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"Klimaneutrale" Reiseangebote - Utopie oder Notwendigkeit?

Klimafreundliche Reiseangebote sind Wettbewerbsvorteil: 90 % der Reiseanbieter sehen im Klimawandel eine Bedrohung - Branche reagiert mit alternativen Angeboten - ExpertInnen erwarten "neue Kultur des Reisen"

Lund-Durlacher
Fotokredit MODUL University

Der Klimawandel und der Tourismus hängen zusammen. Das zeigt eine Studie der UNWTO (Welttourismusorganisation). Der Anteil des Tourismus an den globalen Treibhausgasemissionen liegt zwischen 4 % und 9 %. Bei einer Fortsetzung der derzeitigen Wachstumsentwicklungen im Tourismussektor werden sich dessen Emissionen bis zum Jahr 2035 mehr als verdoppeln.


Das Wissen über diesen Zusammenhang ist bei den TouristikerInnen vorhanden. Das wurde bei der Podiumsdiskussion zum Thema "Klimaneutrale Reiseangebot - Utopie oder Notwendigkeit?", an der MODUL University in Wien deutlich. Und das zeigt auch eine Umfrage der MODUL University unter den AusstellerInnen der ITB Berlin, der größten Tourismusmesse weltweit. 63 % fühlen sich über den Klimawandel gut informiert, 90 % sehen ihn als Bedrohung und 38 % glauben an einen Einfluss des Klimawandels auf den Tourismus. "Es gibt ein hohes Problembewusstsein unter den Tourismusmanagern", so Dagmar Lund-Durlacher (Studiengangsleiterin Tourismus, MODUL University).


FairReisen-Programm mit Umweltzeichen - Hotel mit Null-Energie-Bilanz


Die Branche reagiert darauf mit gezielten klimafreundlichen Reiseangeboten. Mondial ist der erste Reiseveranstalter, der mit seinem "FairReisen"-Programm das Umweltzeichen erhielt. Gregor Kadanka (Geschäftsführer Mondial): "Das gewählte Transportmittel der An- und Abreise, die Reisedistanz und die Aktivitäten vor Ort bestimmen, ob mit der Gestaltung eines Reiseangebotes auch für die Umwelt Verantwortung übernommen wird". Einen deutlichen Wettbewerbsvorteil sieht Michaela Reitterer in klimafreundlichen Angeboten. Reitterer ist Geschäftsführerin des ersten Hotels mit einer Null-Energie-Bilanz - Eröffnung 2009. "Das umfassende Konzept ist ein deutlicher Wettbewerbsvorteil. Kunden, die mit dem Rad oder Zug anreisen erhalten zusätzlich 10 % Ermäßigung", so Reitterer.


Die neue Kultur des Reisens: Seltener, länger, näher


Hauptansatzpunkt für klimafreundliche Reiseangebote ist allerdings die An- und Abreise. "Mehr als drei Viertel der Emissionen im Tourismus werden vom Flug- und Straßenverkehr verursacht. Eine Reduktion kann nur erreicht werden, wenn technologische Effizienzverbesserung, Transportvermeidung, Verlagerung von Flugzeug und Auto hin zu Bahn und Bus, sowie eine substanzielle Änderung des Reiseverhaltens beim Konsumenten parallel erfolgen", sieht Wiebke Unbehaun (Naturfreunde Internationale) Handlungsbedarf im Transport der TouristInnen. Ihr Lösungsansatz: "Es wird eine neue Kultur des Reisens geben: seltener, länger und näher." Ein Ansatz bei unvermeidlichen Flügen sind Kompensationszahlungen. Klimabündnis, Naturfreunde Internationale und respect haben Angebote für Kompensationszahlungen analysiert. In der Praxis scheitern Kompensationszahlungen aber nicht an der Bekanntheit (69 % haben davon gehört), sondern an der Umsetzung: Nur 3 % haben bereits kompensiert. So die Umfrage-Ergebnisse der MODUL University.


