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Kühlschrank oder Apotheke

Genussgrübeleien von Jürgen Schmücking zum Sinn und Unsinn von Pro-, Pre- und Synbiotika

Wie essen aus unterschiedlichen Gründen. Zum Einen, weil uns gar nichts anderes übrig bleibt. Wenn wir die Lebensfähigkeit unseres Körpers aufrecht halten wollen, müssen wir atmen und essen. Und trinken. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der primären Funktion der Lebensmittel, der Grundversorgung mit Energie und Nährstoffen (Nährwert). Wir essen aber auch, weil es Spaß macht. Oder besser gesagt, weil es uns schmeckt. Wir essen – das Eine gern, das Andere weniger – wegen der sensorischen Eigenschaften unserer Lebensmittel. Dabei sprechen wir von deren sekundärer Funktion oder dem Genußwert. Schließlich haben wir noch eine tertiäre Funktion von Lebensmitteln: den Gesundheitswert. Essen, von dem behauptet wird, dass es nicht einfach nur gesund ist, sondern ganz bestimmte körperliche Funktionen (und Dysfunktionen) fördert oder heilt.

Hier geht es also um eine Gruppe von Lebensmittel, die zur Zeit schwer im Trend liegen, weil sie Krankheiten vorbeugen sollen. „Gesunde Lebensmittel“ sind gefragt wie nie. Expterten gehen sogar davon aus, dass sich das Lebensmittelangebot in etwa 10 Jahren je zur Hälfte in „klassische Lebensmittel“ und „Functional Food“ aufteilen wird. Die Herausforderung dabei wird sein (und ist es bereits teilweise), zwischen ernsthaften Produkten und Kandidaten für den „Goldenen Windbeutel“ zu unterscheiden. Genau diese Unterscheidung ist gar nicht so einfach.

Eine genaue Definition für functional food gibt es nicht. Genau so wenig, wie – zum Glück - ein eigenes Logo oder Gütesiegel. Dafür verwenden Hersteller und Händler eine Vielzahl von Begriffen und meinen dabei aber immer das Gleiche. „Medical Food“, „Wellness Food“, „Nutritional Food“ oder – ein Liebling von mir – „Nutraceuticals“. Immer geht es um verarbeitete Lebensmittel, die einen oder mehrere Inhaltsstoffe enthalten, die eine oder mehrere Körperfunktionen unterstützen. Diese Inhaltsstoffe können entweder Nährstoffe oder auch nicht-nutrive Stoffe, wie sekundäre Pflanzenstoffe sein. Natürlich vorhanden oder zugesetzt ist dabei weniger wichtig. Es können natürlich auch Lebensmittel gemeint sein, denen durch ein technisches Verfahren ein schädigender Inhaltsstoff entzogen – oder durch einen unbedenklichen ersetzt wurde. Der Fantasie sind dabei wenig Grenzen gesetzt.

Für die Konsumenten bedeutet das ein weites Feld möglicher (und ziemlich sicherer) Verwirrung. Gesundheitsbezogene Angaben, wie etwa „Die probiotischen Kulturen XY unterstützen bei regelmäßigem Genuss das Gleichgewicht der Darmflora“ öffnet dem Schwachsinn Tür und Tor. Abgesehen davon, dass hier eine sehr präzise Aussage von einer eher allgemeinen Binsenweisheit abgeleitet wird, verschweigt der Claim, dass es sich dabei meist um Produkte handelt, die so deutlich übersüßt sind, dass jeglicher eventuelle Gesundheitsnutzen mehr als aufgewogen wird. Die gleiche Wirkung ist auch mit Müsli oder Salami oder Dörrzwetchken zu erreichen.

Damit ist angesprochen, was eigentlich auf der Hand liegt. So lange die wissenschaftliche Basis dünn ist und der Verdacht besteht, dass viele neue Produkte als Innovationen aufgrund des ökonomischen Drucks des Agrarsektors entstehen, ist Vorsicht geboten. ACE-Drinks, Omega3-Eier oder Kalzium-Joghurt sind nur der Anfang. Viel vernünftiger ist, über funktionelle Ernährung nachzudenken, als über funktionelle Nahrung. Natürlich kann ich nach Lebensmitteln suchen, die einen hohen Inulingehalt haben, weil ich weiß, dass sich das positiv auf Darm und Leibwinde auswirkt. Ich würde sogar fündig werden. In Joghurts, kalorienreduzierter Schokolade oder in dem einen oder anderen Schlankheitsgetränk. Ich könnte mich aber genauso gut auf die Vielfalt der Zichorien stürzen und vermehrt mit Schwarzwurzel, Topinambur oder Artischocken kochen.
Jetzt überlasse ich es Ihnen zu entscheiden, was die klügere Variante ist.

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Jürgen Schmücking auf den Spuren des Genusses. Foto: Liga

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