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HCB: Wir alle haben Gift im Blut

Bei der Verbrennung von Blaukalk im Zementwerk Wietersdorf in Kärnten sind große Mengen HCB (Hexachlorbenzol) freigesetzt worden. Umweltmediziner Hans Peter Hutter erzählt im Interview, wie sich das HCB auf eine ganze Region auswirkt und warum wir alle Gift im Blut haben.

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OA Assoz.-Prof. DI Dr. Hans Peter Hutter, von den Ärztinnen und Ärzten für eine gesunde Umwelt. Dujmic

Obwohl bereits im März 2014 erhöhte HCB-Werte in Milch festgestellt worden sind, werden der Skandal und die Ursachen dafür erst Ende November öffentlich bekannt gegeben. Nun hat das Land Kärnten  131 Görtschitztaler zum Bluttest gebeten. Bei 21 Menschen wurden erhöhte HCB-Werte festgestellt. Wie wirkt sich HCB auf ihre Gesundheit aus?

Hans Peter Hutter: Die gesundheitlichen Auswirkungen zu beurteilen, ist fachlich äußerst schwierig, weil es kein einfaches Schema gibt, nach denen die Bewertungen durchgeführt werden könnten. Wir haben es mit einem Stoff zu tun, der im Körper –viele Stoffwechselvorgänge durchläuft, und sammeln gerade Daten, um diese Komplexität in der Bewertung zu berücksichtigen.

Im nächsten Schritt geht es um eine Gesamtbeurteilung, um zu wissen, mit welchem Risiko es die Menschen im Görtschitztal zu tun haben. Wir werden den Fokus auf die Kinder legen, die prinzipiell besonders empfindlich auf Umweltfaktoren reagieren, weil sich u.a. ihre Organsysteme noch in Entwicklung befinden.

Glücklicherweise waren die HCB-Konzentrationen nicht so hoch, dass es zu keiner akuten Gesundheitsgefährdung kam. Das heißt, es sind keine akuten Symptome aufgetreten und wären auch bei den freigesetzten Mengen nicht erklärbar. Uns geht es vor allem um langfristigen Gesundheitsfolgen.

Die Menschen sind verunsichert. Sie wissen nicht, wie es weiter geht. Was sagen Sie den Görtschitztalern?

Die Risikokommunikation ist eine große Herausforderung, weil es sich bei der Beurteilung der gesundheitlichen Folgen um vielschichtige medizinische Überlegungen handelt, die man verständlich und glaubhaft darstellen möchte. Schließlich ist die Bevölkerung anfangs durch die unterschiedlichsten Aussagen verunsichert worden. Ist das Vertrauen in die verschiedenen Akteure und Verantwortungsträger erst mal angenagt, dann ist es umso schwieriger, die Diskussion auf einer glaubhaften Ebene zu führen. Manchmal ist dies auch überhaupt nicht mehr möglich.

Was können die Menschen mit erhöhten HCB-Werten tun?

Wir werden die Situation weiter beobachten und wiederholt Blutbefunde einholen, um zu sehen, ob und wie sich die interne Belastung über die Zeit verändert. Es ist anzunehmen, dass der Abbau von HCB größer ist als die Aufnahme, sobald kontaminierte Lebensmittel vermieden werden. Darüber hinaus überlegen wir, ob man bestimmte Pflanzenöle einsetzen kann, um die Abgabe von HCB zu beschleunigen. Das Pflanzenöl muss natürlich selbst vorher auf Belastungen überprüft werden.

Welche Lebensmittel sind mit HCB belastet?

Vor allem Fleisch-  und Milchprodukte. Obst und Gemüse wurde auch kontrolliert, jedoch als unbedenklich eingestuft. Natürlich gibt es weiterhin Kontrollen.

Ist das Görtschitztal ein Einzelfall oder kommt es öfter vor, dass Gift im Blut nachgewiesen wird?

Wir alle sind praktisch belastet, mit allen möglichen langlebigen Substanzen, unter anderem sogar noch mit DDT, ein Insektenbekämpfungsmittel das bis in die Siebzigerjahre in Österreich ausgebracht worden ist und sich im Organismus anreichern kann. Jeder von uns hat so nachweisbare Spuren im Blut! Daraus kann man ablesen, wie wichtig eine sorgsame und vorsorgliche Chemiepolitik ist. Das Beispiel zeigt auch eindrucksvoll, dass sich langlebige Chemikalien, die in der Vergangenheit massiv freigesetzt worden sind, nicht in Luft auflösen, selbst einige Jahrzehnte nachdem sie verboten wurden. Sie sind in der Umwelt überall noch nachweisbar, vom Nordpolbis zur Antarktis.

Wo kommt das HCB her?

Es gibt einerseits eine Erbschaft aus jener Zeit, in der das Fungizid bei uns breit und wenig durchdacht angewendet worden ist. Es wurde erst nach Abschluss der Stockholmer Konvention 2001 weltweit - mit Ausnahmen – verboten, kann jedoch immer noch praktisch überall nachgewiesen werden, in Böden und Flusssedimenten, in Nahrungsmitteln aber auch im menschlichen Körper. Die nun freigesetzten HCB-Mengen aus der Verbrennung von Blaukalk im Görtschitztal haben die Bevölkerung zusätzlich belastet. Diese vermeidbare HCB-Exposition ist aus ärztlicher Sicht definitiv nicht tolerierbar! Lebensmittelgrenzwerte sind eindeutig überschritten worden.

Wie bringt man das HCB wieder raus aus der Region? Was ist zu tun?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen täglich in den Stall, melken die Kühe und müssen die Milch wegschütten, weil sie kontaminiert ist! Die Biobauern haben bei der Aufdeckung des Skandals eine tragende Rolle gespielt, weil sie auf eine gute Qualität achten und streng überprüfen. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Exposition nicht länger als zehn bis dreizehn Monate gedauert hat. Sie bemühen sich seit vielen Jahren, um gesunde Lebensmittel zu erzeugen, die wir Ökologen und Mediziner mit guten Gewissen empfehlen können. Und nun sind es gerade diese Biobauern, die am meisten unter der HCB-Belastung leiden, die sie nicht verschuldet haben.

Ihre Existenz steht auf dem Spiel! Je länger dieser Zustand andauert, umso unerträglicher wird die psychische Belastung für die Familien der Biobauern. Das wird leider von einem großen Teil der Öffentlichkeit gar nicht gesehen. Wir müssen uns dieser bisher weit unterschätzten Folgen annehmen. Jedenfalls braucht es rasche finanzielle Unterstützung und natürlich auch Anerkennung, ideelle Unterstützung aus der Bevölkerung, um diesen Imageverlust wieder gut zu machen. Wir brauchen neue Perspektiven für das gesamte Tal und vor allem für die Biolandwirtschaft!

Interview: Annemarie Herzog

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