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Tourismus und Klimaschutz

Unsere Reisen wirken sich auf das Klima aus. Wer schon einmal seinen ökologischen Fußabdruck überprüft hat, weiß, dass vor allem Flüge die persönliche Bilanz verschlechtern. Wie kann man damit umgehen, und was tut die Tourismuswirtschaft für den Klimaschutz? Ein Gespräch mit Klimaforscher Stefan Gössling

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Klimaforscher Stefan Gössling, von der Universität Lund in Schweden Klimaforscher Stefan Gössling, von der Universität Lund in Schweden

Der aktuelle Beitrag aus dem Tourismus zum Klimawandel macht nach wissenschaftlichen Schätzungen rund 5 % aus. Das klingt nicht viel. Warum muss im Tourismus trotzdem mehr für den Klimaschutz getan werden?

Gössling: Erstens sind diese 5 % nur die Schätzungen für die CO2-Emissionen, andere klimawirksame Effekte sind dabei noch nicht berücksichtigt. Der Beitrag des Tourismus zum Klimawandel ist also tatsächlich höher. Zweitens kommen 40 % aller Emissionen aus dem Tourismus aus dem Flugverkehr, aber nur 2 % der Weltbevölkerung können sich im Lauf eines Jahres mindestens einen internationalen Flug leisten. Es ist also eine globale Minderheit, die zum Klimawandel beiträgt, zu Lasten aller. Gerecht ist das nicht.
Drittens: Wenn man sich die Emissionen aus dem nationalen Tourismus ansieht, kommt man z.B. in Schweden auf weit höhere Zahlen: 11 % der CO2-Emissionen Schwedens stammen aus dem Tourismus.
Viertens: pro Kopf gerechnet betragen die globalen Emissionen im Durchschnitt etwa 4,3 Tonnen CO2 pro Jahr. Klimatisch nachhaltig wären im Augenblick aber nur etwa 3,5 Tonnen. Allein die Ernährung pro Jahr und Person verursacht in den Industriestaaten schon 2 Tonnen CO2. Dazu kommen Wohnen, andere Einkäufe und die Mobilität. Was ich damit sagen will: Aus Klimaschutzsicht bleibt für touristische Aktivitäten nicht viel Spielraum. Das persönliche „Emissionskonto“ ist mit einem Flug schnell überzogen.

Tourismus ist komplex, dazu gehören unter anderem Transport, Beherbergung und Gastronomie . Wo sehen Sie die meisten Handlungsmöglichkeiten?

Gössling: Der Transport verursacht die meisten Emissionen, aber alle im Tourismus Tätigen tragen Verantwortung und können viel tun! Der Umgang mit Energie ist der Schlüssel beim Klimaschutz, aber leider ist Energie im Tourismus ein Nicht-Thema. In vielen Hotels herrscht enorme Energieverschwendung. Das wird in der Tourismusausbildung nicht thematisiert. Ich schätze, dass es in den meisten Hotels ein Energiesparpotenzial von 10 – 20 % gibt, ganz ohne Investitionen, nur durch den bewußteren Umgang mit Energie. Ernährung ist auch ein wichtiger Faktor beim Klimaschutz. Hier kann die Gastronomie mehr tun, z.B. durch regionale Produkte und weniger Fleisch.

Berufliche und private Reisen haben in den letzten Jahren stark zugenommen, werden immer selbstverständlicher. Wie geht das mit Klimaschutz zusammen?

Gössling: Man sollte sich klarmachen: Was will man von einem Urlaub? Entspannung geht auch in der Nähe, dazu muss man nicht um die halbe Welt fliegen. Viele Fernreisen werden nicht aus konkretem Interesse an den Ländern unternommen, sondern aus Prestigedenken. Davon sollten wir wegkommen.

Wie gehen Sie selbst mit beruflichen Reisen um?

Gössling: Ich überlege, ob ein Termin wirklich notwendig ist. Die Konsequenz: Ich lasse die meisten Konferenzen aus. Mindestens ein Drittel der Business-Reisen sind verzichtbar. Bonusmeilen für Vielflieger müssen auch hinterfragt werden, denn sie provozieren unnötige Flüge. Das klimaschädigende System des Reisens um des Reisens willen schaukelt sich so hoch. Firmen sollten auf Videokonferenzen setzen.

Abgesehen von Urlaubs- und Geschäftsreisen: Verwandtschaftsbeziehungen werden immer globaler; viele Fernreisen werden unternommen, um Familien und Freunde zu besuchen …

Gössling: Das ist natürlich das stärkste Reisemotiv überhaupt. Hier besteht ein enormer Konflikt zum Klimaschutz. Das macht mir Sorgen, denn die meisten Reisemotive kann man anders befriedigen, dieses nicht.

Das Gespräch mit Stefan Gössling hat Karin Chladek, von Respect - Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung, geführt.
Mehr über die Zusammenhänge zwischen Reisen und Klimaschutz gibt es bei  respect: Die neue Publikation „Tourismusentwicklung im Klimawandel“ ist auf www.respect.at kostenlos erhältlich.

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