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Das menschliche Bedürfnis nach Aufregung

Fake News, Verschwörungstheorien, reißerische Berichte: die Corona-Pandemie hat für ein Aufflammen dieser Phänomene gesorgt. Doch neu ist das alles nicht. Die Sehnsucht nach Sicherheit verführt dazu, in die digitalisierte Falle zu tappen.

Eine Person hält eine aufgeschlagene, brennende Zeitschrift in Händen.
Foto: Elijah O Donell, unsplash

„Ich hatte einen richtigen Weinanfall. Es ist so furchtbar. Es kommen immer mehr Details raus.“ Völlig aufgelöst und verstört sitzt der deutsche Sänger Xavier Naidoo mitten in der Nacht vor seinem Computer und stammelt. Die Tränen rinnen über sein Gesicht, während er weiter um Worte ringt. „Wenn ich’s richtig verstehe, werden in diesen Momenten in verschiedenen Ländern der Erde Kinder aus den Händen pädophiler Netzwerke befreit. Aber nicht so, wie ihr denkt“, erklärt er schluchzend. Dann fordert er seine Zuseher auf, sich über das Thema „Adrenochrom“ zu informieren – mit dem Nachsatz: „Wenn ihr das ertragen könnt“.

Veröffentlicht wurde das Video Anfang April – und hat eine Welle von zigtausenden Reaktionen, Klicks und Kommentaren ausgelöst. Das bizarre Video lässt einen als Seher*in verunsichert, verstört, aber auch betroffen zurück. Xavier Naidoo gilt als Wiederholungstäter, was das Verbreiten von Verschwörungstheorien betrifft. Auch an der im Video angesprochenen „Verjüngungsdroge“ Adrenochrom, welche angeblich eine „Hollywood-Elite“ aus den Körpern von entführten Kindern gewinne, ist nichts dran. Tatsächlich sind Adrenochrome ein Stoffwechselprodukt, das auch im Labor hergestellt und online käuflich erworben werden kann, wie der Verein Mimikama auf seiner Webseite erklärt. Mimikama hat sich seit 2011 dem Schutz von Internetnutzer*innen verschrieben und klärt über Internetmissbrauch, Internetbetrug und Falschmeldungen auf.

Trends digitaler Fehlinformation

Falschmeldungen, auch Hoax genannt, sind manipulativ verbreitete, vorgetäuschte Nachrichten, die vor allem im Netz und in den Sozialen Medien verbreitet werden. Ihre Bandbreite reicht von harmlosen Scherzmeldungen und Kettenbriefen bis hin zu Horrormeldungen, hetzerischen Artikeln oder gefakten Fotos.

Fake News: Bedeutet eigentlich Falschmeldung, wird aber häufig auch gebraucht, um seriöse Berichterstattung zu diskreditieren, wenn diese schlicht unbequem ist.

Selektive Darstellung zur Herstellung von Omnipräsenz: Ein einzelnes Thema wird immer wieder wiederholt und damit der Eindruck erweckt, das Thema wäre allgegenwärtig.

Hybrid-Fakes sind echte Fotos oder Videos, die mit falschen Beschreibungen und Statements in einen falschen Kontext gestellt werden.

Deepfakes: Mittels Lippensynchronisation ist es möglich, einer Person in einem Video einen vollkommen anderen Text wortwörtlich in den Mund zu legen. Die Manipulation ist schwer zu erkennen, darum nutzen professionelle Untersuchungen Algorithmen, um diese zu entlarven.

Klassische Erzählmuster im Netz

Diese Verschwörungstheorie funktioniert, da sie viele Merkmale vereint, die erfundene Geschichten erfolgreich machen. Die Betroffenheit des Sängers, die Themen Kinder und Pädophilie wecken Aufmerksamkeit. Durch nebulöse und gruselige Andeutungen wie „Wenn ihr das ertragen könnt“ wird Spannung aufgebaut, genauere Erklärungen bleiben aus. Dass auch die Story dahinter von vielen geglaubt wird, ist laut Andre Wolf, Mimikama-Pressesprecher, leicht erklärbar. „Diese Verschwörungstheorie ist in sich selbst stimmig und erinnert an die Ritualmord-Legenden aus dem Mittelalter. Sie basieren auf alten, klassischen Erzählmustern, die glaubwürdig klingen“, sagt Wolf.

