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Warum wir nicht anders handeln...

... obwohl wir es besser wissen.
Gastkommentar von Gabriele Sorgo

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Univ. Doz. Mag. Dr. Gabriele Sorgo Umweltbildung

Alle Jahre wieder am Jahresanfang jubeln die Medien über die gestiegenen Konsumausgaben des Vorjahrs. Die bedrohliche Erhöhung der Erdtemperatur wird jedoch nicht mit der Zunahme an Konsumgütern verknüpft. Menschen sind nicht immer logisch. Im Feld des Konsums stoßen NachhaltigkeitsforscherInnen seit Jahrzehnten auf das Problem, dass Wissen über nachhaltige Lebensstile zwar weit verbreitet ist, in der Praxis aber selten umgesetzt wird. Kulturwissenschaftlich betrachtet leuchtet jedoch ein, dass die Nationen mit dem größten ökologischen Fußabdruck zugleich jene sind, die sich durch eine über Jahrzehnte gewachsene Konsumkultur auszeichnen. Die Konsumkultur erzeugt ja ihre eigenen Bedürfnisse, die im Alltag dringlicher erscheinen als zum Beispiel die Vorsorge für das planetare Klima.

Schließlich ist alles Menschliche kulturell durchformt: essen, lachen, schlafen, sitzen. Verkehrsordnungen, Excel-Dateien und Supermärkte erscheinen uns gleichsam natürlich, weil wir mit und in ihnen und durch sie sozialisiert worden sind. Menschliche Lebenswelten bestehen nicht nur aus Wohnungen, Autos und Stromleitungen, sondern auch aus kulturspezifischen Erzählungen und Wissen und den davon abgeleiteten Handlungen. Die vorrangigen Tätigkeiten in den modernen Konsumgesellschaften sind heute konsumistisch. Das heißt, dass die Waren und ihr Erwerb in Konsumgesellschaften kaum noch der materiellen Bedürfnisbefriedigung dienen sondern vielmehr der Absicherung der Identität und des Status sowie grundsätzlich zur Kommunikation der eigenen Weltanschauung.



Man kann von den KonsumentInnen nicht fordern nachhaltig zu leben, wenn das kulturelle Umfeld verlangt, immer mehr zu konsumieren.

Konsumpraktiken werden schon von früher Kindheit an erlernt. Einmal erworbene Gewohnheiten zu ändern fällt schwer, denn das kann bedeuten aus seiner sozialen Einbettung herauszufallen. Wenn z. B. fleischreiche Ernährung und der Besitz eines Autos kulturell als durchschnittlicher Standard gelten, dann muss jemand, der vom Standard abweicht, mit dem Verlust von Anerkennung rechnen.

Die Nachhaltigkeitsforschung hat sich bisher auf ökologische, ökonomische und soziale Phänomene konzentriert, aber kulturelle Werthaltungen ausgeblendet. Doch genau hier eröffnet sich die Kluft zwischen Wissen und Handeln. Eine Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wird sich mehr damit befassen müssen, wie Menschen ihre Lebenswelten nach spezifischen kulturellen Mustern gestalten, aus denen sie nicht herausfallen wollen. Wenn daher nicht die Menschen sondern zuerst ihre Kulturen verändert werden sollen, dürfen Kulturanalyse und Kulturkritik nicht ausgespart werden, um Zusammenhänge und Zwänge aufzuzeigen und aufzulösen. Denn man kann von den KonsumentInnen nicht fordern nachhaltig zu leben, wenn das kulturelle Umfeld verlangt, sogar mehr zu konsumieren. Kultur kann aber nicht nur im Negativen festhalten, sondern umgekehrt – durch Musik, Theater, Mythen, Symbole und neue Erzählungen – auch den unverkäuflichen Mehrwert liefern, für den es sich lohnt, auf der materiellen Ebene zurückzustecken und sich für mehr Lebensqualität jenseits des materiellen Wachstums zu engagieren.


Univ. Doz. Mag. Dr. Gabriele Sorgo ist Privatdozentin für Kulturgeschichte am Inst. für Geschichte der Universität Wien und Senior Lecturer am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Graz.
Buchtipp: Die unsichtbare Dimension. Bildung für nachhaltige Entwicklung im kulturellen Prozess, Gabriele Sorgo (Hg.in), forum exkurse edition, Wien 2011. Zu beziehen: Tel.: 01/402 47 01-14, www.umweltbildung.at

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