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Fünf Ideen für eine bessere Wirtschafts-Welt

Dass mit unserer Wirtschaft etwas nicht stimmt spüren wir alle. Sie wächst kaum mehr - das bedeutet steigende Arbeitslosigkeit und Armut. Belebungsversuche durch Notenbanken oder Politik zeigen kaum Wirkung.

KritikerInnen meinen, diese Art des Wachstums sei an ihren Grenzen angelangt, denn es gäbe kein unendliches Wachstum im endlichen Raum. Das stimmt – und da sind sich alle einig – zumindest für die natürlichen Ressourcen auf unserem Planeten. Wir verbrauchen zu viel Energie und blasen zu viel CO2 in die Luft um nur zwei Punkte zu nennen. Die Dringlichkeit einer Veränderung steigt, und damit auch die Notwendigkeit, darüber nachzudenken, welche Regeln wir verändern wollen. Wir stellen Ihnen hier zwei Wirtschaftsmodelle und drei Konzepte für eine bessere (Wirtschafts-) Welt vor.

Die Gemeinwohl-Ökonomie

Das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie wurde von Christian Felber gemeinsam mit UnternehmerInnen 2010 als eine Alternative sowohl zur kapitalistischen Marktwirtschaft als auch zur zentralen Planwirtschaft entwickelt. Ziel ist es, das Gemeinwohl – darunter versteht Felber ein „gutes Leben für alle“ – durch eine „ethische Marktwirtschaft“ zu fördern, die nachhaltiges, faires, kooperatives, demokratisches und marktwirtschaftliches Handeln unterstützt. Unternehmen können dieses Konzept mithilfe der Gemeinwohlmatrix in ihren unternehmerischen Alltag einbauen. Dort erklären und bewerten sie ihren Beitrag zum Gemeinwohl. Sonnentor, Weltweitwandern oder Schirnhofer Feinkost haben beispielsweise eine Bilanz erstellt.

Grundsätzlich braucht es aber mehr als das Wohlwollen engagierter Menschen– nämlich eine Änderung der Rahmenbedingungen, damit richtiges Handeln auch wirtschaftliche Vorteile bringt. Felber fordert daher, dass Gemeinwohl-Unternehmen Vorteile bei Steuern, Krediten und öffentlichen Aufträgen erhalten. Unternehmensgewinne sollen der Stärkung der Unternehmen und der Beschäftigten dienen und auf keinen Fall das Vermögen externer Kapitalgeber vermehren. So soll der Drang zum Wirtschaftswachstum schwinden und mehr Kooperation und der Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen möglich werden. Vermögensungleichheiten sollen begrenzt werden, damit alle gleichberechtigt am wirtschaftlichen und politischen Leben teilhaben können. All diese Ideen sollen in demokratischen Prozessen entschieden und schließlich in der Verfassung verankert werden.

Kritik/Grenzen des Modells: Der Abbau von Vermögensungleichheiten, die Bevorzugung nachhaltiger Unternehmen und die Forderung nach stärkerer Beteiligung der Menschen an Entscheidungsprozessen können unser System fairer und gerechter machen. Vieles deutet aber auch in Richtung Planwirtschaft und autoritärer Systeme: In der Gemeinwohlökonomie soll es nur noch Produkte geben, die einen sozialen oder ökologischen Mehrwert schaffen. Aber wer entscheidet, ob ein Produkt diesen Kriterien entspricht? Dürfte es Red Bull in dieser Welt noch geben? Wer entscheidet in (basisdemokratischen) Unternehmen, in welches neue Geschäftsfeld investiert werden soll? Viele Innovationen entstehen, weil unternehmerisch denkende Menschen eine, von vielen als völlig verrückt gesehene Vision haben und trotzdem alle Hindernisse überwinden. Hätten wir vor zehn Jahren über die Gründung unseres Verlages abgestimmt, gäbe es heute weder LEBENSART noch BUSINESSART. www.ecogood.org
 

Ökosoziale Marktwirtschaft

„Enkerltauglich“ soll unser wirtschaftliches Handeln sein, Ökologie, Soziales und Wirtschaftliches verbinden. Das ist das Ziel der Ökosozialen Marktwirtschaft, die 1989 vom ehemaligen Vizekanzler Josef Riegler entworfenen wurde. Eine intakte Umwelt und die notwendigen Ressourcen sollen für die nächsten Generationen in gleicher Weise wie für uns zur Verfügung stehen. Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und persönliche Freiheit - wobei Freiheit zugleich Verantwortung und damit auch Ordnung bedeutet - sind die Grundprinzipien.

