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Vom Reisen in Zeiten des Umbruchs

Kommentar von Mag. Karin Chladek, Mitarbeiterin bei NFI Naturfreunde Internationale / respect.

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Mag. Karin Chladek: Reisen schafft Arbeitsplätze – allerdings sollte man sich der Orte bewusst sein, an die man reist. privat

2011 war ein Jahr großer Umbrüche. Mit Ägypten und Tunesien haben in den vergangenen Monaten nicht nur zwei der strategisch, sondern auch touristisch wichtigsten Länder des Nahen Ostens große Schritte in Richtung Demokratie gemacht. Die Bevölkerung beider Staaten hat ihre seit Jahrzehnten regierenden autokratischen Regime in die Wüste geschickt. Was heißt dies für den Tourismus, der in beiden Ländern große wirtschaftliche Bedeutung hat? Wie viele Studienreisende möchten selbst am Tahrir-Platz in Kairo stehen oder in Tunis den Spuren des Aufstands nachgehen? Wie vielen sonnenhungrigen Erholungssuchenden, welche die große Mehrheit der Gäste in Tunesien und teilweise auch in Ägypten stellten, sind die Länder nach den Revolutionen dagegen zu aufregend für einen Urlaub?

Gehen stabile Verhältnisse über alles?
Muss man sich als UrlauberIn vor unsicheren Verhältnissen in den „Sonnenländern“ fürchten? Ist man schon ein „Held“, wenn man in Zeiten des Umbruchs in Tunesien oder Ägypten Urlaub macht? Schließlich erhält man ja so gefährdete Arbeitsplätze, oder? Ja, natürlich ist Reisen gut, auch wenn es „nur“ Erholungszwecken dient. Und natürlich ist die rasche Fortsetzung der internationalen Handelsbeziehungen wichtig – dazu gehört auch der Tourismus. Tourismus schafft und erhält Arbeitsplätze. Allerdings sollte man sich der Orte bewusst sein, an die man reist. Sie sind nicht nur reine Kulissen, auch wenn das die internationale Tourismuswirtschaft oft suggeriert. Reisen ist mehr als ein bloßes Konsumieren eines überschau- und berechenbaren „Produkts“, auf das man „Anspruch“ hat.

Erholungssuchende ziehen stabile staatliche Verhältnisse vor. Ob diese stabilen Verhältnisse mehr oder weniger demokratischer Natur sind, wie es um die Menschenrechte und Meinungsfreiheit der Menschen, die tagtäglich in und unter diesen Verhältnissen leben, bestellt ist, fragen sich nur wenige UrlauberInnen.

Augen zu und erholen?
Allzu oft wird vergessen, dass ungehindertes Reisen – oft über Kontinente hinweg – keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Privileg. Reisefreiheit und die Leichtigkeit des meist visafreien Reisens, die wir als BürgerInnen der westlichen Industrieländer genießen, bringt Verantwortung mit sich. Zumindest die Verantwortung, sich für die Länder, die man besucht, zu interessieren. Interesse bringt auch Respekt vor den Menschen in den bereisten Ländern und ihrer Umwelt mit sich. Schließlich spielen Höflichkeit und Empathie bei allen menschlichen Begegnungen eine wichtige Rolle. Keine große Sache, sollte man meinen. Gering im Vergleich zu den Risiken, die die Bevölkerung – unter anderem - in Ägypten und Tunesien in den letzten Monaten auf sich genommen hat, um das zu erkämpfen, was uns selbstverständlich scheint: Demokratie, als Voraussetzung für ein besseres Leben, welches wir EuropäerInnen in den Augen vieler Menschen (nicht nur) in Nordafrika bereits führen.




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