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Wider den Jungweinwahnsinn

Genussschwärmereien von Jürgen Schmücking

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Jürgen Schmücking

„2012 wird ein gutes Jahr werden“. Wenn das jemand Anfang September sagt, wenn zwei Drittel des Jahres schon vorbei und das Jahr damit mehr oder weniger gelaufen ist, kann das eigentlich nur ein Winzer sein. Zu diesem Zeitpunkt kann er seine Aussage vermutlich sogar schon untermauern und einen 2012er Junker, Primus, Juvino oder sonst was präsentieren. Jungweinwahnsinn soweit das Auge reicht.

Dass es auch ganz anders geht, habe ich neulich in Bochum erfahren. Der 1727er Rüdesheimer aus dem Bremer Ratskeller ist der älteste Wein der Welt. Die Ehrfurcht war groß. Ein 1727er Weißwein, der Zeit seines Lebens in einem Holzfass vor sich hin reifte und irgendwann in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts abgefüllt wurde. Schmeckt so etwas? Wenn ja, wie? Jedenfalls war die Neugier deutlich größer, als die Erwartung. Meinen zehnjährigen Buben hat das Vorhaben zu der völlig verständnislosen Feststellung „Mein Vater fährt stundenlang mit dem Zug, nur um vergammelten Wein zu trinken“, veranlasst. Das Wort „vergammelt“ machte ihm dabei sichtlich Spaß. Der 1727er Rüdesheimer vom Bremer Ratskeller, bekannt auch als „Apostelwein“ gilt als ältester Flaschenwein der Welt, und je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer war ich, dass mein Sohn wahrscheinlich Recht hatte. Ich fuhr trotzdem nach Bochum. Immerhin standen ja noch andere feine Weine auf der Liste. Ein Erlebnis wird es in jedem Fall. Habe ich mir gedacht.

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Foto: Istockphoto Istockphoto

Ich sollte mich gehörig täuschen. Nicht, dass es kein Erlebnis war. Es war eine der interessantesten Weinproben überhaupt. Getäuscht habe ich mich nur bezüglich des Rüdesheimers. Der war nämlich alles andere, als vergammelt. Im Gegenteil. Der Wein strahlte in dunklen Bernstein-Tönen aus dem Glas. Nachdem er unmittelbar nach dem Einschenken noch etwas zurückhaltend schien, so, als würde er sich nicht so recht aus dem Glas trauen, veränderte sich der Wein daraufhin, legte seine Scheu ab und präsentierte eine zauberhafte Vielfalt. Bisquitnoten, kandierte Früchte, englischer Christmas Pudding mit allem, was dazugehört: Rosinen, Zibeben und leicht nussige Noten. Eine gewisse Nähe zu Sherry ist nicht zu leugnen. Außerdem Schwarztee, Orangenblüten und Zesten. Lady Grey, der mit Bergamotte und Zitrusschale aromatisierte Schwarztee liegt hier sehr nahe. Am Gaumen verspielt, nussig und Sherry-like. Nicht ganz so eindrucksvoll, wie in der Nase, aber ganz deutlich über den Erwartungen.
Einmal ehrlich: wer weiß, wie die Welt im Jahr 1727 ausgesehen hat, beziehungsweise was sich in ihr zu der Zeit abgespielt hat? Die Namen, die zu diesem Jahr gehören, liegen auch in unserem historischen Bewusstsein recht weit weg. Es war das Todesjahr von Isaac Newton, Johann Sebastian Bach hat seine Matthäus-Passion vollendet und Maria Theresia von Österreich war gerade einmal 10 Jahre alt. Ich finde es unglaublich, dass ein Wein dieses Alters noch so viel Freude machen kann.

Mir ist schon klar, dass dieser Wein extrem ist. Man muss aber gar nicht so weit zurückgehen. Auch in Österreich kann man fündig werden. Die Domäne Wachau und die Stiftskellerei Klosterneuburg haben zum Beispiel ältere Weine im Sortiment. Bezaubernde Auslesen von der Riede Achleiten aus dem Jahr 69 oder die 68er Trockenbeerenauslese Ried Prückelsteiner vom Kahlenberger Dorf in Wien. Ganz großartige, feingliedrige und hocharomatische Weine sind das.

Denken Sie daran, wenn Sie über einen 2008er ob fehlender Frische die Nase rümpfen.

Weitere Infos: Best of bio wine

 

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