Propaganda und Verschwörungen sind im Kommen

„Der Charakter der Falschmeldungen hat sich in den vergangenen fünf Jahren wesentlich geändert“, erklärt Wolf. Sie wurden politischer und auch die Anzahl der Verschwörungstheorien ist stark gestiegen. „Dazu werden verfälschte oder aus dem Kontext gerissene Bilder verwendet oder ein Thema sehr selektiv dargestellt und immer wieder gepostet, um den Eindruck zu erwecken, dieses Thema wäre omnipräsent“, sagt Wolf und nennt die Berichterstattung über die Flüchtlingskriminalität in den Jahren 2015 und 2016 als Beispiel dafür. Einen wesentlichen Grund für das Ansteigen dieser Phänomene sieht der Mimikama-Mitarbeiter in der Massentauglichkeit der Social-Media-Plattformen. „Das ist ähnlich wie beim Buchdruck oder beim Radio. Sobald ein Medium eine gewisse Größe erreicht, wird es auch politisch genutzt“, sagt Wolf.

Wirklich neu ist diese Entwicklung nicht. „Schon in der Bibel wird vor falschen Propheten gewarnt“, meint Brigitte Reiter. Sie ist Lehrgangsleiterin am Department für Wissens- und Kommunikationsmanagement der Donau-Uni Krems und Expertin für Strategische Kommunikation und PR. Die Digitalisierung kann „die Verbreitung von Halb- und Unwahrheiten verstärken, weil etwa in Sozialen Netzwerken plötzlich auch Personen zu Wort kommen, die früher keine Stimme und keine Präsenz hatten – gewissermaßen die ‚Expert*innen‘ von nebenan“, so die Kommunikationsfachfrau. Denn im Netz gibt es weniger Kontrolle als in traditionelleren Medien. „Durch Social Media verändert sich das Sender-Empfänger-Prinzip. Jeder kann heute zum Sender werden und seine Ansicht global schnell verbreiten. Jede*r Einzelne wird vom Konsumenten zum Produzenten, dem sogenannten ‚Prosumer‘“, erklärt Natascha Zeitel-Bank, die an der Fakultät für Soziale und Politische Wissenschaften der Universität Innsbruck unterrichtet – mit dem Schwerpunkt Politische Kommunikation und Medien.

Ein grünes Banner mit dem Lebensart-Schriftzug weißt auf die Abomöglichkeit mit 5 Ausgaben pro Jahr hin

Menschliches Bedürfnis nach Sensationen

Um zu verstehen, warum wir so empfänglich für emotionsschürende oder verfälschte Berichte sind, hilft ein Blick in die Psyche des Menschen. „Der Mensch hat sich in seinen Grundbedürfnissen nicht verändert“, erklärt Zeitel-Bank. „Es geht um die Erzeugung von Aufmerksamkeit durch eine entsprechende Aufbereitung. Enthält eine Information bestimmte Nachrichtenfaktoren, dann hat diese Information erhöhte Chancen publiziert zu werden. Sind zum Beispiel die Aspekte Sensation, Identifikation und Einfachheit bedient, dann wird diese Information konsumiert“, so die Wissenschaftlerin und Journalistin.

Einfachheit bedeutet dabei schlicht, dass die Information gut verständlich ist; Identifikation, dass sie Interesse weckt, weil sie an bekannten Personen festgemacht werden kann, die eigene Stadt oder das eigene Land betrifft, und Sensation, dass sie aufregend und neu ist. Ein Paradebeispiel dafür: Die Nachricht „Mann beißt Hund“ ist sensationeller als „Hund beißt Mann“. Kommen dann noch weitere Faktoren wie Nähe, Prominenz, Schaden oder Konflikt hinzu, steigert sich der Nachrichtenwert. Konflikte sind interessant, weil dabei widerstreitende Interessen aufeinandertreffen oder existenzielle Bedürfnisse der Menschen betroffen sind. Je näher ein Ereignis räumlich, aber auch politisch und kulturell ist, desto mehr Aufmerksamkeit generiert es.

