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Auf der Flucht!

Interview mit Mag. Christoph Riedl ist Geschäftsführer des Diakonie Flüchtlingsdienstes

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Christoph Riedl, Foto: Diakonie/Nadja Meister Christoph Riedl, Foto: Diakonie/Nadja Meister

Lebensart: Seit einigen Wochen ist die Flüchtlingspolitik wieder Thema in den Schlagzeilen. Kommen tatsächlich so viele Flüchtlinge?

Christoph Riedl: Für die derzeitige Unterbringungskrise gibt es mehrere Gründe: Einerseits ist es durch die Zusammenlegung von Bundesasylamt und Fremdenpolizei zu einem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl zu einem Rückstau in der Bearbeitung der Asylverfahren gekommen. Zwar wurden weiterhin viele neue AsylwerberInnen in Betreuung genommen, aber nur bei wenigen wurden die Verfahren abgeschlossen. Andererseits kommen aufgrund der Katastrophe in Syrien seit Juli tatsächlich wesentlich mehr Schutzsuchende nach Österreich als zuvor.

Was müsste geändert werden, damit auf einen zusätzlichen Zustrom von Flüchtlingen flexibler reagiert werden kann?

Die Unterbringung Asylsuchender, die sogenannte Grundversorgung, fußt größtenteils auf den Kapazitäten privater Quartiergeber, die Ihre Quartiere nur mit Vollauslastung kostendeckend betreiben können. Diese Grundversorgung muss dringend reformiert werden. Sie ist eine Verwahrung von Menschen auf teils sehr niedrigem Niveau. Wir brauchen aber eine professionelle Betreuung, die den Bedürfnissen der schutzsuchenden Menschen gerecht wird. Es greift auch zu kurz, wenn die ganze Schuld nun den Bundesländern gegeben wird. Manche Landesregierungen bemühen sich sehr, schaffen es aber unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht, neue Quartiergeber zu finden. Die 19 Euro Kostenhöchstsatz pro Tag, aus dem sowohl sämtliche Personalkosten, die Gebäudekosten und die Verpflegung bestritten werden müssen, sind viel zu gering.

Wie sollen eine bessere Betreuung in Zeiten von Wirtschaftskrise und Sparbudgets finanziert werden?

Ganz einfach: Es sollten nur jene Menschen versorgt werden, die dies auch brauchen. Asylsuchende unterliegen derzeit einem de-facto Arbeitsverbot. Wenn wir ihnen aber nach 6 Monaten gestatten würden, für sich selbst und ihre Familien zu sorgen, dann täte das nicht nur ihrer Menschenwürde gut, sondern auch dem Grundversorgungsbudget. Diese Menschen könnten dann in selbst gemieteten Wohnungen leben und somit wäre auch das Unterbringungsproblem gelöst.

Können Asylsuchende mit geringen Sprachkenntnissen Arbeit finden?

Selbstverständlich werden nicht alle AsylwerberInnen so schnell Arbeit finden. Es ist aber wichtig, dass sie ab einem halben Jahr den Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen. Gleichzeitig sollten Deutschkurse ab dem 1. Tag in Österreich starten. Viele Asylsuchende  kommen bereits mit sehr guten Qualifikationen ins Land und könnten am heimischen Arbeitsmarkt gut eingesetzt werden.

Haben die Sorgen und Ängste der Bevölkerung vor großen Flüchtlingsquartieren nicht auch ihre Berechtigung?

Die Angst vor allem was uns fremd ist, ist uns Menschen angeboren. Diese Angst bekämpft man am besten damit, dass man das Fremde erforscht und kennenlernt. Viele Flüchtlinge haben die gleichen Ängste. Auch sie sind in der Fremde und alles was ihnen hier begegnet ist ihnen zunächst fremd. Zudem haben viele von Ihnen schreckliche Dinge erlebt oder mit ansehen müssen. Wir sollten daher versuchen auf Sie zuzugehen und Ihnen die Angst zu nehmen anstatt uns vor Menschen zu fürchten, die selbst voller Furcht sind.

Aber es stimmt schon: Flüchtlinge brauchen, gerade am Anfang, professionelle Betreuung durch SozialarbeiterInnen. Unsere Erfahrung ist, dass es in gut betreuten Quartieren so gut wie nie zu ernsthaften Problemen kommt.

Das Interview führte: Annemarie Herzog

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