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Kevin allein außer Haus

Genussgrübeleien von Jürgen Schmücking

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Jürgen Schmücking

Ich komme gerade von einem Dinner. Einem wirklich guten. Mit acht Gängen, ein paar „Grüßen aus der Küche“, hervorragenden Weinen und einem herrlichen Espresso am Schluss. Und ich war alleine. Irgendwann kam die Gastgeberin an meinen Tisch und begrüsste mich herzlich. Es war ein nettes Gespräch. Verabschiedet hat Sie sich mit den Worten „Sie sind zwar leider alleine, aber ich wünsche Ihnen trotzdem viel Spass“.

Alleine essende Männer (Frauen sind so selten ohne Begleitung am Wirtshaustisch anzutreffen, dass es statistisch irrelevant ist) sind für Gastronomen immer ein Problem. Tische für eine Person gibt es nicht. Also bleibt der Platz des Mitessers frei, und dem Wirt entgeht Umsatz. Wer alleine speist, trinkt in der Regel auch keine Flasche Wein. Wenn jemand alleine isst, bekommt er in der Regel das Essen schneller. Er könnte sich ja beim Warten langweilen. Dass das aber nicht unbedingt zum Vorteil (des Essens) ist, wird dabei gern übersehen. Wenn der Gast niemanden hat, mit dem er sprechen kann, sieht er sich das Lokal genauer an. Warum macht er das? Fragen über Fragen. Hier der Versuch einer Typologie der Alleinesser.

Da hätten wir einmal die Vertreter oder Handelsreisenden. Gastronomisch gesehen sind das die Guten. Vertreter, die oft „auf Achse“ sind. Sie essen, weil es physiologisch notwendig ist. Sie sind an das Alleinessen gewöhnt und gehen mit dieser Situation routiniert und gelassen um. Für Wirte sind sie zuverlässige Stammgäste, bleiben selten länger als notwendig und stellen in der Regel keine allzu hohen Ansprüche. Von ihnen droht keine Gefahr.

Eine Gruppe ist für Gastronomen (aber auch für Gäste an Nachbartischen) allerdings eine ganz besondere Herausforderung. Ich nenne sie „gastrosexuelle Junggesellen“. Sie haben zwar keine Partnerin - zumindest keine fixe - dafür sind sie echte Auskenner in unterschiedlichen kulinarischen Belangen. Sie sind notorische Wissen-Woller, aber auch genauso notorische Besser-Wisser. Sie löchern den Kellner mit Fragen nach Herkunft und Garmethoden und können echte Nervensägen sein. Man kann sie aber relativ leicht ruhig stellen, indem man die letzten Ausgaben diverser Hochglanz-Gourmet-Magazine auflegt. Das sollte reichen.

Sitzt ein Gast alleine am Tisch und bestellt drei oder mehr Gänge, wird jeder Kellner hellhörig. Packt dieser Gast auch noch einen Notizblock aus, wird die Sache ernst. Testeralarm!! Rapide ändern sich in der Küche die Prioritäten und beim Service der Grad der Freundlichkeit. Das hat sich ein wenig geändert, seit professionelle Tester gebetsmühlenartig erklären, dass sie sich im Restaurant weder durch Mitschreiben, noch durch Fotografieren der Speisen (ganz böse) zu erkennen geben. Das haben auch die Wirte verstanden, und der Service reagiert entspannter, wenn jemand auf Restaurantkritiker macht. Das Paradoxe daran: Wenn echte Kritiker zu Papier und Bleistift greifen, kann es sein, dass sie sich unbehelligt und ganz offen ihrer Schreiberei hingeben können, weil sie genau deswegen nicht für das gehalten werden, was sie sind.

Ich habe das Lokal heute Abend nicht getestet. Ich war einfach nur neugierig. Ob ich mich in einer der Kategorien wiederfinde? Ha! Niemals.

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