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Hitze und Armut: eine gefährliche Kombination

Langzeit-Messungen in Wohnungen zeigen extreme Bedingungen: Organisationen fordern Hitzeschutz und Sanierunsgsoffensive von der Regierung.

An einem Holzkasten in einem Wohnzimmer hängt ein Temperaturmessgerät
Foto: Mitja Kobal/Greenpeace

Immer mehr Menschen in Österreich leiden in ihren eigenen vier Wänden unter extremer Hitze - sogar in einem eher durchschnittlichen Sommer wie diesem. Das belegt die Auswertung von rund zweimonatigen Temperaturmessungen von Greenpeace und der Volkshilfe zusammen mit der Universität für Bodenkultur (BOKU) in neun Wiener Wohnungen.

Hitze und Armut sind eine gefährliche Kombination: Je schlechter saniert eine Wohnung ist und je mehr Menschen darin leben, desto heißer wird es. Besonders schlecht sanierte Wohnungen ohne Sonnenschutz, in denen viele Menschen auf geringem Raum zusammenleben, werden im Sommer zu regelrechten Hitzefallen.
Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe: „Von Armut betroffene Menschen leiden stärker unter der Hitze. In engen, überfüllten Wohnungen fehlen ihnen die Möglichkeiten, um sich vor Überhitzung zu schützen. 244.000 Kinder und Jugendliche müssen in solchen Wohnverhältnissen leben. Sie zahlen einen hohen Preis für die Klimakrise, die sie nicht verursacht haben.”

Das zeigt auch die Studie: Neubauwohnungen, in denen wenige Personen wohnen, erwärmen sich tendenziell langsamer und bleiben auch bei Hitzewellen unter 27 Grad. In den locker belegten Neubauwohnungen war das Innenraumklima daher nur rund ein Drittel der Zeit, in locker belegen Altbauwohnungen etwa die Hälfte der Zeit unbehaglich. Bei dicht belegten Wohnungen ist das über 85 Prozent der Zeit der Fall. Kein Wunder: Jede zusätzliche Person bringt Wärme ein  und steigert den Bedarf an Lüftung. So kann ein höherer Wärmeeintrag durch Lüften nicht ganz vermieden werden. Und einmal aufgeheizt, dauert es lange, bis die Wohnungen wieder abkühlen. So bleibt es auch nach Ende einer Hitzewelle oder nachts länger heiß. Neben der Temperatur ist auch die Luftfeuchtigkeit bedeutend - je höher, desto unangenehmer wird die Hitze in den Wohnungen. 

Neben Wohnfläche pro Person haben aber natürlich auch die Lage und die Beschattungsmöglichkeiten großen Einfluss auf die Innentemperatur: „Die Klimakrise treibt die Temperaturen in Österreich weiter in die Höhe – Hitzetage und Tropennächte nehmen deutlich zu. Besonders stark heizen sich Wohnungen auf, die direkt besonnt werden und keine außenliegende Beschattungsmöglichkeit haben (etwa Außenrollos). Unser Gebäudebestand muss dringend nachgerüstet werden, um für zukünftige Hitzewellen gerüstet zu sein”, sagt Herbert Formayer, Professor am Institut für Meteorologie an der BOKU.

Das unterstreicht auch Jasmin Duregger, Klima- und Energieexpertin bei Greenpeace Österreich: „Die Zahlen sind eindeutig: In unsanierten und unbeschatteten Wohnungen ist der Sommer einfach unerträglich. Die Bundesregierung muss umgehend eine Sanierungsoffensive starten, Straßen begrünen, Häuser beschatten und Wände dämmen. Zudem müssen unbedingt alte Öl- und Gasheizungen getauscht werden. So schützen wir nicht nur Menschen vor Hitze, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.”

Daniela Haluza, Umweltmedizinerin und Professorin an der Medizinischen Universität Wien: „Hitze ist nicht nur ein medizinisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Sie belastet Körper und Psyche und trifft vor allem Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen. Neben wirksamen Hitzeschutz in Wohnungen braucht es auch mehr Begrünung in der Stadt, um Abkühlung zu schaffen. Hitzeschutz bedeutet Gesundheitsschutz – und ist eine gemeinsame Aufgabe, die niemanden zurücklassen darf.“

Über die Messungen

Insgesamt wurden in drei Wohnungen im Neubau, in vier Wohnungen aus der Nachkriegszeit und zwei Wohnungen aus der Gründerzeit Messungen durchgeführt. Von diesen waren drei dicht (weniger als 15 m² pro Person) und sechs locker (rund 45 m² pro Person) belegt. Die dicht belegten Wohnungen der Messungen sind von armutsgefährdeten Familien bewohnt, die in Zusammenarbeit mit der Volkshilfe ausgewählt wurden. Als armutsgefährdet gilt, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung auskommen muss (aktuell 1.661 Euro monatlich für einen 1-Personen-Haushalt plus 830,5 Euro pro weiterer erwachsener Person bzw. 498,3 Euro pro Kind unter 14 Jahren im Haushalt).

Die Messungen erfolgten mit je 3 bis 4 Sensoren, welche auf das Wohnzimmer, die Küche und die Schlafzimmer verteilt wurden.

Zum Factsheet der Temperaturmessungen.

Hitze-Dashboard zu den aktuellen Messungen.

Zwei Personen - eine blonde Frau und ein Mann mit weißem Bart - halten ein Banner hoch. Darauf steeht
Fotos: David Visnjic/Greenpeace