Das Bedürfnis nach Sensation geht darauf zurück, dass Menschen Informationen aus der Umwelt filtern müssen. Vicky König, Sozialpsychologin der Universität Salzburg: „Wir achten immer darauf, wo Gefahr ist und ob sie zum Problem für uns werden könnte. Was muss ich lernen, damit ich selbst nicht der Gefahr ausgesetzt bin?“ Untersuchungen belegen, dass Menschen Ereignissen besonders dann Relevanz geben, wenn es sich um neue, unerwartete oder unbekannte Ereignisse handelte. „Evolutionspsychologisch war es wichtig, diese wahrzunehmen. Gefährlich wird es, wenn Fakten und Ereignisse als Vehikel genutzt werden, um eigene Ziele zu erreichen“, so Zeitel-Bank.

Ohnmacht ist die fruchtbare Basis für Falschmeldungen

Ein Junge, gekleidet wie Zeitungsjunge um 1900, hält eine
Foto: iStock, Rich Vintage Photography

Wie gut sich Falschmeldungen verbreiten, wurde während der Corona-Pandemie sichtbar. Da die Virus-Bedrohung alle betrifft, sind die Menschen verunsichert und dadurch aufmerksamer und empfänglicher für Informationen jeder Art. Chiara Jutzi, Psychologie-Doktorandin an der Universität Salzburg, sieht durch die Corona-Pandemie das Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit verletzt. „Personen, die sonst noch nie bedroht wurden, sind zum ersten Mal in dieser Situation“, so die Psychologin.

Der Mechanismus, der durch diese Verunsicherung in Gang gesetzt wird, folgt immer dem gleichen Schema. „Wenn sich Ohnmachtsgefühle breitmachen, dann sind die Verschwörungstheorie und das Benennen von Sündenböcken nicht weit“, erinnert Reiter an die abstrusen Theorien, die sich im Zusammenhang mit dem Aufkommen der Pest Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa verbreiteten: Gerüchte über Brunnenvergiftungen durch die angebliche jüdische Weltverschwörung. Folgen dieser Ohnmacht können auch die Spaltung der Gesellschaft oder die Änderung von Einstellungen und Haltungen, beispielsweise der politische Ausrichtung, sein.

„Corona-Infodemie“: Keine „harmlosen Spinner“ mehr

Um die Covid-19-Krise entstanden so viele Falschmeldungen und Verschwörungstheorien wie selten zuvor. So hat Facebook seit April mehr als sieben Millionen Beiträge mit Informationen zum Coronavirus gelöscht, die laut dem Netzwerk die Gesundheit von Menschen gefährden könnten. Zusätzlich seien rund 98 Millionen weniger gefährliche Inhalte, die dennoch zweifelhafte Informationen beinhalten, mit Warnhinweisen versehen worden. Die Gefährdungen, die von den Falschmeldungen ausgehen, sind nicht virtuell, sondern real. Seit Beginn der Pandemie kosteten Fehlinformationen weltweit Hunderten Menschen das Leben – zum Beispiel durch den Konsum von hochkonzentriertem Alkohol zur vermeintlichen Desinfizierung des Körpers.

Die Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun hat diesem Phänomen gemeinsam mit der Psychologin Pia Lamberty das Buch „Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ gewidmet. „38 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland neigen dazu, Verschwörungstheorien zu glauben“, sagt Nocun. Interessant ist, dass sich diese Neigung durch sämtliche Altersgruppen und Gesellschaftsschichten zieht. „Lange Zeit galten Gruppen, die derartige Inhalte verbreiten als ‚harmlose Spinner‘. Dabei wird jedoch ausgeblendet, welche Folgen der Glaube an Verschwörungsideologien haben kann. Wer denkt, das Coronavirus existiere in Wahrheit nicht, schützt weder sich noch andere“, erklärt die Autorin.

