Der Garten wächst mit
Ein Familiengarten ist Spielplatz, Rückzugsort und Lernraum zugleich. Wie gelingt es, die Bedürfnisse von Groß und Klein im Garten zu vereinen?
Richtige Planung von Anfang an
Jeder Familiengarten ist so individuell wie seine Nutzenden – und doch gibt es Gemeinsamkeiten. „Zwei wichtige Planungsprinzipien sind „Kurze Wege im Alltag“ und „Planen für die Wechselfälle des Lebens“, sagt Kerschner. Kurze Wege im Familiengarten bedeuten unter anderem, dass Sitzmöbel nahe am Haus stehen, sodass Geschirr nicht quer durch den Garten getragen werden muss. „Wechselfälle des Lebens meint zum Beispiel, dass die Sandmulde der Kinder später als Kräuterbeet, Magerblumenbeet oder Sandarium genutzt werden kann. Ein Schaukelgerüst kann im Laufe der Jahre mit einer Sitzbank versehen werden“, erklärt Kerschner.
Wer noch nicht viel Erfahrung mit dem Anlegen eines Gartens hat, holt sich professionelle Hilfe dazu. „Am besten abgestimmt vor der Einreichplanung beim Haus(um)bau und besser, bevor großes Baugerät da ist“, empfiehlt Hemmelmeier-Händel.
ALLE TIPPS AUF EINEN BLICK
- Tägliche Wege möglichst kurz halten
- Für verschiedene Lebensphasen planen
- Zonen für unterschiedliche Bedürfnisse einrichten
- Mehrfach nutzbare Elemente verwenden
- Sandmulde und Kinderbeete als Lern- und Spielraum
- Insektenhotels und Wildblumenwiesen für mehr Biodiversität
- Bestehende Pflanzen und Bäume möglichst erhalten, heimische und klimafitte Pflanzen setzen, giftige Pflanzen vermeiden
- Keine synthetischen Dünger oder Pestizide nutzen
- Wasserstellen sichern
- Bei wenig Zeit: Naturwiesenbereiche, wilde Ecken und Kräuterbeete
- Bei wenig Platz: Sträucher statt Bäume, multifunktionale Ausstattung
Ein Garten, viele Räume
Während Kinder im Familiengarten spielen und entdecken möchten, wünschen sich die Erwachsenen Raum zum Entspannen, Sport treiben oder Arbeiten am Laptop. Genauso wichtig ist für die Erwachsenen aber auch der Sichtkontakt zu den spielenden Kindern.
Um diesen Bedürfnissen Platz zu schaffen, teilt sich ein Familiengarten in verschiedene Zonen ein. „Gestaltungselemente können hier Geländemodellierungen und Pflanzen sein, genauso wie Zäune, Mäuerchen, Baumstämme und Hochbeete sowie Stützmauern für unterschiedliche Ebenen. Auch mobile Raumteiler und Pergolen kommen in Frage“, so Hemmelmeier-Händel.
Mehrfach nutzbare Zonen und Elemente ermöglichen ein Mit- und Nebeneinander als auch ein zeitliches Hintereinander: Rasenflächen können als Spielwiese genutzt werden – oder als Ort zum Aufstellen eines Liegestuhls. Zwischen zwei Bäumen können die Kinder toben – oder der Teenager eine Hängematte aufspannen. Gerodete Baumstämme oder Steine dienen als Abgrenzung – und als Spielmöglichkeit. Die Beeteinfassung aus Palisaden schützt die Pflanzen – und eignet sich auch zum Balancieren. Auch Büsche und Gebüschgruppen trennen Zonen – und können von den Kindern zum Versteckspiel genutzt werden. „Schnellwachsende Sträucher sind zum Beispiel Haselnuss, Salweide und Holunder. Haselnussäste können auch hervorragend zum Steckerlschnitzen, zum Stockbrot oder Würstelgrillen verwendet werden“, fügt Kerschner hinzu.
Der Garten als Lernraum
Kinder profitieren gleich auf mehreren Ebenen von einem gut angelegten Familiengarten. „Sie üben spielerisch ihren Forschergeist, Orientierung, ihre Beweglichkeit, Geschicklichkeit und Koordination, Kraft und Ausdauer. Sie schulen neben dem Staunen auch ihre Konzentration, Motorik und all ihre Sinne. Kinder entwickeln Kreativität und erarbeiten sich Wissen. Im Naturgarten zu sein, lässt die Selbständigkeit wachsen und fördert die körperliche und geistige Entwicklung“, erklärt Hemmelmeier-Händel.