Ausgangsüberlegung des Konzepts ist, dass die Marktwirtschaft die Wertschöpfung einer Wirtschaft verbessern und innovatives Unternehmertum fördern kann. Aber sie braucht Regeln, die ökologisches und ethisches Verhalten unterstützen, um Auswüchse zu verhindern. Diese Regeln sollen den üblichen Marktmechanismen (Kostenwahrheit, Verursacherprinzip) entsprechen: Das bedeutet, dass umweltbelastendes Verhalten schlicht teurer sein soll, indem es mit hohen Steuern belegt wird. So soll etwa eine ökologische Steuerreform den Energieverbrauch stärker belasten und gleichzeitig Arbeitseinkommen entlasten. Viele Ideen und Forderungen aus der Ökosozialen Marktwirtschaft fanden bereits Einklang in die öffentliche Diskussion, wie z.B. eine Ökosteuer oder eine Transaktionssteuer. Aktuelle Schwerpunkte sind eine erdölfreie Gesellschaft, die Generationengerechtigkeit und ein neues Wachstumsverständnis. Es beruht nicht auf quantitativem, sondern auf qualitativem Wachstum. Also nicht 'mehr haben' sondern bessere Gesundheit, gute Beziehungen und eine intakte Umwelt. Wachstum soll durch Innovation und Qualifikation erzielt werden. Die Idee der Ökosozialen Marktwirtschaft wird weltweit auch über ein internationales Netzwerk, dem „Global Marshall Plan“ verfolgt. Prominente Vertreter sind z.B. Al Gore, Kofi Annan oder Franz Josef Radermacher.

Kritik/Grenzen des Modells: Viele Ansätze haben Eingang in den öffentlichen Diskurs gefunden – aber nicht mehr. Der liberale Kapitalismus mit all seinen negativen Folgen für Umwelt und den sozialen Zusammenhalt war bisher stärker. www.oekosozial.at
 

Der ökologische Fußabdruck

Die Logik von Mathis Wackernagel und William Rees, den Erfindern des ökologischen Fußabdrucks, ist leicht nachvollziehbar: Die bioproduktive Fläche - das ist jene Fläche, auf der Lebens- oder Futtermittel angebaut werden können oder Wald gedeihen kann, also alles außer Wüsten, Eisflächen und Hochgebirge - unserer Erde ist begrenzt. Im Jahr 2010 waren es 11,9 Mrd. Hektar. Dividiert man die bioproduktive Fläche durch die Anzahl der Menschen (aktuell ca. 7,2 Mrd.) verbleiben etwa 1,7 Hektar pro Person. Das ist eine Fläche von 100 mal 170 Meter. Darauf muss alles produziert werden können, was Sie in einem Jahr brauchen: Essen, trinken, Heizmaterial, Sprit, Kleidung, Smartphone, etc. Aber auch Ihr Abfall muss hier aufgenommen werden können.

Das geht sich nicht aus denken Sie. Sie haben Recht! Unser Fußabdruck in Österreich beträgt derzeit 5,36 ha pro Person. Die knifflige Frage ist, wie können wir unseren Fußabdruck reduzieren, ohne an Lebensqualität zu verlieren? Mit der 5 F-Regel des österreichischen Footprint-Experten Wolfgang Pekny ist das gar nicht so schwierig: 1. Fliegen vermeiden 2. Fahren mit dem Auto reduzieren, langsamer, nie allein und mit Sonnenstrom, öffentliche Verkehrsmittel nutzen. 3. Fleisch und tierische Produkte reduzieren, lokale, saisonale und Bio-Produkte bevorzugen. 4. Wohnen wie im Fass: gut isoliert, Wohngemeinschaften, erneuerbare Energie, kein Standby. 5. Freude an einem guten Leben: Leichtes Leben auf leichtem Fuß. Ihren persönlichen Fußabdruck können Sie hier berechnen: www.mein-fussabdruck.at.

Kritik/Grenzen des Modells: Die Reduktion auf eine einzige Zahl hat natürlich auch Schwächen. Zum Beispiel werden wichtige Faktoren nicht berücksichtigt, wie z.B. Wasserverbrauch oder Biodiversität. Die Berechnung des ökologischen Fußabdrucks ist viel aufwändiger, als die Berechnung von CO2 Äquivalenten. Daher wenden Firmen das Konzept noch kaum an.