Bei Covid-19 warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sogar vor einer massiven „Infodemie“ und der Europäische Auswärtige Dienst (EAD) spricht in einem Sonderbericht zu Covid-19 von einer koordinierten Verbreitung von Desinformation. Diese ziele innerhalb und außerhalb der EU darauf ab, gefährdete Minderheiten als Ursache für die Pandemie zu benennen und Misstrauen gegen die Fähigkeiten demokratischer Institutionen zu säen. Wer hinter diesen „Informationen“ steckt, ist nicht einfach zu beantworten. Neben Personen, die sich einfach einen Spaß erlauben, sind auch politisch motivierte Gruppen am Werk, die dem politischen Gegner oder staatlichen Einrichtungen schaden wollen. Das Produzieren von Fake News und das Generieren von Klicks sind jedenfalls lukrative Geschäfte. Der Global Disinformation Index (GDI) berichtet, dass Seiten, die Falschnachrichten und Verschwörungstheorien verbreiten, bis zum Ende des Jahres Werbeeinnahmen bis zu 22 Millionen Euro haben werden.

Ein junger Mann schwebt im Schneidersitz über dem Gras. Er hält eine Zeitung lesend vor dem Körper.
Foto: Julius Drost, Unsplash

Was ist Journalismus?

Was ist die Aufgabe von Journalismus?

Journalismus soll Inhalte und Themen öffentlich machen, die für die Gesellschaft relevant sind. Öffentliche Medien werden oft als vierte Gewalt im Staat – neben Exekutive, Legislative und Judikative – bezeichnet. Sie sollen unter anderem Fehlentwicklungen in Politik, Verwaltung und Gerichtsbarkeit aufzeigen. Daher ist die Freiheit der Presse ein unverzichtbarer Bestandteil der Demokratie. In autoritär regierten Ländern wird oft als erstes die Pressefreiheit eingeschränkt.

Gibt es Kriterien für die Qualität von Journalismus?

In Österreich definiert der Ehrenkodex der österreichischen Presse zwölf Grundsätze für publizistische Arbeit. Dazu gehört die Freiheit in der Berichterstattung – das Sammeln und Verbreiten von Nachrichten darf nicht behindert werden – sowie die Beschränkung von Einflussnahmen: Außenstehende dürfen auf redaktionelle Beiträge nicht einwirken, Journalist*innen keine persönlichen Vorteile annehmen. Die wirtschaftlichen Interessen des Verlages dürfen redaktionelle Inhalte nicht in einer Weise beeinflussen, die Fehlinformationen oder Unterdrückung wichtiger Informationen zur Folge haben. Ebenso schreibt der Kodex vor, gewissenhaft und korrekt zu recherchieren, keine unlauteren Mittel anzuwenden und klar darzustellen, ob es sich beispielsweise um einen Tatsachenbericht oder um einen Kommentar handelt. Auch Fotomontagen müssen gekennzeichnet sein. Jeder Mensch hat Anspruch auf Wahrung der Würde der Person und auf Persönlichkeitsschutz; persönliche und pauschale Diffamierungen sind unzulässig.

Wieso lesen sich gleiche Themen in mehreren Medien unterschiedlich?

Jedes Medium setzt einen eigenen Fokus – der Blick, mit dem es auf die Welt schaut. Das lässt sich an der Blattlinie erkennen, die jedes Medium veröffentlichen muss. Neben der Blattlinie gibt auch der Eigentümer die Richtung eines Mediums vor. Daher ist gesetzlich vorgeschrieben, dass Medien ihre Eigentümerstruktur öffentlich machen müssen. Unabhängige Medien erkennt man auch daran, dass der Eigentümer die Richtung des Mediums zwar über die Blattlinie vorgibt, aber keinen Einfluss auf die Redaktion nehmen darf. Das ist üblicherweise in einem Redaktionsstatut festgehalten.

Wie finanziert sich Journalismus?

Unabhängige Medien finanzieren sich im Wesentlichen aus verkauften Exemplaren, Werbung und öffentlichen Förderungen. Öffentliche Stellen müssen Einschaltungen und Förderungen ab einer Höhe von 5.000 Euro quartalsweise an die Medienbehörde KommAustria melden. Diese veröffentlicht dann den kompletten Quartalsbericht hier.

