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Die Kunst zu leben

Wie schafft es jeder Einzelne, die Kunst zu leben für sich und seine Umgebung zu realisieren? 20 Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen geben  in diesem Buch Antworten. Peter Gnaiger schreibt über die Philosophie des griechischen Philosophen Epikur.

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Foto: Tom Kintscher

Die Lektüre eines Lexikon- Eintrags über Epikur, einem Säulenheiligen des Genusses, ist schwere Kost. Diese zu verdauen bereitet naturgemäß keinen Genuss. Stopp: Das ist falsch gedacht. Sie wollen diesen Text sicher genießen. Und genauso wenig wie ein Wirt dem Gast Genuss bereiten kann, wenn er seine Arbeit nicht gern tut, genauso wenig kann man jemand eine genussvolle Lektüre bereiten, wenn man sich dem Schreiben nicht mit Genuss widmet. Also: Bücherturm beiseite und eine Zigarette angezündet.

Genuss ist relativ, fällt mir da zuerst ein. Für Raucher ist es ein Genuss, wenn der Rauch aufgeht. Und das Lexikon gibt uns Recht. „Tabak ist ein Genussmittel“, ist da zu lesen. Mehr als zwei Drittel der Menschen betrachten Tabakrauch dagegen mittlerweile als Überlebenstraining - und die Warnungen des EU-Gesundheitsministers geben auch ihnen recht. Der ließ uns „Rauchen verursacht Impotenz“ auf unsere Packungen schreiben. Und die werden von Rauchern auch nur dann gekauft, weil gerade keine mit der Aufschrift „Rauchen ist tödlich“ erhältlich waren. Was lernen wir daraus? Genuss kann alles sein: Poesie, Hingabe, Schmerz und irgendwann wird er uns zum Tod führen. Aber das tut auch das Leben. Ist Genuss also mit dem Leben gleichzusetzen? Ja. Das wäre der Idealzustand. Wenn man kurz vor seinem Tod und nach seiner letzten Zigarette sagen kann: „Mein Leben war ein Genuss.“ Aber wie macht man das, genussvoll leben?

Ganz sicher nicht, indem man sich totalen Vorstellungen hingibt: Es wäre unvernünftig, vernünftig zu leben. Die Vernunft würde nämlich zu etwas Unvernünftigem, das die Unvernunft unerbittlich verfolgt und auslöschen will. Das schrieb der Philosoph Robert Pfaller in seinem 2011 erschienenen Buch „Wofür es sich zu leben lohnt.“ Extreme Rauchgegner etwa wollten demnach keine erträgliche Regelung für alle: Sie wollen totale Reinheit. Und die ist gefährlich. Denn anstatt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns heute nur noch, wie wir möglichst lange leben. Wir mäßigen uns ohne Maß und Ziel. Das ist eine gesellschaftliche Bestandsaufnahme, die sich heute unverblümt durch einen Werbeslogans in das kollektive Bewusstsein eingebrannt hat: „Geiz ist geil.“

Die Menschen werden heute dazu angehalten, ihr Leben als Sparguthaben zu betrachten und eifersüchtig darauf zu achten, dass ihnen niemand etwas davon weg nimmt. Das ist eine Vorsicht gegenüber dem Leben, die das Leben selbst tötet. Sie führt zu einer vorzeitigen Leichenstarre. Wir trachten danach, dem Genuss den Stachel zu ziehen. Aber was ist der Genuss ohne Stachel? Eine Rose ohne Dornen. Wollen wir solche Rosen? Und stellen wir uns eine weitere Frage: Wohin hat uns diese Entwicklung, dem Genuss den Stachel zu ziehen, geführt? „Zu Bars und Cafés ohne Tabakkultur, zu Bier ohne Alkohol, zu Kaffee ohne Koffein, zu Schlagsahne ohne Fett, zu virtuellem Sex ohne Körperkontakt“, zählt Pfaller auf. Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Wovor haben wir heute also Angst in unserem Leben? Wir haben Angst, das Falsche zu tun, um zu einem erfüllten Leben zu gelangen.

Es gilt also die Angst – oder zumindest die Unsicherheit - das Falsche zu tun, um zu einem erfüllten Leben zu gelangen, zu bezwingen. Andernfalls werden uns allzu viele Fragen und Ängste ein genussvolles Leben verleiden. Wer hat sich nicht schon aller den Kopf mit Fragen darüber zermartert, was Genuss nun wirklich ist? Der Heilige Augustinus etwa. Der kam nach jahrelangen Überlegungen zu folgendem – auch nicht gerade endgültigen - Schluss: „Bei der Frage nach dem Genuss ist es wie mit der Frage nach der Zeit. Jeder redet davon, doch wenn man fragt, was das ist…? Es gibt kaum Antworten.“

Wir sind selbst dafür verantwortlich, ob wir ein Leben mit Genuss und noch genauer – mit der Liebe zu unserem Leben – verbringen wollen. Wir haben es in unseren eigenen zwei Händen, in unserem Kopf. Wir können die Liebe, den Genuss, ersticken, erdrücken – oder es wagen, ihn fest zu halten.

Dass der Tod unvermeidlich ist, das sollte man schon während des Lebens akzeptieren. Dass er bedeutungslos ist, daran muss wohl jeder Mensch arbeiten. Am besten gelingt das vielleicht, wenn man eine Textzeile des Monty-Python-Songs „Always look on the bright side of life“ verinnerlicht: „Du kommst aus dem Nichts und Du gehst in das Nichts. Was hast du verloren? Nichts!“ In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ein unbeschwertes, genussvolles Leben.

Auszug aus:
Was wir heute von Epikur lernen können, Peter Gnaiger
Aus dem Buch: Die Kunst zu leben II,
Hg: Robert Rosenstatter, Peter Daniell Porsche,
Kulturverlag Polzer

Peter Gnaiger, ist Redakteur bei den Salzburger Nachrichten mit den Schwerpunkten Gastronomie und Nahrungsmittelindustrie. Er ist (Mit-)Autor mehrerer Sachbücher, darunter „In die Suppe gespuckt“, „Mächtig, männlich, mysteriös“ und zuletzt „Gut geht anders“

 

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