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Armutszeugnis

Zwischen Billiggemüse und Elektro-SUV: Wer lebt wirklich nachhaltig – und wer kann es sich leisten? Ein Blick auf Armut, Reichtum und Verantwortung.

Ein Einkaufswagen vor leerem, dunkelblauen Hintegrund. Im Korb liegen ein paar wenige Grundnahrungsmittel.
Foto: Pramod Tiwari

Ein kurzer Spaziergang in einem der Wiener Außenbezirke am Rand des Wienerwaldes kann die Problematik des Zusammenhangs von Vermögen und Nachhaltigkeit vor Augen führen: Zunächst führt der Weg vorbei an einem Mehrparteienhaus, schon etwas in die Jahre gekommen, im Erdgeschoß ein Lebensmitteldiskonter. Auf das Billiggemüse, herbeigeschafft etwa aus Spanien, gibt es noch einmal einen Rabatt von 25 Prozent; es findet guten Absatz. Auf den Parkplätzen vor dem Haus Autos kleiner und mittlerer Größe, fast alles Verbrenner.

500 Meter weiter geht die Straße in eine adrette Einfamilienhaussiedlung über. Auf dem Dach eines der Häuser eine Solaranlage, in der Garteneinfahrt ein Elektro-SUV an der hauseigenen Ladestation.

Man kann das Bild aber auch andersherum zeichnen: Im Diskonter gibt es auch ein breites Bio-Angebot, das ebenso seinen Absatz findet, die Kund*innen aus dem Grätzl kommen zu Fuß oder per Fahrrad zum Einkauf. Und von den Verbrennern am Parkplatz stammen nicht wenige aus der adretten Siedlung. Wer also trägt nun wieviel zu einer nachhaltigen Lebensweise bei?

Studien und Erfahrungsberichte belegen seit Jahren wenig überraschend: Wer arm ist, kann sich bestimmte Aspekte eines nachhaltigen Lebensstils kaum leisten. Andererseits hinterlassen Menschen, deren finanzieller Spielraum knapp ist, in vielem einen geringeren ökologischen Fußabdruck, gerade, was Energieverbrauch, Reisen, Konsumausgaben jenseits des Lebensnotwenigen betrifft. Von den Folgen eines nicht nachhaltigen Lebensstils sind sie überproportional betroffen, besonders von den Auswirkungen des Klimawandels.

Das globale Ziel lautet angesichts dessen: ein gutes Leben für alle, bei größtmöglicher Schonung der Ressourcen der Erde und dem Schutz des Klimas – denn beides ist nicht nur vereinbar, sondern hängt untrennbar zusammen.

Armut und Vermögen weltweit

Die UNO-Mitgliedsstaaten haben daher in der Agenda 2030 als erstes der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) festgelegt, die Armut weltweit beseitigen zu wollen, besonders extreme Armut. Als absolut arm gilt, wer mit 3 US-Dollar (2,54 Euro) am Tag auskommen muss. Bis 2019 gelang es, die Zahl der extrem Armen kontinuierlich zu senken – seit der Pandemie stagniert die Zahl jedoch und soll 2025 laut dem UNO-Zwischenbericht bei 9,9 Prozent stehen. Das sind mehr als 800 Millionen Menschen – oder eine von 10 Personen. Dazu kommen jene, die als „relativ arm“ gelten, zusammen machen sie fast die Hälfte der Menschheit aus. Das für 2030 angestrebte Ziel rückt in immer weitere Ferne.

Absolute und relative Armut weltweit 
* nach gesellschaftlicher Armutsgrenze (SPL, relativ zum Wohlstand eines Landes) ist die Anzahl an extrem Armen seit 1981 kontinuierlich gesunken: von über 50% Prozent der Weltbevölkerung auf etwa 25%.
**nach intern
Quelle: World Bank (2026), Poverty and Inequality Platform. pip.worldbank.org. Grafik: liga graphic design

Gleichzeitig geht die Vermögensschere immer weiter auf. Allein 2025 stieg das Vermögen der nun rund 3.000 Milliardäre weltweit um 11 Prozent an – seit 2020 inflationsbereinigt um mehr als 100 Prozent. Allein die 12 Reichsten der Welt, angeführt von Elon Musk, besitzen mit ihren rund 2,5 Billionen Dollar an Vermögen so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Anzahl der Milliardäre und ihr Gesamtvermögen weltweit (in Billiarden Dollar)
2020    2095    8

2021    2755    13,1

2022    2668    12,7

2023    2640    12,2

2024    2781    14,2

2025    3028    16,1
Quelle: Forbes; Grafik: liga graphic design; Foto: Markus Spiske

In Österreich und Europa

Die Vermögensentwicklung in Europa zeigt ein ähnliches Bild: ein starkes Wachstum bei den Milliardären, während die Ungleichheit zunimmt. Österreich zählt aktuell 49 Milliardäre, die zusammen mehr als 80 Milliarden Dollar besitzen. Die reichsten fünf Prozent der österreichischen Haushalte besitzen mehr als die Hälfte des gesamten privaten Vermögens im Land. Dies ist der zweithöchste Anteil unter den zwanzig Ländern der Eurozone.

Laut offizieller Statistiken ist auch in Österreich gleichzeitig in den vergangenen Jahren neue Armut entstanden. „Waren zu Vorkrisenzeiten rund 200.000 Menschen von absoluter Armut betroffen, so sind es heute – rund zwei Jahre später – rund 336.000 Menschen. Sie können sich essenzielle wie selbstverständliche Dinge nicht mehr leisten: Miete, Heizen oder Lebensmittel“, hielt die Caritas dazu im Oktober 2025 fest.

