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FilmartistInnen

Der österreichische Filmemacher Erwin Wagenhofer geht in seinem neuen Werk „alphabet“, der Frage nach, warum von den 98% der Kindern, die hochbegabt zur Welt zur Welt kommen, nach der Schulzeit nur mehr 2% diese Bezeichnung verdienen. LEBENSART hat ihn nach seinen Beweggründen für sein filmisches Schaffen befragt.

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Filmemacher Erwin Wagenhofer (Foto: Lukas Beck) Filmemacher Erwin Wagenhofer (Foto: Lukas Beck)

We feed the world, let’s make money und jetzt alphabet - drei zentrale gesellschaftspolitische Herausforderungen, über die Sie Dokumentarfilme gedreht haben. Wieso haben Sie diese Themen gewählt?
Die Themen sind in der Luft gelegen. Besonders krass war es bei »let’s make Money«. Der Film war an dem Tag fertig, als die Lehman Brothers Pleite ging.  »alphabet« hätte 2005 noch nicht funktioniert – die Zeit war noch nicht reif. 2013 funktioniert er.

Warum haben Sie die Themen als Dokumentarfilme umgesetzt?
Dokumentarfilme sind einfach authentischer. Es ist glaubhafter und eindrücklicher, wenn der Nestle CEO wirklich der Nestle CEO ist, und nicht von einem Schauspieler dargestellt wird. Meine Filme sind Filmessays, also skizzenhafte, soziologische Untersuchungen der Gesellschaft mit ihrem Umgang mit Nahrung, mit Geld oder mit Bildung.

„We feed the world“ war– angesichts der Problematik des Themas – ein höchst erfolgreicher Film mit 800.000 BesucherInnen. Was hat diesen Film so erfolgreich gemacht?
Dass er so einfach und so klar erzählt ist. Er hinterfragt das System aus dem System heraus, das war neu. Ich habe aber damals schon darauf verwiesen, dass wir es sind, die dieses System am Leben erhalten, und das sogar in den Titel reingeschrieben. Dennoch sehen viele die „Gegner“ in den Konzernführern und meinten »They feed the world«.

Alphabet zeigt sehr eindringlich die Konsequenzen des konkurrenzorientierten, industriellen Schulsystems auf. Gleichzeitig reagieren die Systeme – von vielen Krisen geschüttelt – immer rigider. Der Weg zu einem Stärken-fördernden, kreativen Bildungssystem scheint länger als je zu vor.
Wenn krisengeschüttelte Systeme anfangen rigider zu reagieren, dann ist das meist der Anfang von deren Ende. Oft braucht es dann nicht mehr lange, bis diese Systeme aufhören zu existieren. Erinnern Sie sich an 1989. Dann braucht es kreative, unangepasste und angstfreie Menschen, die bereit sind, neue Wege zu gehen.

Was waren für Sie die erschütterndsten Erfahrungen beim Drehen?
Dass junge, kräftige und formal hoch gebildete Menschen immer noch auf simple Verführer, wie Beratungsunternehmen, reinfallen und den Unterschied zwischen Wert und Profit nicht erkennen. Solange solche Menschen in Unternehmen das Sagen haben, muss man sich um die Zukunft wirklich Sorgen machen.

Was macht Ihnen Hoffnung?
Die vielen jungen Menschen, denen ich auf meiner Kinotour begegne, die längst erkannt haben, dass dieses System ausgereizt ist. Mit dem Film konnte ich ihnen ein wenig Mut machen, sich in Bewegung zu setzen.

Wann sind Sie mit sich zufrieden?
Wenn ich das Gefühl habe, es ist gelungen. Das kann ein Film sein, kann eine Radtour sein, kann ein Kuss sein...

Drei Tipps an Ihr 14-jähriges ICH
Vertraue dir selbst, vertraue dem Leben und vertraue der Freude.


Das Interview führte: Roswitha M. Reisinger

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