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„Warum wir das tun? Weil wir nicht machtlos sind!“

Klimagipfel R20 Austrian World Summit in Wien, 15. Mai 2018. Sebastian Kurz setzt zur Eröffnungsrede an, da werden Transparente entrollt und eine Aktivistin von „System Change, not Climate Change!“ kommt auf die Bühne. Ein kurz irritierter Bundeskanzler überlässt ihr das Mikro. Was ist „System Change, not Climate Change!“ und was will die Klimagerechtigkeitsbewegung?

Es war ein gelungener Auftritt, den Lucia Steinwender und ihre Mitstreiter von „System Change, not Climate Change!“ als Protest gegen die Klimapolitik der Bundesregierung hingelegt haben. Manuel Grebenjak – Aktivist der Klimagerechtigkeitsbewegung – war ebenfalls mit dabei.

Wer steht hinter „System Change, not Climate Change!“?

Manuel Grebenjak: System Change ist ein Netzwerk von Einzelpersonen und Organisationen, das seit 2015 das Thema Klimagerechtigkeit in Österreich vorantreibt. Alle AktivistInnen engagieren sich ehrenamtlich. Wir sehen uns als Teil der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung . Wir kämpfen für die gleichen Ziele wie Menschen auf der ganzen Welt, die für einen lebenswerten Planeten und um ihre Zukunft kämpfen. Das tun wir auf verschiedenste Arten: In Arbeitsgruppen von nur ein paar Leuten, bei großen Aktionen zivilen Ungehorsams oder auch bei Klimacamps. Erfreulich: Wir werden immer mehr, denn das Thema bewegt die Menschen.

Wie habt ihr es geschafft, beim streng bewachten Austrian World Summit auf die Bühne zu gelangen?

Wir waren für den Summit ganz normal angemeldet und hatten Banner für unsere spätere Kundgebung vor der Hofburg mit im Gepäck. Als wir sahen, dass Bundeskanzler Kurz die Konferenz eröffnen darf - der unserer Meinung nach das Gegenteil von Klimaschutz betreibt – waren wir einfach empört! Wir sind von unseren Plätzen aufgestanden, nach vorne gegangen und haben unsere Banner entrollt. Lucia ist aufs Podium gegangen und hat die Rede gehalten, die wir für den Nachmittag vorbereitet hatten – allerdings auch etwas improvisiert. Wir waren selbst überrascht, dass uns die Security nicht aufgehalten hat.

Welche Ziele verfolgt ihr?

Wir wollen Klimagerechtigkeit. Länder wie Österreich haben seit Beginn der Industrialisierung zum Klimawandel beigetragen und müssen nun umso ambitionierter und solidarischer mit den Ländern des Südens sein. Diese sind am meisten vom Klimawandel betroffen und haben am wenigsten dazu beigetragen.

Wir wollen das herrschende System mit seinem Wachstumszwang, dem Konkurrenzdruck und ungerechten Machtverhältnissen überwinden. Anders werden wir die Klimakrise nicht lösen können.

Und wir wollen den Klimaschutz ganz grundsätzlich verändern. Vom Mainstream werden immer nur Effizienzmaßnahmen und der Ausbau der Erneuerbaren als Lösung dargestellt. Das reicht jedoch nicht. Viele Effizienzgewinn wird im Zuge des Wachstums wieder aufgefressen. Der Effizienzgewinn neuer Motoren beispielsweise geht drauf, wenn dafür größere, schwerere Fahrzeuge verkauft werden.

Was hat dich persönlich bewogen, dich für Klimaschutz zu engagieren?

Vor ein paar Jahren habe ich bei einer Umwelt-NGO gearbeitet, aber deren Ansätze gingen mir nicht weit genug. Deshalb bin ich als Aktivist zu System Change gestoßen. Gleich zu Beginn habe ich bei einer Aktion gegen Braunkohleabbau in der Lausitz in Deutschland mitgemacht. Solche Braunkohletagebaue – kilometerweite Mondlandschaften mit riesigen Baggern für den Kohleabbau – sind Orte, an denen man regelrecht sieht, wie die Klimakrise gemacht wird und welche Auswirkungen sie hat. Wir haben zwei Tage lang den Abbau blockiert. Das hat mich bestärkt und mir das Gefühl gegeben, dass wir alle etwas ändern können, wenn wir uns zusammentun – man muss nicht ohnmächtig zusehen wie unsere Lebensgrundlagen zerstört werden. Es braucht dazu nur ein wenig Mut.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Wir hoffen, dass wir durch die erfolgreichen letzten Aktionen noch weiter wachsen und als Bewegung stärker werden. Und dass sich der Diskurs verändert. Studien und Daten zur Klimakrise gibt’s genug. Es geht darum, dass die Menschen erkennen, dass wir wirklich mehr tun müssen, als uns die allermeisten Politiker und Wirtschaftsvertreter einreden. Und natürlich müssen die Menschen auch etwas an ihrer Lebensweise ändern. Es muss in allen Bereichen ein Umdenken passieren.

Was sagt System Change zur Klima- und Energiestrategie?

Wir kritisieren sie massiv: Alle Maßnahmen der Klimastrategie verbleiben im herrschenden System. Ich sehe keinen Punkt, der diese sogenannte Green Economy – einen grün angestrichenen Kapitalismus – verändern würde. Die EU-Ziele – die auch in Österreich umgesetzt werden müssen – sind grundsätzlich zu wenig. Eine Unterstützung der Länder des Südens im Sinne der Klimagerechtigkeit fehlt völlig.

Infos: www.systemchange-not-climatechange.at

R20-Gipfel: www.austrianworldsummit.com

Das Interview führte: ANNEMARIE HERZOG

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