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Befreiung vom Überfluss

Warum die Postwachstumsökonomie auf eine Reduktion der industriellen Produktion hinauslaufen wird, aber die Aussicht auf mehr Glück eröffnet, schreibt Niko Paech im Gastkommentar.

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Foto: Niko Paech Foto: Niko Paech

Bisherige Nachhaltigkeitsbemühungen sind gescheitert, ganz gleich ob es sich um politische, technologische oder kommunikative Maßnahmen handelte. Auch gesellschaftliche Nischen, die sich progressiv-ökologisch gerieren, vormals sogar entsprechende Alltagspraktiken hervorgebracht hatten, sind längst von materieller Aufrüstung, Digitalisierung und globaler Mobilität erfasst worden. Jetzt geht es nicht mehr um die Vermeidung des Kollapses, sondern um seine bestmögliche Gestaltung. Was könnte den Abschied von einem maßlosen Wohlstandsmodell erleichtern? Etwas trösten können vielleicht Überlegungen, die dem absehbaren Untergang der europäischen Wachstumsdiktatur einen Sinn geben.

Unser ohne Wachstum nicht zu stabilisierender Konsumreichtum ist das Resultat einer umfassenden Plünderung. Versuche, die vielen materiellen Errungenschaften einer Abfolge von Effizienzfortschritten oder menschlicher Schaffenskraft zuzuschreiben, beruhen auf einer Selbsttäuschung. Die Insassen moderner Konsumgesellschaften leben auf mehrfache Weise über ihre Verhältnisse. Was sie sich an physischen Leistungen aneignen, wird nicht „erarbeitet“, sondern erstens mittels Energie umwandelnder Apparaturen, zweitens auf Kosten zukünftiger Generationen und drittens durch Inanspruchnahme entfernt liegender Ressourcen angeeignet. Der Komfort und materielle Status Quo moderner Gesellschaften hat also keine Legitimation. Hinzu kommt, dass jegliche Anstrengungen, wirtschaftliches Wachstum durch technische Innovationen von ökologischen Schäden zu entkoppeln, bislang bestenfalls gescheitert sind, ansonsten sogar zu einer Verschlimmbesserung der Umweltsituation geführt haben.

Das Alternativprogramm einer Postwachstumsökonomie würde zwar auf eine drastische Reduktion der industriellen Produktion hinauslaufen, aber erstens die ökonomische Stabilität der Versorgung (Resilienz) stärken und zweitens keine Verzichtsleistung darstellen, sondern sogar die Aussicht auf mehr Glück eröffnen.

Derzeit verzetteln wir uns in einer reizüberfluteten Konsumsphäre, die unsere knappste Ressource aufzehrt, nämlich Zeit. Durch den Abwurf von Wohlstandsballast hätten wir die Chance, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, statt im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung das Gleichgewicht zu verlieren. Wenige Dinge intensiver zu nutzen und zu diesem Zweck bestimmte Optionen souverän zu ignorieren, bedeutet weniger Stress. Ein halbierter Industriekomplex, der nur noch langlebige und reparable Produkte hervorbrächte, ließe sich durch moderne Selbstversorgung ergänzen. Konsumenten werden zu Prosumenten. Sie widmen dem Gelderwerb noch durchschnittlich 20 Stunden, nutzten die freigestellte Zeit, um handwerklich tätig zu sein. Eigene produktive Leistungen in Gemeinschaftsgärten, selbsttätige Instandhaltung und Reparatur von Gegenständen sowie die mit anderen geteilte Nutzung von Gütern verhelfen zu einem modernen Leben trotz weniger Geld und Industrie. Die Balance aus bescheidenem Konsum  und kleinräumiger Selbstversorgung führt zu ökonomischer Souveränität.

Infos: Niko Paech ist Prof. an der Uni Oldenburg, Lehrstuhl für Produktion und Umwelt, Vorsitzender der Vereinigung f. Ökologische Ökonomie und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Attac.
Zuletzt von ihm erschienen: Befreiung vom Überfluss – auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, oekom Verlag.

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