Statements


Dagmar Lund-Durlacher (Studiengangsleiterin Tourismus, MODUL University)


Die im letzten Jahr neu gegründete MODUL University setzt sich  intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander. Solaranlage, Holzpelletsheizung und ein spezielles Dämmsystem stehen für die ökologische Verträglichkeit des Gebäudes. In den Curricula der drei Studiengänge (BBA in Tourism and Hospitality Management, MBA in Tourism Management und MBA in Public Governance and Management), den zahlreichen Forschungsprojekten und im akademischen Alltag sind Nachhaltigkeitsaspekte als zentrale Elemente integriert.


Eine auf der ITB Berlin im Frühjahr 2008 gemeinsam mit der FH Eberswalde durchgeführte Untersuchung zum Thema Klimawandel ergab eine hohe allgemeine Betroffenheit der befragten Tourismusmanager bezüglich des Klimawandels aber zu durchgreifenden Maßnahmen für den Klimaschutz im Tourismus ist es noch ein weiter Weg.


Die Ergebnisse fasst eine der beteiligten  Professoren, Dagmar Lund-Durlacher, so zusammen: "Die befragten Touristiker zeigen ein hohes Problembewusstsein. Zudem nennen viele von ihnen sachgerechte Lösungsansätze, wobei eine verbesserte Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Kundeninformationen und ein Umstieg auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel favorisiert werden. Mit der Umsetzung im eigenen Unternehmen oder beim eigenen Reiseverhalten hapert es jedoch noch, auch wenn hier erste positive Ansätze zu verzeichnen sind."


Besonders augenfällig ist die Diskrepanz beim Ausgleich von Flugemissionen durch Zahlungen an  Klimaschutzprojekte. Zwar gab eine große Mehrheit an, von diesem Prinzip gehört zu haben, doch wird es in der Praxis bei weniger als 3% der Unternehmen umgesetzt.



Gregor Kadanka (GF Mondial)


Mit "FairReisen"-Programm ist Mondial der erste Veranstalter mit Umweltzeichen. Das innovative Unternehmen ist österreichweit der erste Reiseveranstalter, der alle Richtlinien zur Vergabe des Österreichischen Umweltzeichens für umweltverträgliche Reiseangebote umgesetzt hat und somit als einziger Veranstalter seine Reiseangebote mit dem "Umweltzeichen für Reiseangebote" kennzeichnen darf. Umweltfreundliches Reisen geht aber weit über die Qualität der Unterkunft hinaus. Das gewählte Transportmittel der An- und Abreise, die Reisedistanz und die Aktivitäten vor Ort bestimmen, ob mit der Gestaltung eines Reiseangebotes auch für die Umwelt Verantwortung übernommen wird.


"Bei der Gestaltung unseres Programms haben wir uns gewissenhaft an die Kriterien des Lebensministeriums für umweltverträgliche Reisen gehalten", so Mag. Gregor Kadanka, Juniorchef Mondials - nämlich die umweltverträgliche An- und Abreise, sanfte Mobilität vor Ort und bei Freizeit-Angeboten, Aktivitäten im Einklang mit der Natur sowie Hotels, die mit dem Österreichischen und/oder Europäischen Umweltzeichen ausgezeichnet wurden und/oder das Bio Zertifikat und/oder die Grüne Haube haben."



