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Errare humanum est. Also ESST und TRINKT!

Genussgrübeleien von Jürgen Schmücking

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Foto: Schmücking

„Es irrt der Mensch, solang er lebt.“ Eigentlich heißt es ja „... solang er strebt“, aber nachdem der Mensch nicht nur strebt, sondern hin und wieder auch isst und trinkt, habe ich den Prolog im Himmel leicht abgewandelt. Immerhin irrt der Mensch nicht nur beim Streben, sondern auch beim Essen und Trinken, und das zuweilen gewaltig.

Da haben wir zum einen die falschen Fakten. Diese Irrtümer sind längst widerlegt und sind trotzdem nicht wegzukriegen. „Olivenöl soll nicht erhitzt werden“ oder „Spinat ist eisenhaltig“ gehören in diese Kategorie. Derlei Gerüchte lassen sich recht einfach widerlegen und sollen uns daher hier nicht weiter beschäftigen. Viel ergiebiger ist, sich mit anderen Irrtümern zu beschäftigen. Dem Aberglauben rund um Wein, Käse und die Kombination der beiden. Ich kann nicht sagen warum, aber dieses Duo ist ein fruchtbarer Nährboden für Behauptungen und Empfehlungen der unsinnigsten Art.

Rund um Wein und Käse sind Gerüchte im Umlauf, die ganze Bücher füllen. OK, es sind keine sonderlichen dicken Bücher, aber immerhin. Ich habe versucht, die Irrtümer herauszufinden, die mir am meisten auf die Nerven gehen. Oder positiv formuliert: Wenn Sie es schaffen, sich von diesen Glaubenssätzen zu befreien, eröffnet sich Ihnen eine neue Welt. Das Non-Plus-Ultra des Weinschwachsinns ist beispielsweise die Annahme, dass gut bewertete Weine besser sind. Die Punkte sagen nur etwas aus, wenn man weiß, von wem sie vergeben wurden und die Präferenzen dieser Verkoster kennt. Pfeifen Sie auf hohe Wertungen. Finden Sie „Ihren“ Stil und suchen Sie nach Winzern, die das liefern können. Das ist unvergleichlich spannender, als nach Punktelisten einzukaufen.

In der Kombination mit Käse ist die Empfehlung nicht aus der Welt zu kriegen, dass es immer Rotwein sein muss. Dabei ist es viel einfacher, eine ganze Käseauswahl vom Frischkäse über Weichkäse, hin zu Berg- und Blauschimmelkäse ausschließlich mit weißen Weinen zu kombinieren. Ein spritziger Schaumwein mit verspielter Süße (etwa ein Moscato d’Asti) zum Frischkäse, ein gehaltvoller Rotgipfler aus der Thermenregion zum Bergkäse und eine Beerenauslese zum Blauschimmelkäse. Wer braucht da die Roten noch?

Sie werden überrascht sein, was sich da auftut, wenn Sie die eine oder andere „Regel“ über Bord werfen. Rotwein bei Zimmertemperatur? Muss nicht sein. Der Vergleich macht Sie sicher. Die Rinde vom Käse kann man nicht essen? Wenn sie aus Wachs ist, dann nicht. Aber nur dann. Ausprobieren und Staunen. Gereifte Rotweine immer dekantieren? Um Himmels Willen! Dekantieren bedeutet Luftzufuhr. Der Wein kann dadurch innerhalb von Minuten zusammenbrechen und ist nach einer viertel Stunde im Glas nur noch ein Schatten seiner selbst. Tun Sie es einfach nicht.

Käse schließt übrigens auch nicht den Magen. Das hat er noch nie. Plinius war vor (sehr) langer Zeit einmal der Ansicht, dass das Eiweiß im Käse mildernd auf die Magensäure wirkt. Wahrscheinlich hat sich das Gerücht so lange gehalten, weil wir es einfach liebgewonnen haben, ein Menü mit Käse zu beenden. Wer braucht da schon einen Besserwisser, der sagt, dass das gar keinen Sinn hat?

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