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Entdeckerfreude und Gestaltungslust

Wir lernen durch eigenes Entdecken und Ausprobieren, und nicht dadurch, dass uns jemand sagt, was wir lernen müssen. Gastkommentar von Prof. Gerald Hüther, in der LEBENSART 03/2015

GeraldHuether
Prof. Dr. Gerald Hüther ist Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Univ. Göttingen und Mannheim/Heidelberg und Präsident der Sinn-Stiftung Hüther

Hätten wir ein Gehirn, das von genetischen Programmen in seiner Entwicklung so gesteuert wird, dass wir gleich nach unserer Geburt schon alles wüssten, worauf es im Leben ankommt, bräuchten wir später auch kaum noch etwas hinzu zulernen. Bei manchen Tieren ist das so, zum Beispiel bei den kleinen Kreuzspinnen. Denen braucht niemand zu zeigen, wie sie dieses wunderbar filigrane Netz bauen müssen, mit dem sie später ihre Beutetiere einfangen. Wir aber müssen als Kinder so ziemlich alles erst lernen. Deshalb brauchen wir andere, die uns zeigen, wie es geht: Sprechen zum Beispiel oder auf zwei Beinen laufen, Roller fahren, Schwimmen, Singen, Tanzen, Lesen und Schreiben…alles, was wir wissen und können, haben wir von anderen Menschen gelernt.

Unser Gehirn „programmiert“ sich also erst beim Hineinwachsen. Allerdings nicht dadurch, dass uns dauernd jemand sagt, wie es geht, sondern indem uns jemand Gelegenheit bietet, uns ermutigt und inspiriert, selber herauszufinden, wie wir es machen müssen. Und aus der Schulzeit wissen wir auch, das alles, was wir uns nicht durch eigenes Nachdenken und eigenes Ausprobieren ins Hirn gebaut und verankert haben, dort oben auch nicht länger als nötig hängen bleibt.

Deshalb ist es gut, dass Kinder schon mit dem Drang zur Welt kommen, alles selber lernen zu wollen. Dieses Neugiersystem in ihrem Hirn ist der entscheidende Motor, der sie antreibt, sich als kleine Entdecker und Gestalter auf den Weg zu machen. Wenn er ins Stottern kommt, verlieren wir - manchmal eben leider schon als kleine Kinder - unsere angeborene Lust am Lernen, am eigenen Entdecken und Gestalten. Das ist das Schlimmste, was einem Menschen beim Heranwachsen oder später im Leben passieren kann. Es geschieht leider viel zu oft, und verantwortlich dafür sind diejenigen, welche anderen diese Lust verderben. Deshalb ist es gut, dass wir immer besser verstehen, wodurch kleine und große Menschen ihre angeborene Entdeckerfreude und Gestaltungslust verlieren. Das passiert nämlich zwangsläufig immer dann, wenn sie auf andere Menschen treffen, die nicht darauf achten, was sie lernen wollen, sondern ihnen stattdessen sagen, was sie lernen sollen. Die sie also zu Objekten ihrer Belehrungen und Bewertungen, ihrer Interessen und Erwartungen, ihrer Vorgaben und Maßnahmen machen. Je stärker auf diese Weise von außen „angeheizt“ wird, desto schneller und nachhaltiger erstickt das innere Feuer. Dann ist die Lust am eigenen Lernen erloschen und guter Rat teuer. Und durch noch mehr Druck lässt sich diese Lust dann auch nicht wiedererwecken. Aber es geht.

Wenn die Lust am eigenen Entdecken unterdrückt worden ist, dann lässt sie sich später nur wiedererwecken, wenn wir einen Menschen treffen, der uns ermutigt und inspiriert, es doch noch einmal zu versuchen. Der uns ernst nimmt, uns etwas zutraut und uns eine Chance bietet, etwas aus eigenem Antrieb entdecken und gestalten zu wollen. Dann hätten wir das Gefühl, ein Subjekt zu sein und nicht als Objekt behandelt zu werden.

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Infos:

Prof. Dr. Gerald Hüther ist Prof. für Neurobiologie an der Univ. Göttingen und Gründungsmitglied der Akademie für Potentialentfaltung (www.akademiefuerpotentialentfaltung.org).
Sein eben erschienenes Buch „Etwas mehr Hirn, bitte“ ist eine Einladung zur Wiederentdeckung der Lust am eigenen Denken und der Freude am gemeinsamen Gestalten.

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