Für diese Menschen stellt sich die Option, zu nachhaltigen, aber teureren Produkten zu greifen, wohl kaum. Im Blick auf den gesamten Markt ist bemerkenswert, dass noch 2024 der Absatz nachhaltiger Produkte um einige Prozent gestiegen ist. Eine Umfrage der Wirtschaftsuni (WU) Wien im Mai 2025 ergab allerdings, verglichen mit Werten aus 2021: „Die Begeisterung für nachhaltige Produkte scheint leicht abzunehmen – zumindest wenn es um das tatsächliche Kaufverhalten geht.“

Armut gießt Öl ins Feuer

Die wachsende Schere zwischen Reich und Arm wird von vielen Seiten mit zunehmender Sorge gesehen: nicht nur von sozial engagierten Personen und Organisationen, sondern auch von Politiker*innen, Ökonom*innen sowie Umwelt- und Klimaschützer*innen. Eine Gefahr ist, dass politische Entscheidungen durch die Finanz- und Ressourcenmacht einiger weniger dominiert und demokratische Strukturen untergraben werden, eine andere, dass gesellschaftliche Konflikte befeuert werden. Aus ökonomischer Sicht braucht ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum eine breite Streuung von Einkommen, Bildung und Teilhabe; Ähnliches gilt für die Schaffung nachhaltigen und klimaneutralen Wirtschaftens und Lebens weltweit.

Trickle-down?

Seit mehreren Jahrzehnten wurde von wirtschaftsliberalen Thinktanks, ausgehend von den USA, die sogenannte „Trickle-down-Theorie“ gepredigt. Ihre Grundannahme: Der Wohlstand der Reichen einer Gesellschaft „rieselt“ nach und nach durch Konsum und Investitionen in die unteren Schichten der Gesellschaft und führt so zu Wirtschaftswachstum, von dem dann alle profitieren. Die Kernforderung, die daraus abgeleitet wurde: die finanzielle Entlastung der Wohlhabenden durch Steuersenkungen.

Diesseits des Atlantiks wurde daraus unter anderem der Slogan „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s allen gut“. Die österreichische Wirtschaftskammer verwendete den Slogan einige Zeit und erntete dafür auch einiges an Kritik. Dabei hat der Satz seinen wahren Kern, wenn unter Wirtschaft die Gesamtheit wirtschaftlicher Aktivitäten verstanden wird, inklusive der nicht gewinnorientiert erbrachten Leistungen und des öffentlichen Sektors, und wenn sie eingebettet in ein gesamtgesellschaftliches System von „checks and balances“ ist, etwa gerechte Lastenverteilung und Nachhaltigkeit.

Was in Österreich mit Blick auf die Trickle-down-Theorie auch begründet wurde: die Abschaffung der Vermögenssteuer (1993). Die Erbschafts- und Schenkungssteuer fiel 2008 wegen Verfassungswidrigkeit in der Ausgestaltung, eine Einführung in erneuerter Form wurde unterlassen. In der EU heben derzeit 19 der 27 Länder eine Erbschaftssteuer ein, eine Vermögenssteuer gibt es in Norwegen und Spanien; auch die Schweiz hebt eine solche ein.

Mit Steuern gegenwirken?

Angesichts der Tatsache, dass Österreich im EU-Vergleich eine der stärksten Ungleichverteilungen von Vermögen aufweist, fordern unter anderem die Arbeiterkammer (AK) und der Gewerkschaftsbund (ÖGB) die Wiedereinführung beider Steuern. Der ÖGB verweist darauf, dass vermögensbezogene Steuern 2024 nicht einmal ein Prozent zu Staatseinnahmen aus Steuern und Abgaben beitrugen. Damit nimmt Österreich unter den 38 OECD-Mitgliedsländern den viertletzten Platz ein. Im Schnitt heben die OECD-Länder 4,9 Prozent an vermögensbezogenen Steuern ein. Sogar in den USA tragen Vermögende mehr zu den Steuereinnahmen bei als bei uns, so die AK.

Der Vorschlag der AK sieht für beide Steuern eine Freigrenze von einer Million Euro vor, das heißt erst ein Betrag über dieser Grenze wird besteuert – das ist ein deutlich höherer Freibetrag als in den 1990ern, was den administrativen Aufwand verringert. Eine wiedereingeführte Vermögenssteuer würde laut Berechnungen der AK rund fünf Milliarden Euro pro Jahr einbringen, eine Erbschaftssteuer deutlich mehr als eine Milliarde. Im Vergleich dazu: Das Doppelbudget 2025/26 sieht ein Sparpaket vor 15 Milliarden Euro vor. Viele Einsparungen treffen den Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereich, Förderungen im Bereich Nachhaltigkeit werden zurückgefahren. Im Programm der aktuellen Koalitionsregierung ist von neuen Vermögenssteuern allerdings nichts zu lesen.

Welche Schritte Österreich und die EU in den nächsten Jahren im Bereich Armutsbekämpfung und ökologische Nachhaltigkeit tatsächlich setzen können, hängt natürlich auch von globalen Entwicklungen ab. Die Unwägbarkeiten im Blick darauf sind stark gestiegen, unter anderem durch die Politik von US-Präsident Donald Trump und den anhaltenden Krieg Russlands gegen die Ukraine. Die Agenda 2030 hat gerade angesichts dessen nichts an ihrer Aktualität verloren.

Josef Pumberger

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