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Stillen programmiert auf gesund

Wissenschaftliche Belege zeigen, wie folgenschwer sich Umweltfaktoren und der Lebensstil vor und nach der Geburt auf die langfristige Gesundheit im Erwachsenenalter auswirken.

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Foto: Kati Molin/Fotolia Kati Molin/Fotolia

Frühkindliche Prägung in den ersten 1000 Tagen

Die Wissenschaft der frühkindlichen Prägung (engl. Early Life Programming) ist ein ganzheitlicher Ansatz, der - abseits der Gene - möglichst alle Einflussfaktoren berücksichtigt, mit denen ein Mensch bereits im frühen Leben konfrontiert wird. Der Ernährung während der ersten 1000 Tage eines Menschen - gerechnet von der Konzeption bis zu einem Alter von etwa zwei Jahren - kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu. Dieses Zeitfenster wird auch als 'window of opportunities' für die spätere Gesundheit bezeichnet. Es lässt sich auch weiter fassen: Von einer vorkonzeptionellen Phase bis zum Alter von sechs Jahren.

Die Gene in die richtigen Bahnen lenken

Nur ein geringer Anteil der lebenslangen Gesundheit wird zum Zeitpunkt der Empfängnis durch die genetische Veranlagung bestimmt. Univ. Prof. Dr. Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften der Universität Wien: »Wie gesund oder krank der Mensch im Alter ist, wird offensichtlich zum größten Teil durch die Stoffwechselwege bestimmt, die bereits früh im Leben angelegt und stark von Umweltfaktoren beeinflusst werden. Unser Schicksal wird daher nicht durch unsere Gene bestimmt.«

Die Epigenetik (altgr. epi=dazu, außerdem) besagt, dass die einzelnen Körperzellen zwar immer dasselbe Erbgut in sich tragen, dies je nach Gewebe jedoch unterschiedlich gelesen wird. Einzelne Bereiche des Erbguts werden ruhiggestellt, wenn sie für das jeweilige Gewebe keine

Bedeutung haben. Fetale oder frühkindliche Einflüsse können auf das Erbgut einwirken, dieses metabolisch prägen und im günstigsten Fall die Wahrscheinlichkeit für lebenslange Gesundheit erhöhen.

Übergewicht wird bereits im Mutterleib vorprogrammiert

In den 1990er Jahren beobachtete der britische Wissenschafter DJ Barker einen Zusammenhang zwischen Geburtsgewicht und dem Risiko für koronare Herzkrankheiten. Er zeigte auf: Ist der Fetus im Mutterleib mit Nährstoffen und Energie qualitativ oder quantitativ unter- oder überversorgt, kann dies im Erwachsenenalter Übergewicht und die damit verknüpften Stoffwechselprobleme wie Bluthochdruck, Typ 2-Diabetes und Fettstoffwechselstörungen zur Folge haben.

Aufgrund der ungünstigen Bedingungen im Stoffwechsel passt sich der Fetus diesen physiologisch an. Diese Adaption soll das Überleben des Säuglings sichern. Wenn sie sich zu einem kritischen Zeitpunkt der Entwicklung abspielt, kann sie aber zu einer dauerhaften Veränderung des kindlichen Stoffwechsels (= Programmierung) führen und das Risiko für chronische Erkrankungen in späteren Jahren erhöhen.

Alarmierende Zahlen

Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) gelten als Risikofaktoren für eine Vielzahl von Krankheiten. Weltweit sterben jedes Jahr beinahe drei Millionen Erwachsene an den Folgen von Übergewicht bzw. Adipositas. Ein Zuviel auf der Waage ist für 44% der Diabetes-Erkrankungen, 23% der Herzerkrankungen und bis zu 41% bestimmter Krebserkrankungen verantwortlich.

Die WHO berichtet, dass 2010 weltweit bereits 43 Millionen Kinder unter fünf Jahren übergewichtig waren. In Österreich bringt laut Österreichischem Ernährungsbericht 2012 jedes 4. Schulkind (zwischen 7 und 14 Jahren) zu viel Gewicht auf die Waage.

Übergewicht bei Kindern ist ein ernstzunehmendes Gesundheitsproblem, das meist mit  Atemproblemen, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Gelenksbeschwerden und psychischen Erkrankungen einhergeht. Letztere resultieren oft in sozialer Ausgrenzung und einem geringen Selbstwertgefühl.

Stillen schützt vor Übergewicht und gewährleistet optimale Entwicklung

Wichtigster positiver 'Programmierer' in der frühen Kindheit ist die Muttermilch. Stillen ist ein wichtiger Schutzfaktor: Es reduziert das Adipositasrisiko im späteren Leben, unterstützt die Reifung des kindlichen Immunsystems und senkt so möglicherweise das Risiko für Allergien und Infektionen. Auch die Gehirnentwicklung wird durch Stillen beeinflusst. Dies kann eine optimale psychomotorische und kognitive Funktion bis ins hohe Alter sichern.

