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Essen wie Fred Feuersteins Ahnen

Genussgrübelein von Jürgen Schmücking

Als Trend & Lifestyle hat raw food schon einige Jahre auf dem Buckel. Lässt man die Anglizismen weg und sucht nach den Wurzeln der Rohkostbewegung, ist es allerdings ein ganzes Jahrhundert. Aber wie das in der Mode und bei Trendthemen halt so ist: Erstens taucht alles immer wieder auf (Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Schulterpolster und Jeans mit weißen Streifen wieder total angesagt sein werden.), und zweitens braucht es scheinbar immer den Erfolg, beziehungsweise die Aufmerksamkeit in der großen, weiten Welt, damit es auch daheim (wieder) klappt.

Die Adepten der Rohkostphilosophie gehen davon aus, dass beim Erhitzen der Lebensmittel Enzyme und andere wichtige Inhaltsstoffe zerstört werden und damit ein Nährwertverlust in Kauf genommen wird. Mag sein. Die indigenen Kinder und Hirten, welche die Gründer der Bewegung beobachtet haben, waren ebenso pumperlgsund wie die ebenfalls untersuchten Affen und Katzen.

Die Ingredienzien: Ein irgendwie schlüssiger Gesundheitsaspekt, wenig Fleisch, der spürbare Ruck zurück zum Ursprünglichen. Noch weiter zurück, als alles andere. Fred Feuerstein? Viel zu modern! Der hatte Feuer, Mammutfleisch und also auch das Barbeque. Noch weiter zurück. Bis maximal 40 Grad. Oder mit Augenzudrücken bis 42 Grad. 2012 hat in Kopenhagen das 42°Raw eröffnet. Die Karte liest sich außerordentlich spannend. “new-raw", wie die Gründer ihren Küchenstil gerne nennen, bietet alles andere als fade Rohkostteller mit Marktgemüse aus der Holzkiste. Das sind unerhört delikate und optisch ansprechende Gerichte. Etwa Lasagne aus Zucchinischeiben und Cashewcreme, Spinat, Petersilienpesto und gepressten Sonnenblumenkernen, auf Körpertemperatur serviert. Die Küche bleibt im "42°Raw" nahezu kalt. Ausschließlich vegane Lebensmittel werden, wenn überhaupt, in nur 42° Celsius warmen Dörröfen über mehrere Stunden dehydriert, also nur leicht über Körpertemperatur zubereitet: daher auch die Zusatzzahl im Namen. Aus einer Fleischtomate wird nach dem Dörrprozess tatsächlich eine Art Fleischersatz, ihre Konsistenz ist fester als zuvor, der Geschmack konzentrierter, süßlich und intensiv. Alle Mineralien und Vitamine bleiben komplett erhalten

Das Konzept ist erfolgreich. Zumindest so erfolgreich, dass mittlerweile ein zweiter Laden in Dänemark und einer in London eröffnet wurden. Über Deutschland denken die Rohlinge noch nach.

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Jürgen Schmücking auf den Spuren des Genusses. Foto: Liga

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