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Vielfalt ist die beste Medizin

Was hat Biodiversität mit unserer Gesundheit zu tun? Umweltmediziner Hans Peter Hutter spricht im Interview über alte Apfelsorten, gute und schlechte Bakterien und den fehlenden Spürsinn für Vielfalt.

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OA Assoz.-Prof. DI Dr. Hans Peter Hutter, von den Ärztinnen und Ärzten für eine gesunde Umwelt. Dujmic

Ein Beitrag zur Förderung der Vielfalt ist das Erhalten alter Sorten. Warum sollen wir alte Apfelbäume pflegen, wenn es neuartige Züchtungen gibt?

Hans Peter Hutter: „Alte Obst- und Gemüsesorten haben oft einen ganz besonderen Wert für die Gesundheit. So haben zum Beispiel moderne Tafelobstsorten einen niedrigeren Gehalt an Polyphenolen, Gerb- und Bitterstoffen und Isoflavonen, von denen man weiß, dass sie gesundheitsfördernd wirken. Polyphenole können sogar – einfach ausgedrückt – Allergene neutralisieren. Menschen, die normalerweise auf modernes Tafelobst allergisch reagieren, sollten alte Apfelsorten probieren, die werden oft besser vertragen.

Die Polyphenole haben auch andere positive Effekte, zum Beispiel in der Vorbeugung gegen Dickdarmkrebs. Ein Apfel pro Tag enthält viele wichtige Vitamine, die der Körper braucht, und wird deshalb auch von Ärzten empfohlen.

Genetische Vielfalt zahlt sich aus, wenn man diese gesundheitlichen Effekte betrachtet. Und das ist nicht nur bei Äpfeln so. Vieles ist noch gar nicht erforscht, aber wir gehen davon aus, dass es noch unzählige weitere positive Effekte gibt. Auch sehen alte Apfelbäume netter aus als moderne Plantagen.“

Sind heimische Pflanzen besser verträglich als weit gereiste Lebensmittel?

„Was man kaum bedenkt, ist, dass mit den Früchten aus anderen Ländern auch Chemikalien mitgeliefert werden, die bei uns schon lange verboten sind. In Entwicklungsländern – und das weiß ich aus eigenen Untersuchungen - werden nach wie vor giftige Pestizide wie Parathion und Endosulfan eingesetzt. Wenn wir daher beispielsweise eine aus einem tropischen Land eingeflogene Mango konsumieren, könnten wir auch gleichzeiig in den Genuss von Pestiziden kommen, die es bei uns nicht mehr gibt.

Unabhänig davon ist heimisches Obst, etc. jedenfalls umweltverträglicher – wenn man die tausenden Kilometer Transportwege bedenkt - bzw. sozialverträglicher angesichts der meist fürchterlichen Arbeitsbedingungen in den sogenannten Entwicklungsländern.“

Auf unserer Haut leben zwischen 100 und 10.000 Bakterien pro Quadratzentimeter. Je weniger Bakterienvielfalt auf der Haut, desto höher das Krankheitsrisiko. Kann demnach zu viel Händewaschen schaden?

„Ganz grundlegend ist unsere eigene Bakterienflora natürlich ein Schutzfaktor. Das gilt aber nicht für nicht körpereigene Mikroben. Wenn es um die Besiedelung der Haut mit Bakterien geht, sind diese beiden Aspekte daher zu berücksichtigen. Sich nach dem Aufenthalt in öffentlichen Räumen, vor dem Essen etc. die Hände zu waschen, schützt uns definitv vor Infektion. Die Krankheitserreger gelangen durch kontaminierte Gegenstände auf unsere Hände insbesondere auf unsere Fingerspitzen, von dort sehr leicht in unser Gesicht. Regelmäßiges, richtiges Händewaschen ist daher sehr, sehr wichtig. Wasser und Seife reichen aber im Alltag aus! Desinfektionsmittel sind in der Regel nicht nötig. Nur in speziellen Fällen wie z.B. vor und nach einem Krankenhausbesuch ist es erfordlich, zusätzlich mit Alkohol zu desinfizieren.“

In uns und auf uns krabbeln Billionen Mikroorganismen. Wie kann man dieses Mikrobiom – wie man es in seiner Gesamtheit nennt – unterstützen und positiv verändern?

„Wir beeinflussen unser Mikrobiom täglich, etwa mit der Ernährung oder indem wir Alkohol trinken oder Medikamente einnehmen. Ballaststoff- und pflanzenreiche Kost sowie Bewegung im Freien erzielen einen positiven Effekt. Zucker, rotes Fleisch und Antibiotika haben einen gegenteiligen. Deshalb soll man auch nicht bei jeder Beeinträchtigung sofort nach Antibiotika greifen. Generell gilt: Eine geringe Vielfalt ist schlecht und mit vielen Krankheiten verbunden. Wenn die Mikroben auf allen äußeren und inneren Oberflächen im Gleichgewicht gehalten werden, haben Krankheitserreger wenig Chancen.“

Biodiversität ist also ein wesentlicher Faktor für unsere Gesundheit. Warum erkennen wir ihren Wert nicht?

„Wir schätzen die Biodiversität nicht, solange sie da ist. Es ist wie mit unserer Gesundheit. Auch dafür haben wir kein Sinnesorgan, das uns unser Gesundsein direkt meldet. Wir nehmen sie als selbstverständlich hin. Außer ich schalte das Gehirn ein und schätze mich glücklich, dass ich mich selbständig und ohne Einschränkungen bewegen kann, dass meine Verdauung funktioniert, dass ich gut höre oder auch etwa mein Gedächtnis nicht schwächelt.

Das Gleiche gilt für die Biodiversität. Wir sehen ihren Wert leider erst dann, wenn sie verschwunden ist und traurige ökologische Folgen augenscheinlich werden. Wo sich Wüsten durch Erosion ausbreiten oder landwirtschaftliche Monokulturen den Boden vergiftet und ausgelaugt haben. Wo die Meere leergefischt sind und Korallenriffe den klimwandelbedingten höheren Wassertemperaturen erlegen sind. Erst wenn die Wälder abgeholzt, die Strände verschmutzt, ehemals fruchtbare Landschaften verwüstet oder überschwemmt sind, erst dann – angesichts dieser Naturruinen - schätzen wir die Biodiversität.“

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