Michaela Reitterer (GF Hotel Stadthalle - Boutique Hotel in Wien)


Hotel Stadthalle setzt auf Null-Energie- Wien ab 2009 mit erstem Hotel mit Null-Energie-Bilanz - Persönliches Anliegen wird zum Wettbewerbsvorteil


"Ich handle stets nach dem Motto 'Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht von dieser Welt.' Ich bin überzeugt mit unserem Betrieb einen wichtigen Beitrag für den Klima- und Umweltschutz zu leisten", so beschreibt Michaela Reitterer ihre Motivation, in diesem und kommenden Jahr rund 4,5 Millionen Euro in den Um- und Zubau des Boutiquehotels Stadthalle zu stecken.  Das Boutiquehotel Stadthalle wird um 38 Zimmer erweitert, seine Energie aus dem Nutzen des Grundwassers beziehen, die Toilettenspülungen aus dem Regenwasser speisen und Strom mit einer Fotovoltaik-Anlage gewinnen. Eine zentral gesteuerte Überwachung der Energieträger und kontrollierte Raumlüftung werden erstmals ein Stadthotel in Passivbausweise ermöglichen. Danach wird das Hotel mit seinen 92 Zimmer mit einem wunderschönen Garten, Lavendeldächern und gemütlichem Flair für einzigartige Gastfreundschaft in Verbindung mit gelebtem Umweltbewusstsein stehen.


Die Erweiterung ist Teil eines umfassenden Konzepts, in dem Reitterer einen deutlichen Wettbewerbsvorteil sieht. "Wir haben uns eine eigene Art von Umwelt-Charme auf die Fahnen geschrieben und diesen leben wir auch". So erhalten etwa Kunden, die mit Rad oder in Zukunft mit dem Zug anreisen 10 % Ermäßigung bei der Übernachtung.


Der Erfolg scheint Michaela Reitterer recht zu geben, ihr Hotel hat schon jetzt eine Jahresauslastung von 83 %.



Wiebke Unbehaun (Naturfreunde Internationale, klima:aktiv)


Klimawandel und Tourismus hängen zusammen. Der komplexe und vernetze Wirtschaftszweig Tourismus ist einerseits vom Klimawandel stark betroffen, er ist andererseits aber auch ein wesentlicher Mit-Verursacher des Klimawandels. Der Anteil des Tourismus an den globalen Treibhausgasemissionen liegt zwischen 4 % und 9 %. Bei einer Fortsetzung der derzeitigen Wachstumsentwicklungen im Tourismussektor werden sich dessen Emissionen bis zum Jahr 2035 verzweieinhalbfachen (Quelle: UNWTO, Welttourismusorganisation). Nur Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel sind unzureichend, der Tourismus muss selbst etwas für den Klimawandel unternehmen.


Der Großteil der Emissionen im Tourismus (mehr als drei Viertel) wird vom Flug- und Straßenverkehr verursacht (Quelle UNWTO). Die An- und Abreise ist daher der wichtigste Ansatzpunkt zur Reduktion der Emissionen im Tourismussektor. Eine Reduktion kann nur erreicht werden, wenn technologische Effizienzverbesserung, Transportvermeidung, Verlagerung von Flugzeug und Auto hin zu Bahn und Bus, sowie eine substanzielle Änderungen des Reiseverhaltens beim Konsumenten parallel erfolgen.



 
10 praktische Tipps für klimafreundliche Reisepackages


1. Bahn, Bus oder Fahrrad haben die beste Ökobilanz
2. Kein Flugzeug bei Distanzen unter 700 km
3. Zielorte bis zu 2.000 km - Aufenthalt mind. 8 Tage
4. Zielorte über 2.000 km - Aufenthalt mind. 14 Tage
5. Auch in der Destination sanfte Mobilität anbieten
6. Kooperieren Sie mit Unternehmen, die mit anerkannten Umweltzeichen ausgezeichnet sind
7. Angebote mit landes-/regionstypischer Verpflegung erhöhen den Erlebniswert und freuen das Klima
8. Wählen Sie regionstypische Unterkünfte für Ihre Packages
9. Verzichten Sie auf das Angebot von motorbetriebenen Freizeitaktivitäten
10. Maßvoller Umgang mit Energie im eigenen Unternehmen, der Wahl der Anbieter und als Tipp für Ihre KundInnen


Quellen: Forumandersreisen, Naturfreunde Internationale, respect und atmosfair.



 


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