Aufbruchstimmung
Vom lebendigen Boden inspiriert und durch gute Beispiele motiviert? So gelingt dein Entsiegelungsprojekt.
Boden entsiegeln heißt, Kontakt mit der Erde aufnehmen, unsere Wurzeln spüren und nicht mehr über die Natur „drüberzufahren“. Diese vier Schritte schaffen einen guten Nährboden für eine gesunde Zukunft.
1. Geeignete Flächen erkennen
Bereiche mit Potenzial können etwa eine Einfahrt, ein Pkw-Abstellplatz, ein betonierter Innenhof oder ein Gartenweg sein. „Der erste Schritt ist, zu prüfen, ob eine versiegelte Fläche wirklich notwendig ist“, erklärt Christa Lackner, Geschäftsführerin von Natur im Garten und nennt dazu die wichtigsten Fragen:
- Staut sich in den Flächen bei Regen Wasser oder fließt es unkontrolliert über diese ab?
- Wird die versiegelte Fläche kaum genutzt oder ist sie überdimensioniert?
- Gibt es keine Begrünung, obwohl Platz vorhanden wäre?
- Leidet die Umgebung unter Hitze, strahlen die Flächen diese auch nachts ab?
- Wirkt die Fläche unattraktiv oder abweisend für Menschen?
2. Planung
Haben wir eine interessante Fläche gefunden, kann man sich entsprechend der zukünftigen Nutzung die neue Gestaltung überlegen. Falls die Fläche weiter intensiver begangen oder befahren werden soll, zum Beispiel als Einfahrt, entsiegelt man diese nur teilweise und wählt dafür einen neuen Bodenbelag (siehe Kasten).
Je nach Versickerungsfähigkeit des Bodens entscheidet man auch, ob gleich eine weitere Maßnahme zur Regenwasserversickerung oder -nutzung gesetzt, zum Beispiel eine Versickerungsmulde oder eine Zisterne angelegt werden soll. Auch Altlasten, örtliche Bauvorschriften und Beschränkungen durch den Denkmalschutz sollte man nun erheben.
3. Versiegelung aufbrechen
Dann wird die vorhandene Deckschicht entfernt. Pflastersteinen, Schotter oder Kies kann man mit Schaufel und Hacke zu Leibe rücken. Für Asphalt- oder Betonflächen braucht es hingegen Abbruchwerkzeuge – hier kann man ein Bauunternehmen oder einen Gartenbaubetrieb beiziehen, der sich auch um die fachgerechte Entsorgung kümmert. Auch darunterliegende, wasserundurchlässige Schichten wie Folien müssen anschließend entfernt werden.
4. Neugestaltung
Bei einer vollständigen Entsiegelung lockert man anschließend den Untergrund und bringt humusreichen Mutterboden auf. Die entsiegelten Flächen können dann wie normale Gartenflächen standortgerecht bepflanzt werden.
Bei einer Teilentsiegelung werden nun versickerungsoffene Trag- und Deckschichten angelegt – bei schwierigeren Varianten wie Pflasterbelägen oder Holzrosten kann auch hier ein Fachbetrieb helfen.
DIY ENTSIEGELUNG HALIRSCHGASSE
Wie kann aus einem versiegelten Innenhof ein grüner, kühler Ort der Begegnung werden? Dieser Frage widmen sich Bewohner*innen der Halirschgasse in Wien im Rahmen der Klima Werkstatt. Gemeinsam mit der Gebietsbetreuung Stadterneuerung und der Wiener Sukzession wurden Ideen gesammelt und Vorstellungen diskutiert, die Betonplatten mit Schremmhammer und Brechstange aufgebrochen, das Abbruchmaterial für neue Gestaltungselemente genutzt und schließlich eine lebendige, grüne Oase geschaffen. klimawerkstatt.gbstern.at/programm/mehr-gruen/innenhof-entsiegeln/
BODENBELÄGE FÜR TEILENTSIEGELUNG
KIES-SPLITT-DECKE
für Fußwege und Parkplätze
Eine Mischung aus Kies und Splitt auf durchlässigem Unterboden.
(BLUMEN-)SCHOTTERRASEN
für Parkplätze und Zufahrten
Eine dünne Kompostschicht mit pflegeleichten, trockenheits- und trittverträglichen Arten.
RASENGITTERSTEINE
für Parkplätze, Zufahrten und Vorplätze
Wabenförmig geöffnete Pflaster, gefüllt mit Humus, auf dem Rasen gesät wird.
RASENFUGENPFLASTER
für Parkplätze, Zufahrt, Vorplatz
Fugen zwischen Pflastersteinen werden mit Humus gefüllt und bepflanzt.
SPLITTFUGENPFLASTER
für Parkplätze, Zufahrt, Gehsteig, Haltestelle
Fugen zwischen den Pflastersteinen werden mit Splitt oder Kies gefüllt.
HOLZROSTE
für Terrassen
Gut imprägnierte Hölzer auf gut durchlässigem Untergrund.
Mach mit!
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Wachsen lassen hilft
Auch eine solche Teilentsiegelung speichert Wasser und sorgt in heißen Sommern für Abkühlung: Begrünte Fugen auf Plätzen und Wegen halten Steinplatten zum Beispiel um rund 30 Grad Celsius kühler, entdeckte Architekt und Stadtplaner Ángel Panero in Santiago de Compostela vor einigen Jahren. Gegen Hitzeinseln ist also tatsächlich ein Kraut gewachsen. Besonders in der Stadt summieren sich Fugen auf eine beachtliche zusätzliche Grünfläche – gut für den Klimahaushalt, für uns Menschen sowie für Insekten und Kleintiere. Ideal für die Bepflanzung sind trittfeste, klein bleibende Grünpflanzen wie Sternmoos, Bruchkraut, Römische Kamille oder Sand-Thymian. Angel Panero: Grüne Fugen in Santiago de Compostela
Entsiegeln für und mit Kindern
Entsiegelte Flächen schätzen wir aber nicht nur zu Hause: „Bei Schulgebäuden besteht großes Potenzial, Grünflächen und Schattenplätze zu schaffen. Schulflächen sind besonders geeignet, weil sie oft große, zusammenhängende versiegelte Flächen bieten und die Wirkung direkt Kindern und Jugendlichen zugutekommt“, erklärt DI Björn Schoas, Fachkoordination Grünraum und Garten bei DIE UMWELTBERATUNG.