Der Ökologische Fußabdruck wird die ideale Ergänzung zum - in der EU bald kommenden - „Environmental Footprint“ bilden. Dieser wird eine komplexe Schadstoffmatrix bieten, die Klimawirkung, Wasserverbrauch, Giftigkeiten, etc. erfasst und so die blinden Flecken des Ökologischen Fußabdruckes ergänzt. www.footprintnetwork.org
 

Cradle to cradle (C2C)

Cradle to cradle bedeutet ganz einfach Kreislaufwirtschaft. In der Natur fallen Blüten, Blätter, Früchte zur Erde, verrotten, werden zu Humus und dienen der Pflanze wieder als Nährstoff. Es gibt keinerlei Abfall. Diese Logik wenden Michael Braungart und William McDonough seit 2002 auch auf die Produktion von Gütern an, seien es Kleidungsstücke, Handys oder Straßenbaumaschinen. Alles soll nach Gebrauch vollständig wieder verwendet werden können. Zum Beispiel die abgetragene Kleidung zur Caritas oder das Handy in die Ö3 Wundertüte? Das ist grundsätzlich schon ein Schritt in die richtige Richtung. Aber eben noch nicht bis zum Ende durchgedacht. Die Kleidung darf auch nach der Caritas nicht im Müll landen und die nicht reparierfähigen Handys auch nicht. Und damit müssen wir zurück zum Start, an den Beginn jedes Herstellungsprozesses: Will ich alles wieder verwerten, dürfen nur Stoffe verwendet werden, die ungiftig, wiederverwertbar oder verrottbar sind. Unternehmen können einzelne Produkte zertifizieren lassen, z.B. Reinigungsmittel der Marke Frosch von Erdal oder Printprodukte der Druckerei Gugler.

Kritik/Grenzen des Modells: Cradle to cradle sagt nichts über die sozialen Herstellungsbedingungen oder den Gebrauch der eingesetzten Ressourcen aus: Juhu - jedes Jahr ein neues Handy? Nach diesem Konzept ist das kein Problem, solange alle Bestandteile wieder verwertet werden können. http://c2c-ev.de/


CO2 Kompensation

Bei jedem Verbrennungsprozess wird CO2 frei, entweicht in die Atmosphäre und bildet als Treibhausgas einen Schutzschild zum Weltall, der die Wärme auf der Erde hält. Vor Jahrtausenden hat das unseren Planeten erst bewohnbar gemacht und die Temperatur der Erdoberfläche auf angenehme Weise erwärmt. Heute wird es zu warm. Wir müssen daher den Energieverbrauch und damit unseren CO2 Ausstoß drastisch reduzieren, um den Klimawandel mit all seinen unübersehbaren Auswirkungen nicht weiter zu beschleunigen.

ÖsterreicherInnen produzieren 9 t CO2 (ganz korrekt wird es als CO2 Äquivalent bezeichnet) pro Kopf und Jahr, in Ruanda sind es 0,08 t. Dem Klima ist es egal, wo das CO2 produziert wird – es geht um die Gesamtmenge. So entstand die Idee der CO2 Kompensation: Diejenigen, die zu viel CO2 produzieren zahlen eine bestimmte Summe an Kompensationsdienstleister (zum Beispiel atmosfair oder climate partner), oder sie kaufen entsprechende Zertifikate an der Börse. Das Geld wird in Projekte investiert, die nachweislich CO2 reduzieren oder binden. In Österreich beispielsweise in den Humusaufbau in der Region Kaindorf (durch Unternehmen wie sto GmbH und Malerei Herbsthofer) und im Waldviertel (durch die Druckerei Janetschek) aber auch international in Projekte zur Waldaufforstung oder zum Bau von Photovoltaik- oder Windkraftanlagen.

Manche Branchen sind gesetzlich verpflichtet CO2 Zertifikate zu kaufen, wie z.B. die Eisen- und Stahlindustrie. Mittlerweile kompensieren auch viele Unternehmen freiwillig, wie z.B. Trodat, Mondi, Canon oder die österreichische Post.

Kritik/Grenzen des Modells: Das Konzept umfasst nur einzelne Branchen und wirkt zu langsam. Denn viele aufstrebende Länder werden ihren CO2 Ausstoß mit steigendem Lebensstandard erhöhen – was ihnen auch nicht zu verdenken ist – und so die Klimaproblematik verschärfen.

Keines dieser fünf Systeme ist perfekt, alle haben Vor- und Nachteile. Aber sie lenken unser Denken und Handeln und vor allem unsere Wirtschaftssysteme in die richtige Richtung. Entscheidend ist mit Sicherheit, dass diese Ideen breit diskutiert werden und wir alle neue Regeln für ein faires Wirtschaftsleben einfordern. Schließlich sind wir es, die unsere Regeln erschaffen und auch wieder verändern.

Autorin: Roswitha M. Reisinger

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