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Wer die Zukunft kennt, dem gehört sie

Rudi Klausnitzer geht in seinem Buch „Das Endes des Zufalls“, den Daten, die über uns gesammelt werden, und den Auswirkungen dieses Datenklaus auf den Grund. Interview.

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Rudi Klausnitzer (Foto: Ecowin)

Machen die gesammelten Daten unsere Welt vorhersagbarer?

Rudi Klausnitzer: Wir wollen keinen Zufall, sondern unsere Erwartungshaltung bestätigt. Unsere Wahrnehmung ist ein kontinuierliches Wechselspiel aus Vorhersage der Zukunft und Überprüfung ob sie eingetreten ist. Wenn die Vorhersage gestimmt hat, schüttet unser Gehirn zur Belohnung Dopamin aus, was dazu führt, dass wir uns gut fühlen. Darum können wir ohne ständige Vorausschau nicht leben. Werden wir im nächsten halben Jahr unsere Wohnung verkaufen, unseren Job wechseln, den Kredit zurückzahlen oder ins Spital müssen? Für all das haben wir jetzt Algorithmen, die aus Datenanalysen die Wahrscheinlichkeit berechnen können. Aus dem Einkaufsverhalten einer Frau können wir inzwischen mit 75% Wahrscheinlichkeit sagen, ob sie schwanger ist oder nicht und sogar in welchem Abschnitt der Schwangerschaft.

Warum sind Daten so wertvoll?
Weil sie die Grundlage für diese Vorhersagen sind. Wer die Zukunft kennt, dem gehört sie. Und die Daten ermöglichen es, uns besser auf die zukünftigen Entwicklungen vorzubereiten. Deshalb auch der Deal vieler Internet-Angebote, der nicht offen ausgesprochen wird: Du kannst gratis facebooken oder tweeten, dafür bekomme ich deine Daten und mach sie zu Geld.

Können wir die Datenflut noch aufhalten?
Die Durchdringung unserer Welt mit Big Data Analysen ist bereits voll im Gang. Zunächst sind dies noch individuelle Systeme für ganz bestimmten Zwecke, wie die Vorhersage unseres Kaufverhaltens, den effektiveren Einsatz von Polizeikräften oder die Beobachtung unseres Fitness- und Gesundheitszustandes. Immer schneller vernetzen sich aber alle diese Systeme zu einem großen digitalen Nervensystem. Aufhalten werden wir diese Entwicklung nicht.

Welche Chancen eröffnen sich?
In vielen Bereichen wird es uns gelingen, den Zufall als Störfaktor weitgehend auszuschalten. Schon heute helfen uns Navigationsgeräte im Straßenverkehr in Zukunft werden wir Navigatoren bekommen die uns in vielen anderen Bereichen, wie Ausbildung, Gesundheit und Beruf helfen, uns besser und erfolgreicher zu verhalten.

Zufälle führen auch zu neuen Erkenntnissen. Warum will man sie ausschalten?
Zufälle kosten zu viel Zeit. Nicht durch Erfahrung werden wir in der Zukunft lernen, sondern durch Simulation und Prognose. Reale Erfahrungen, wie wir sie gewohnt sind und bisher als Lehrmeister betrachtet haben, sind im Hybrid-Zeitalter zu langsam, um mit der Geschwindigkeit der Veränderungen mithalten zu können. Außerdem geht es ja darum, die negativen Auswirkungen von Zufällen auszuschalten. Aber keine Angst, es bleiben noch immer genügend Dinge, die wir nicht vorausberechnen können.

Worin liegen die Gefahren?
Im persönlichen Bereich werden wir nicht mehr den Überblick haben, wonach wir wirklich beurteilt werden, weil die Analysen zu komplex sind. Aber auch im gesellschaftlichen Zusammenleben gibt es gefährliche Entwicklungen. Zukünftige Auseinandersetzungen ob zwischen Staaten oder Unternehmen werden Datenkriege sein. Daten sind nicht nur das neue Öl, sondern auch die neuen Waffen!

Wie kann sich der Mensch schützen?
Wir brauchen einen bedingungslosen Schutz der persönlichen Daten und strenge Strafen wenn mit Daten Schaden angerichtet wird. Also Menschenschutz statt Datenschutz!

Das Interview führte: Annemarie Herzog

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Infos:
Rudi Klausnitzer leitete zehn Jahre lang den Radiosender Ö3. Mit der Design- und digitalen Kommunikationsagentur DMC widmet er sich der Entwicklung von Social Media. Sein Buch „Das Ende des Zufalls – Wie Big Data uns und unser Leben vorhersagbar macht“ ist im ecowin-Verlag erschienen.

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