Leben im Mangel
Wenn die kaputte Waschmaschine zum unüberwindbaren Problem wird.
Hohe Fixkosten, chronischer Stress, soziale Isolation: Armutsbetroffene Menschen brauchen vor allem in der gegenwärtigen Teuerungswelle treffsichere Maßnahmen, um ihr Leben zu meistern.
Elke Bernsteiner steht im Supermarkt und traut ihren Augen kaum. Über zwei Euro für ein Stück Kopfsalat? Vor gut einem Jahr kostete der noch 79 Cent, daran erinnert sie sich genau. Die 30-jährige Steierin ist einmal mehr froh um ihren Garten, durch den sie sich und ihre zweijährige Tochter zumindest in der warmen Jahreszeit selbst mit Gemüse versorgen kann. Alle anderen Lebensmittel, die sie benötigt, wählt sie stets mit einem Blick auf den Preis aus. „Markenprodukte kaufe ich gar keine, da zahlt man sowieso nur den Namen“, erzählt die junge Mutter. „Fleisch nehme ich meistens verbilligt.“ Bernsteiner hat ihre Ausgaben genau im Blick. Auch wenn das Geld nicht mehr so knapp ist wie noch vor einiger Zeit. In Karenz und wegen ausbleibender Alimente vom Kindsvaters konnte sie damals in manchen Monaten ihre Miete nicht mehr bezahlen. „Ich habe gespart, so gut es ging. Ich habe auch mit dem Rauchen aufgehört, damit meine Kleine was zu essen hat.“
Geldfressender Teufelskreis
Eine Mitarbeiterin der Caritas informiert Elke Bernsteiner in dieser schwierigen Phase über alle Sozialleistungen, die ihr zustehen. Mit Gutscheinen, die sie bei der Gemeinde erhält, kauft sie im Sozialmarkt ein. Reis, Nudeln und andere Grundnahrungsmittel bilden den Hauptanteil ihrer Mahlzeiten, weil sie billig und sättigend sind. Als auch noch die Waschmaschine und der Kühlschrank kaputt werden, weiß sie zunächst nicht, wie sie an neue Geräte kommen kann. Schließlich helfen die Bezirkshauptmannschaft und ein Freund. Eine defekte Waschmaschine, ein Staubsauger, der nicht mehr funktioniert, oder eine teure Autoreparatur: Für armutsbetroffene Menschen sind das große – oft unüberwindbare – finanzielle Herausforderungen. Weil sie bereits bei der Anschaffung sparen müssen, kaufen sie oft gebrauchte und damit nicht besonders energieeffiziente und gegebenenfalls schadhafte Geräte oder Billigprodukte von minderer Qualität. Die billige Waschmaschine entpuppt sich als teurer Kauf, weil sie schon nach kurzer Zeit repariert oder ersetzt werden muss. Ein geldfressender Teufelskreis.
Armutsbetroffene Menschen wohnen in
billigeren Wohnungen, die meist nicht so
gut isoliert sind, und müssen deshalb mehr heizen.