Vor allem unterstützt das Spielen in der Sandkiste die kindliche Entwicklung. „Das Zeichnen von Formen, Buchstaben und Zahlen trainiert die Muskeln in der Hand, die später zum Schreiben mit Stift benötigt werden“, so Kerschner. „Kinder erleben die Beschaffenheit des Sandes und die Bewegung mit dem Finger oder Holzstock, was die Sinneswahrnehmung stärkt und die Motorik fördert.“
Zusätzlich ist ein gemeinsam angelegtes Kinderbeet ein spannendes Element im Familiengarten. „Dem Kind Verantwortung zu geben, lehrt es wertvolle Fertigkeiten und Kompetenzen beim Beobachten und der Pflege. Sowohl die eigenen Erfolge als auch die Misserfolge fördern Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen, Verständnis für biologische Abläufe und Resilienz“, so Hemmelmeier-Händel. „Und gemeinsames Tun fördert gegenseitiges Vertrauen, Bindung und freudvolles von- und miteinander Lernen.“
Biodiversität im Familiengarten
Nicht zuletzt soll der Familiengarten auch Raum für Tiere bieten und die Biodiversität fördern. Zu einem nachhaltig gestalteten Familiengarten gehört, die vorhandene Topografie möglichst zu erhalten, Böden zu schützen und durch regionalen, torffreien Kompost nachhaltig zu verbessern. Bestehende Pflanzen und insbesondere alte Bäume sollten bewahrt und während Bauarbeiten geschützt werden, da sie wertvolle Lebensräume für Tiere, Pilze und Flechten bieten. Neue Pflanzungen sollten möglichst aus regionaler Herkunft stammen, während invasive Arten gezielt eingedämmt werden. Wildblumenwiesen und Insektenhotels bieten unter anderem Lebensraum für Bienen und Schmetterlinge. Ebenfalls rät Hemmelmeier-Händel, auf synthetische Dünger und Pestizide zu verzichten. Das ist nicht nur im Sinne der Umwelt, sondern auch im Sinne der spielenden Kinder.
Gärtnern mit wenig Zeit und Platz
Je naturnaher ein Garten, desto geringer wird auch der Pflegeaufwand. Wenn sich Boden, Pflanzen und Tierwelt selbst regulieren, sind weniger Eingriffe wie häufiges Gießen, Düngen, Jäten oder Schädlingsbekämpfung nötig. „Wer heimische, klimafitte Pflanzen verwendet, spart Zeit“, bestätigt Kerschner. Dazu zählen zum Beispiel Stauden wie Wiesensalbei, Sträucher wie Holunder und Wildrosen oder Kräuter wie Thymian und Oregano. Gärtner*innen mit wenig Zeit können sich zudem automatische und punktuelle Bewässerungssysteme anschaffen. Naturwiesenbereiche, wilde Ecken und Kräuterbeete benötigen ebenfalls weniger Pflege.
Und wenn nur wenig Platz zur Verfügung steht? „Selbst der kleinste Garten kann Natur und Erlebnis bieten“, so Hemmelmeier-Händel. Auch hier kommt es auf die richtige Planung an. Platzsparende Lösungen und multifunktionale Ausstattung sind der Schlüssel. So eignen sich Klappmöbel oder Sitzboxen mit Stauraum für Erde und Substrate. „Statt eines Baums kann man auch große Sträucher setzen, wie zum Beispiel die Felsenbirne“, ergänzt Kerschner.
FREIRAUM AUF DEM BALKON
Selbst der Balkon lässt sich zu einem Freiraum für die ganze Familie gestalten. Statt eines Sandkastens zum Spielen bieten sich hier kleine Tröge mit Sand an, im Sommer auch Tröge mit Wasser. Klappmöbel und Pflanztröge am Geländer sparen Platz, Gitter und bepflanzbare Wandregale eignen sich zur vertikalen Bepflanzung. Auch ein Insektenhotel oder Vogelhaus finden auf dem Balkon Platz. Wichtig im Vorhinein abzuklären sind Fragen zu Statik, Montage und Windverhältnissen.
Sicherheit im Familiengarten
Vermieden werden sollten hingegen giftige Pflanzen. „Dazu gehören Eisenhut, Maiglöckchen, Fingerhut, Christrose, Tabak, Tollkirsche und Aronstab, Oleander, Engelstrompete, Goldregen, Goldthuje, Thuje, Stechpalme, Eibe, Robinie und Pfaffenhütchen. Selbst rohe Feuerbohnen und rohe Kartoffeln sind giftig“, so Hemmelmeier-Händel. „Es ist auch ratsam, dornige Pflanzen oder die Ernte von Stachelbeeren und wilden Brombeeren mit den Kindern zu thematisieren. Aufklären, vorzeigen und gemeinsames Einprägen von Regeln ist hier hilfreich.“ Wasserstellen wie Teiche oder Schwimmbecken sollten selbstverständlich gesichert werden.
Bei all der Planung und Bedenken im Vorhinein, darf das Wichtigste jedoch nicht vergessen werden: Der Familiengarten muss nicht perfekt sein. In erster Linie soll es darum gehen, Gemeinsames zu erleben. Das rät auch Hemmelmeier-Händel: „Einen Garten für echte Naturerfahrungen und gesundes Wachstum zu schaffen, bedeutet mitunter, den eigenen Drang nach Leistung, Perfektion und Repräsentation im Garten und im Kind öfter loszulassen.“
DIE EXPERT*INNEN
Brigitta Hemmelmeier-Händel
Aus ihrer Liebe zu Gärten und Mitlebewesen hat sie Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur in Wien studiert und arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Freiraumplanerin und Gartenpädagogin in Niederösterreich, Wien und im Burgenland.
DI Karin Kerschner
Die Landschaftsarchitektin ist auf naturnahe, klimaresiliente Garten- und Freiraumplanung in Niederösterreich spezialisiert. Ihr Fokus liegt auf biodiversitätsfördernder Gestaltung, alltagstauglicher Zonierung und der Schaffung von Lebensräumen für Mensch und Tier.
Katrin Brahner