Macht es einen Unterschied, wie ein Produkt vorgestellt wird?

Die Kennzeichnung als „Anzeige“, „entgeltliche Einschaltung“, „Advertorial“ oder „Promotion“ informiert darüber, dass ein Unternehmen für die Veröffentlichung eines Inhaltes bezahlt hat und dieser daher nicht von der Redaktion stammt. Wird ein Produkt in einem redaktionellen Artikel vorgestellt, so hat das ein*e Journalist*in beschlossen – um zum Beispiel ein Vorbild vor den Vorhang zu holen – und ist auch für den Inhalt verantwortlich.

Was unterscheidet Journalismus von Social Media?

Journalismus ist ein Handwerk, Social Media ein Kommunikationskanal. Social Media können journalistisch genutzt werden, sind aber auch dazu da, sich auszutauschen. Deshalb vermischen sich Information und persönliche Meinung. Durch fehlende Kontrollmechanismen können sie leicht zur Verbreitung von Falschmeldungen genutzt werden. Es liegt in der eigenen Verantwortung und Entscheidung, Informationen zu überprüfen und selektiv zu teilen.

Vier Holzwürfel mit Buchstaben. Die ersten drei liegen, der vierte wird von einer Hand gedreht. Die Würfel Buchstabieren dadurch entweder
istock-1206896632_c_christian-horz_klein Foto: iStock, Christian Horz

Online-Maßnahmen gegen Fake News

Facebook, Twitter oder auch YouTube setzen bereits unterschiedliche Schritte, um die Verbreitung von Falschinformationen einzudämmen. Zwar steht man hier erst am Anfang, aber zumindest bewegt sich etwas. Twitter blendet bei Falschinformationen häufig einen Link zu einem kurzen, englischsprachigen Faktencheck ein – auch bei Kurznachrichten des US-Präsidenten Donald Trump. YouTube hat im Mai seine Community-Richtlinien in Bezug auf die Corona-Pandemie überarbeitet. Wer nun ein Video postet, in dem die Existenz von Covid-19 geleugnet wird oder behauptet wird, dass ein bestimmtes Medikament garantiert wirkt, muss damit rechnen, dass es gelöscht wird. Facebook hingegen arbeitet weltweit mit mehr als 50 unabhängigen Faktencheck-Organisationen zusammen, in Deutschland zum Beispiel mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die Redaktionen werden dafür von Facebook bezahlt.

Die Europäische Kommission hat 2018 versucht, die Online-Plattformen stärker zur Rechenschaft zu ziehen und sie mit einem Kodex aufgefordert, Desinformation zu bekämpfen. Mit mäßigem Erfolg, da der Kodex auf Freiwilligkeit beruht. Geplant ist nun eine Verpflichtung der Betreiber der Netzwerke, künftig monatlich einen Bericht über aufgedeckte Falschnachrichten, deren Reichweite und Urheber zu veröffentlichen. Die EU-Kommission fordert sie darüber hinaus auf, enger mit professionellen Faktencheckern und Wissenschaftler*innen zusammenzuarbeiten und ihnen leichter Zugang zu ihren Servern zu gewähren.

Nun stellt sich die Frage: Wenn ich weiß, dass ich von Falschmeldungen umgeben bin, und gleichzeitig aufgrund menschlicher Grundbedürfnisse von übertriebenen Horrormeldungen angezogen werde – wie schütze ich mich davor?

Aktiv nach Infos stöbern

Der Content-Manager von Mimikama rät, zuerst sich selbst beim Medienkonsum zu beobachten und zu hinterfragen: Welche Inhalte glaube ich und warum? Für Brigitte Reiter ist es unumgänglich, sich ein journalistisches Grundverständnis anzueignen: „Das bedeutet, Nachrichten mehrfach zu überprüfen und dabei mehrere, auch unabhängige Quellen zu nutzen“. NewsGuard analysiert unter www.newsguardtech.com, wem Webseiten gehören, wer diese finanziert und ob sie vertrauenswürdig sind. Im deutschsprachigen Raum gibt es zur Überprüfung von Meldungen neben mimikama.at auch hoaxmap.org. Sich nicht berieseln zu lassen, sondern aktiv nach Infos zu suchen, senkt laut den Expert*innen der Universität Salzburg die Verunsicherung, die Fake News verursachen. Der Umgang mit Suchmaschinen und die Bewertung von Webseiten werden zur handwerklichen Grundausrüstung für alle Nutzer*innen. „Mit der Google-Bildersuche kann ich herausfinden, in welchem Zusammenhang ein Foto zum ersten Mal veröffentlicht wurde“, rät Nocun. Das hilft bei der Entlarvung sogenannter Hybrid-Fakes, bei denen Fotos aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen werden.