Hohe Ausgaben für Wohnen, Energie und Lebensmittel
Dass Arm-Sein teuer ist, werde auch in anderen Bereichen des Alltags spürbar, sagt Martin Schenk von der Armutskonferenz, einem Netzwerk sozialer Organisationen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen. „Armutsbetroffene Menschen wohnen in billigeren Wohnungen, die meist nicht so gut isoliert sind, und müssen deshalb mehr heizen.“ Dabei sind Energiekosten ohnehin schon ein großer Posten, der in einkommensschwachen Haushalten einen hohen Anteil der Ausgaben ausmacht. Ebenso wie die Kosten fürs Wohnen und für Lebensmittel. „Fast zwei Drittel des Einkommens wird in einkommensschwachen Haushalten für diese drei Bereiche ausgebeben“, sagt Schenk. „Gespart werden kann nur beim Essen.“ Im Laufe des Monats sinke in vielen Haushalten die Qualität des Essens, werde bei der Nachbarin um Lebensmittel gebettelt oder eine Sozialhilfeeinrichtung besucht. „Für andere wichtige Dinge wie Erholung, Bildung oder Gesundheit bleibt sowieso nichts mehr übrig.“
14 %
DER BEVÖLKERUNG SIND IN ÖSTERREICH
ARMUTSGEFÄHRDET
Sozial isoliert und chronisch gestresst
Kein Geld für Urlaub, für einen entspannten Kaffeehausbesuch mit der Freundin oder für die Mitgliedschaft im Fitnessstudio bedeutet auch: kein Ausgleich zum belastenden Alltag. „Es gibt natürlich vieles, was man auch ohne Geld machen kann – im Wald spazieren gehen oder Fußball spielen auf der Wiese. Das tun die Leute auch“, berichtet Martin Schenk. „Hin und wieder wollen sie aber auch mit Freunden auf ein Bier gehen. Beim ersten Mal werden sie eingeladen, beim zweiten Mal auch noch. Irgendwann werden sie dann aber gar nicht mehr angerufen.“ Soziale Isolation, beengte Wohnverhältnisse, andauernde Entbehrungen: All das führe zu chronischem Stress. „Gerade dieser Disstress (Stress, der unangenehm, bedrohlich oder überfordernd empfunden wird – im Gegensatz zu einem anregend wirkenden Eustress, Anm. der Redaktion) ist sehr giftig und hat auch gesundheitliche Auswirkungen“, sagt Schenk. Verstärkt werde der psychische Druck durch die Scham über die eigene Situation, die sogar dazu führen kann, dass Sozialleistungen nicht in Anspruch genommen werden. Die Angst davor, bloßgestellt oder als Bittsteller*in behandelt zu werden, lässt Betroffene lieber auf Geld verzichten. Am Land komme das häufiger vor als in der Stadt, in der die Anonymität größer und die Bürgerfreundlichkeit auf den Ämtern mitunter besser sei. „Bis zu einem Drittel nehmen Sozialleistungen nicht in Anspruch, obwohl sie Anspruch hätten.“
Kinder leiden besonders
Armutsgefährdet sind in Österreich knapp 14 Prozent der Bevölkerung. 2,7 Prozent gelten als „erheblich materiell depriviert“, sie können sich wesentliche Güter des Lebens nicht leisten. Besonders gefährdet sind Kinder, langzeitarbeitslose Menschen, Alleinerziehende, Frauen im Alter, „working poor“, also Menschen, die ihren Lebensunterhalt trotz Arbeit nicht stemmen können, und chronisch kranke Personen. Kinder, die in armutsgefährdeten Familien leben, leiden besonders unter der Situation. Viele dieser 300.000 Kinder leben in überbelegten Wohnungen und feuchten, schimmligen Zimmern. Sie müssen auf kostenpflichtige Freizeitaktivitäten und Schulveranstaltungen verzichten, manche laden keine Freund*innen nach Hause ein, weil sie sich für die Wohnsituation schämen. Für die Ärmsten unter ihnen, die 70.000 Kinder von Sozialhilfebezieherinnen und -beziehern, sei es noch einmal dramatischer, sagt Martin Schenk. „Das ist ein Chancentod für die Kinder und Jugendlichen, die ganz unten sind, wenn die Eltern mit dem Überleben kämpfen.“
Bis zu einem Drittel nehmen
Sozialleistungen nicht in Anspruch,
obwohl sie Anspruch hätten.