Eine Metaanalyse aus 23 Studien zeigte, dass Stillen in Abhängigkeit von der Stilldauer im Vergleich zu Nichtstillen im Mittel zu einer 25%igen Reduktion des Risikos führt, im späteren Kindes- oder Erwachsenenalter Übergewicht zu entwickeln. Bis zu einer Stillzeit von neun Monaten nimmt die Wahrscheinlichkeit für späteres Übergewicht mit jedem zusätzlichen Stillmonat um etwa 4 Prozent ab. Im Vergleich zu Kindern, die weniger als einen Monat gestillt wurden, verringert sich das Risiko für späteres Übergewicht bei einer Stilldauer von

1 bis 3 Monaten um 19%
4 bis 6 Monaten um 24%
7 bis 9 Monaten um 33%.

Nach dem 9. Stillmonat schien sich das Risiko durch Abstillen oder Weiterstillen nicht mehr wesentlich zu verändern.

Es ist daher wichtig, möglichst viele Mütter zum Stillen zu motivieren. Die Hebamme und IBCLC-Still- und Laktationsberaterin von der FH-JOANNEUM in Graz, Moenie van der Kleyn, zeigt das Problem auf: »Laut Stillstudie haben über 90% aller Mütter ihr Kind gestillt – aber jede 4. Mutter hört mit dem Stillen bereits vor dem 3. Lebensmonat des Kindes auf. Im Hinblick auf die Bedeutung der Muttermilch u. a. bei der Prävention von Übergewicht sollte dieser Zeitraum möglichst verlängert werden.«

Zu viel Eiweiß – zu viel Gewicht

Laut aktueller Studienlage ist Übergewicht im späteren Lebensalter die Folge von zu hohem Eiweißkonsum im Säuglings- und Kleinkindalter. Eine niedrige Eiweißzufuhr begünstigt eine gesunde Gewichtsentwicklung und vermindert - laut aktuellen Studienergebnissen - das Risiko von späterem Übergewicht. Säuglingsnahrungen sind daher im Eiweißgehalt (im Vergleich zur Kuhmilch) reduziert und dem Bedarf des menschlichen Säuglings angepasst.

Muttermilch kann aber noch mehr als das, wie Prim. Univ. Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter der Ernährungskommission in der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde  betont: »Über die Muttermilch nehmen Säuglinge mütterliche Antikörper und immunmodulierende Substanzen wie z. B. besondere Kohlenhydrate auf. Diese unterstützen das noch unreife Immunsystem des Säuglings und schützen ihn so vor Infektionen.«

Kritischer Zeitpunkt: Beikosteinführung

Eine weitere Chance, die Gesundheit des Kindes in die richtigen Bahnen zu lenken, bietet die Einführung von Beikost. So geht man aktuell zum Beispiel davon aus, dass eine große Lebensmittelvielfalt im ersten Lebensjahr vor Allergien schützen kann.

Kleinkindernährung muss altersgerecht sein

Nicht nur Säuglinge, sondern auch Kleinkinder im Alter von ein bis drei Jahren wachsen rasant und brauchen eine bedarfsgerechte Ernährung, damit sie sich gesund weiterentwickeln. Gerade das Gehirn ist während des so genannten Brain-Growth-Spurts auf ausgewogene Nährstoffzufuhr angewiesen. Darüber hinaus sind die Lebensmittelpräferenzen in den ersten drei Lebensjahren prägend für die spätere Kindheit und sogar bis ins Erwachsenenalter. Deshalb sollte der Speisepan auch ab dem 1. Geburtstag möglichst vielseitig gestaltet sein, damit das Kind später gerne zu Nährstoffreichem wie Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten greift.

Die Essrealität sieht allerdings meist anders aus: Kleinkinder in Österreich essen bereits ähnlich den Erwachsenen zu viel Eiweiß, Fett, Zucker und Salz. Gerade ein Zuviel an Eiweiß im Kleinkindalter kann einmal mehr zu Übergewicht in späteren Jahren führen. Bei Vitamin D, Eisen und Jod gilt es, mögliche Lücken durch bewusste Lebensmittelauswahl frühzeitig zu schließen. Jürgen König bringt es auf den Punkt: »Optimale Kleinkindernährung bedeutet mehr als nur essen in kleinen Portionen. Daher muss nach dem 1. Geburtstag die Familienkost an die Kinderkost angepasst werden, und nicht umgekehrt, wie vielfach empfohlen.«


Quelle: Nutricia-Forum für Muttermilchforschung, www.nutricia-forum-muttermilchforschung.org

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