eine Krise die nächste jagt, würden Ängste und Gefühle von Ohnmacht in der Bevölkerung zunehmen. „Diese Ängste dürfen nicht kleingeredet werden“, sagt Fritsch. Sonst würden sie zum Nährboden für Politikverdrossenheit und damit die Demokratie gefährden.
Die permanente Verfügbarkeit von Nachrichten, emotionalisierende Medien und Desinformation würden Ängste und Ohnmachtsgefühle verstärken. „Bewusste Bildschirmpausen können helfen, genauso wie seriöse Nachrichtenquellen.“ Denn Information und Wissen ist das beste Mittel gegen Angst.
So sieht es auch Marianne Baumgartner von Mafalda. Gegen so manche Ungerechtigkeiten, die sie erleben, können die von Mafalda begleiteten Mädchen und jungen Frauen wenig ausrichten. „Empowerment geschieht aber vor allem auch durch Wissen.“ Durch Wissen um die eigenen Rechte und Pflichten, zum Beispiel was Überstunden im Ausbildungsverhältnis betrifft. Um die Vielfalt an Ausbildungsmöglichkeiten, die sich nicht auf die Lehre zur Frisörin oder Bürokauffrau beschränken. Und vor allem um die eigenen Talente. „Wenn die Mädchen Erfolgserlebnisse haben, positive Rückmeldungen zu ihren Fähigkeiten bekommen, blühen sie richtig auf“, sagt Baumgartner. Wer weiß, was er kann und was ihm zusteht, kann sich auch eher gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen.
Sandra Lobnig
DIE EXPERT*INNEN
Mag. Marianne Baumgartner
Geschäftsführerin von Mafalda
www.mafalda.at
Nina-Sophie Fritsch
Soziologin am Institut für Soziologie und Empirische Sozialforschung der Wirtschaftsuniversität Wien
Mag. Alma Brkic-Elezovic
Psychotherapeutin und Geschäftsführerin der Fachgesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse Österreich