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ArtistInnen: Nachbarinnen

Seit 30 Jahren arbeiten Dr. Christine Scholten und Renate Schnee als Ärztin bzw. Sozialarbeiterin in Wien und erleben die bedrückend geringen Freiheiten und Möglichkeiten von Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund.

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Foto: Reither Foto: Reither

Vor zwei Jahren haben Sie den Verein „Nachbarinnen“ gegründet. Was wollen Sie erreichen?

Scholten: Unser Ziel war und ist es, Frauen zu empowern, damit sie auf eigenen Beinen stehen und ihr Leben erfolgreich meistern können. Die Hürden für Migrantinnen und Flüchtlinge sind hoch – sie brauchen Unterstützung.

Was waren Ihre ersten Schritte?

Es war uns klar, dass wir nicht selbst auf die Frauen zugehen können, dass wir eine Brücke brauchen. Diese haben wir in einer warmherzigen, türkischsprachigen Frau gefunden. Sie geht auf Frauen zu und bietet Unterstützung an, zum Beispiel beim Deutsch lernen oder sie erklärt, wie man eine U-Bahnkarte kauft.

Diese kleinen Schritte waren so erfolgreich, dass Sie das Projekt ausgeweitet haben?

Ja, wir haben 16 Frauen gesucht, die in ihrer jeweiligen Tradition verwurzelt sind, aber auch schon unsere Kultur der Freiheit kennen. Sie haben eine 5-monatige Ausbildung erhalten und vermitteln den Frauen zum Beispiel, wie sie Arbeit finden, wie sie Gewalt in der Familie verhindern können, warum Bildung und Gesundheitsvorsorge wichtig sind, wie sie damit umgehen sollen, wenn der Mann nicht mitmachen will, etc.

Kommt das oft vor?

Zu Beginn sind viele Männer skeptisch. Sie sehen allerdings rasch die Erfolge, weil die Kinder in der Schule bessere Noten bekommen oder weil die Frau einen Arbeitsplatz findet. Wir haben bisher ca. 300 Familien betreut, darunter war nur eine, bei der der Mann die Zusammenarbeit verweigert hat.

Wie sieht so eine Zusammenarbeit konkret aus?

Wir machen einen Vertrag mit der Familie, in der geklärt wird, was das Ziel der Familie ist, was erreicht werden soll, und bis wann. Und danach wird die Arbeit abgestimmt. Am Ende führen wir ein Abschlussgespräch.

Wie finanzieren sich die Nachbarinnen?

Ein Drittel des Budgets kommt vom Bund und der Stadt Wien, zwei Drittel treiben wir über private Sponsoren und Preise auf. Die Finanzierung ist immer die größte Herausforderung. Dabei ist diese Arbeit genauso wichtig wie jene der Ärzte oder Lehrer. Was wäre, wenn Ärzte und Lehrer von einer Jury abhängig wären, die jährlich darüber entscheidet, ob sie finanziert werden oder nicht? Die Zivilgesellschaft muss sich engagieren – sonst gehen wir alle baden! Schön ist, dass so viele Sachen gelingen. Wir haben eben elf Kinder davor bewahrt, in die Sonderschule abzusteigen. Den gesellschaftlichen und finanziellen Impact sieht man leider erst in der Zukunft. Und das macht es schwer, eine Finanzierung zu finden.

Was sind eure aktuellen Projekte?

Wir haben letzten Herbst mit einer Ausbildung zur Näherin begonnen. Sechs Frauen haben nun ihren ersten Job!

Sehr erfolgreich sind auch unsere Bildungsfrühstücke, die wir alle zwei Wochen zu Themen, die die Frauen am meisten interessieren, veranstalten. Zwischen 30 und 100 Frauen kommen, hören zu, diskutieren, übersetzen in viele Sprachen. Das ist unglaublich intensiv und verbindend.

Welche drei Erfahrungen und Erkenntnisse können Sie weitergeben?

Es braucht oft nur einen ganz kleinen Anstoß, damit Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen können.
Wichtig ist, gewollt und angenommen zu sein, mit den Fähigkeiten die man hat.
Bereit zu sein, diese Fähigkeiten einzusetzen. Dafür muss man gar nichts gelernt haben. Man muss nur bereit sein zu geben und zu nehmen. Das führt zu einem aufrechten Gang, zu einem aufrechten Blick, zu Selbstbewusstsein und Zufriedenheit.

Wenn Sie selbst einen Verein Nachbarinnen aufbauen wollen: mail@nachbarinnen.at, www.nachbarinnen.at

Autorin: Roswitha M. Reisinger

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