Mehr Treffsicherheit nötig
Dass das soziale Netz in Österreich im ersten Coronajahr weitgehend gehalten hat, zeigt eine Erhebung der Statistik Austria. „Mit der Erhöhung der Ausgleichszulage, Kurzarbeit, der Hebung der Notstandshilfe auf Arbeitslosengeldniveau konnte bewirkt werden, dass weniger Menschen aus der unteren Mittelschicht in Armut fallen“, sagt Martin Schenk. Das sei erfreulich, gleichzeitig würden die Maßnahmen nicht ausreichen, um die Zahl der armutsbetroffenen Menschen maßgeblich zu senken. Angesichts der momentanen Teuerungen seien Einmalzahlungen zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber „man muss nachhaltig unterstützen, die Teuerung bleibt ja weiter bestehen.“ Der Armutsexperte fordert mehr soziale Treffsicherheit, die weniger durch Steuererleichterungen wie eine Senkung der Mehrwertsteuer, sondern eher durch Direkttransfers und soziale Dienstleistungen erreicht werde. „Sozialleistungen wie die Familienbeihilfe, die Notstands- oder Sozialhilfe oder das Arbeitslosengeld wurden außerdem seit über 20 Jahren nicht mehr der Inflation angepasst. Eine Anpassung würde unteren Einkommensschichten sehr helfen.“ Hilfreich wäre darüber hinaus ein einkommensabhängiger, sozial gestaffelter Ökobonus. „Das wäre eine gute Gegenmaßnahme bei den steigenden Energiepreisen.“ Leistbares Wohnen könne beispielsweise durch mehr Investitionen in den sozialen Wohnbau gefördert werden.
Mit der Erhöhung der Ausgleichszulage, Kurzarbeit und der Hebung der Notstandshilfe auf Arbeitslosengeldniveau konnte bewirkt werden, dass weniger Menschen aus der unteren Mittelschicht in Armut fallen.
Umzug in eine bessere Wohnung
Das Thema Wohnen war auch für Elke Bernsteiner lange Zeit belastend. In ihrer alten Wohnung gab es Schimmel, die Hausverwaltung hat nichts dagegen gemacht. Mit den Nachzahlungen der Alimente und einem neuen Job mit regelmäßigem Gehaltseingängen auf ihrem Konto war ein Umzug in eine neue Wohnung endlich möglich. Für ihre Tochter hat Bernsteiner ein Sparkonto eingerichtet, um Geld für spätere Ausgaben wegzulegen. Vor Kurzem hat sie dann auch etwas unternommen, was sie schon lange nicht mehr gemacht hat. „Ich war wieder einmal am Abend aus. Normalerweise bin ich nicht so der Draufgänger-Typ. Aber es hat gutgetan, für ein paar Stunden etwas anderes zu machen und nicht nur Mama zu sein.“
2,7 %
DER BEVÖLKERUNG KÖNNEN SICH DIE
WESENTLICHEN GÜTER DES LEBENS NICHT LEISTEN.
Ich arbeite bei der Beratungsstelle zur Existenzsicherung in Voitsberg und betreue Personen, die Rückstände aller Art haben, die also ihre Miete, ihre Strom- oder Heizungsrechnungen nicht bezahlen können. Darüber hinaus helfe ich Menschen, dass sie all die Leistungen bekommen, auf die sie Anspruch haben. Viele wissen gar nicht genau, was ihnen eigentlich zusteht.
Zu uns kommen Menschen quer durch die Bank. Mir fällt auf, dass es vermehrt jüngere, alleinstehende Personen sind, die zum Beispiel eine Lehre abgebrochen haben. Dazu Menschen mit Mindestpension, Alleinerziehende, Arbeitslose. Ihr Einkommen reicht nicht aus, die Fixkosten sind sehr hoch. Kaputt werden darf da nichts. Manche haben ein Haus gekauft und können jetzt aufgrund von Kurzarbeit die Kreditraten nicht mehr bezahlen. Vielen geht es so: Vor Corona sind sie über die Runden gekommen, mit der Kurzarbeit können sie sich auf einmal das tägliche Leben aber nicht mehr leisten.
Gemeinsam verschaffen wir uns einen Überblick. Wir schauen, welche Versicherungen sie abgeschlossen haben, ob es wirklich den teuren Internetvertrag braucht oder welche Abos oder Spendendaueraufträge gekündigt werden können. Ich gebe ihnen Tipps, wie sie sich ihr Geld über das gesamte Monat einteilen können. Zum Beispiel indem sie sich vier Umschläge mit jeweils hundert Euro pro Woche vorbereiten und versuchen, damit auszukommen. Ältere Menschen gehen gern ins Kaffeehaus etwas essen. Mit ihnen bespreche ich, dass es günstiger ist, daheim zu kochen. Aber ich verstehe natürlich, dass sie auch einmal raus wollen.
Sandra Lobnig