Dazu kann man der Schule oder dem Kindergarten direkt eine Entsiegelung vorschlagen und auch mit den Elternvereinen Kontakt aufnehmen. „Ersetzen Grünflächen, Bäume und naturnahe Spielbereiche betonierte Flächen, verbessert das die Aufenthaltsqualität und fördert Umweltbewusstsein bei Kindern“, bestätigt auch Christa Lackner. Für Lehrende gibt es auch Unterrichtsmaterialien, Workshops und Fortbildungen zum Thema Bodengesundheit, zum Beispiel bei „Boden macht Schule“ (s. Kasten).
Entsiegelung für Unternehmen & Gemeinden
Auch rund ums Firmengebäude dient offener Boden nicht nur zum Abfedern von Wetterextremen, sondern trägt als Erholungsinsel auch zu einem guten Betriebsklima bei. Besonders Parkflächen, Zufahrten und Innenhöfe eignen sich, mit versickerungsfähigen Oberflächen versehen zu werden, weiß Schoas: „Wichtig ist, auf den Abflussbeiwert der unterschiedlichen Oberflächen zu achten – jenen Anteil des Niederschlagswassers, der oberirdisch abfließt. Asphalt hat einen sehr hohen Abflussbeiwert von 0,9 – Rasengittersteine im Gegensatz nur einen Wert von 0,15. Ergänzend können Parkplätze mit naturnahen Sickermulden ausgestattet sowie mit klimarobusten Baumarten bepflanzt werden.“
Gemeinden haben ebenso vielfältige Möglichkeiten, erklärt der Experte: „Sie können eigene Flächen wie Plätze, Straßen oder Spielplätze entsiegeln und begrünen, aber auch private Initiativen fördern.“ Neben dem Bodenbonus in Niederösterreich gibt es kommunale Förderungen für Begrünung und Regenwasserversickerung sowie österreichweite Programme mit viel Know-how wie KLAR! (Klimawandel-Anpassungsmodellregionen) und KEM (Klima- und Energie-Modellregionen). Auch EU-Förderungen im Bereich Klimawandelanpassung oder Stadtentwicklung können für größere Projekte genutzt werden, weiß Schoas. „Wichtig ist, dass Gemeinden Entsiegelung als Teil einer umfassenden Klimaanpassungsstrategie verstehen und aktiv kommunizieren“, betont der Fachkoordinator. Gemeinsame Begehungen, wie zum Beispiel SoilWalks (s. Kasten), können dabei helfen, ein Bodenstammtisch Infos und Ideen zu Entsiegelungsprojekten sammeln und Umweltschutzvereine unterstützen.
Natur-Wissen zählt
Wilde Natur zulassen ist Einstellungssache. Noch besser als Entsiegeln ist, gar nicht erst zu versiegeln. Bei der nächsten Baustelle also gut abwägen, wovon unsere Zukunft nachhaltig profitiert.
Sandra Obermair
DIE EXPERT*INNEN
Geschäftsführerin von Natur im Garten
Fachkoordination Grünraum und Garten
DIE UMWELTBERATUNG
Infos für Bodenentsiegelung:
Mag. (FH) Christine Sitter-Penz
Projektleiterin Blau-gelber Bodenbonus
Energie- und Umweltagentur NÖ
www.bodenbonus.at
DIE UMWELTBERATUNG
Individuelle Beratung für Privatpersonen und Unternehmen. Broschüren, Poster und Infopakete. www.umweltberatung.at
NATUR IM GARTEN
Beratungsangebot für Privatpersonen und Gemeinden. Veranstaltungen und Broschüren rund um nachhaltige Grünflächen und Entsiegelungsprojekte. www.naturimgarten.at
KLIMAWERKSTATT WIEN
Kostenfreies und vielfältiges Veranstaltungsprogramm, Plattform für Austausch und Projektideen. klimawerkstatt.gbstern.at
UMWELTBUNDESAMT
Fachwissen und Beratung rund um Boden und Bodenprojekte, wie z. B. „Boden macht Schule“. www.umweltbundesamt.at/boden
SOIL WALKS
Gemeinsame Spaziergänge, um Wissenschaft, lokales Wissen und Planungspolitik zu verbinden – nutze Schulungsvideos und Handbücher, um selbst einen Walk zu organisieren. soilwalks.project.tuwien.ac.at
BOKU-LEITFADEN für Entscheider*innen für Bodenentsiegelung im öffentlichen Raum: short.boku.ac.at/5oqkr8
Förderungen
Blau-gelber Bodenbonus
Entsiegelungs-Förderung für Gemeinden, Schulen, Vereine und Privatpersonen in Niederösterreich. Mit Erstberatung und vielen Infos.
www.klimafit-noe.at/blaugelber-bodenbonus
FFG – EU-Förderungen im Bereich Nachhaltigkeit
Förderzentrum
Förderungen des Landes NÖ für Gemeinden, die Flächen für bessere Regenwasserversickerung entsiegeln möchten:
www.foerderzentrum.at/foerderung-versickerung-im-siedlungsgebiet