„Meldungen erst einmal sacken lassen“

Falschmeldungen und emotionsgeladene Nachrichten sind so alt wie die Menschheit selbst. Was sich geändert hat, ist die Geschwindigkeit, mit der sie digital verbreitet werden. Auch die technischen Möglichkeiten zur Verfälschung von Bildern und Videos werden immer weiter entwickelt. Stichwort „Deepfakes“, bei denen beispielsweise mittels Lippensynchronisation einer Person ein vollkommen anderer Text wortwörtlich in den Mund gelegt wird. Was notwendig ist, ist eine digitale Medienbildung, die schon in der Schule vermittelt werden muss. Denn Studien zeigen eindeutig: Dass Kinder mit neuen Medien aufwachsen, bedeutet nicht gleichzeitig, dass sie diese auch nutzen und verstehen können. Was jeder gleich jetzt umsetzen kann, um Fake News nicht auf den Leim zu gehen, sagt Nocun: „Man kann sich nach dem Lesen einer Meldung auch einfach fünf Minuten Zeit nehmen und diese erst einmal sacken lassen, bevor man sie gleich auf Social Media teilt.“

Checkliste: Fake News erkennen

  • Skeptisch sein, besonders bei emotionaler, reißerischer Sprache (z. B. „unfassbar“, „herzzerreißend“, „du wirst nicht glauben, was …“), bei Verallgemeinerungen und dem Schüren von Angst
  • Einen Blick auf Plattformen wie mimikama.at und hoaxmap.org werfen. Vielleicht wurde die Meldung dort schon vorgestellt.
  • Quelle überprüfen: Wer steht hinter der Nachricht? Ist das Medium vertrauenswürdig? Wer ist der Experte, die Expertin? Newsguardtech.com hilft bei der Einschätzung von Webseiten.
  • Fakten überprüfen: Welche Belege gibt es? Werden Quellen genannt? Wie alt ist die Nachricht?
  • Bilder überprüfen: Wirkt etwas an dem Bild unstimmig? Wann und in welchem Kontext wurde das Bild veröffentlicht? Dabei hilft die Eingabe auf Google Images oder Tineye.
  • Videos überprüfen mithilfe der Checkliste "Original?-Wer-Wo-Wann-Warum" auf Firstdraftnews.
  • Wissen teilen, denn sachliches Richtigstellen von Falschmeldungen hilft stillen Mitlesenden
  • Falschinformationen melden, bei Plattformen selbst, bei Mimikama oder den Meldestellen auf onlinesicherheit.gv.at

Mehr Informationen auf saferinternet.

Und wenn jemand in unserem Umfeld Falschmeldungen oder Verschwörungstheorien glaubt?

Es ist einfach, die Konversation mit „So ein Blödsinn!“ zu beenden. Wenn uns die Person wichtig ist, dann sollten wir wertschätzend nachfragen: Woher kommt diese Information? Was macht sie glaubwürdig? Was spricht dafür, was dagegen? Festzustellen, dass wir von vielen falschen oder unvollständigen Informationen umgeben sind, und ehrliches Interesse ermöglichen es, Informationen zu hinterfragen anstatt sich auf eine Position zu versteifen. Zudem geht es nicht immer um Argumente, sondern um das gute Gespräch, um Nähe und Vertrauen. Und darum, was die Information so „appetitlich“ macht. Denn die Sorgen und Bedürfnisse, die hinter der Begeisterung für Verschwörungstheorien stecken, sind wichtiger als die Theorie selbst.

Markus Mittermüller, Michaela R. Reisinger