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ArtistInnen für mehr Menschlichkeit

‚Bsoffene Sandler‘, selbst schuld, sollen halt was arbeiten‘ das hört man, wenn über Obdachlose gesprochen wird. Cecily Corti setzt sich für sie ein und gründete dazu die Vinzenz­gemeinschaft St. Stephan in Wien.

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Cecily Corty. Foto: Susanna Hufsky

Viele Menschen machen einen Bogen um Obdachlose. Sie setzen sich für sie ein. Warum?
Dem ist sicherlich ein persönlicher Reifungsprozess vorausgegangen. Ich erlebte immer deutlicher meine Ohnmacht angesichts der vielen Horrornachrichten in den Medien. Ich wollte meinen Anteil einbringen, um dem Leid und Schmerz in der Welt etwas entgegenzusetzen

Wann haben Sie beschlossen, Ihre Philosophie in konkretes Handeln umzusetzen?
Anfang der 90er Jahre. Mein Mann war gestorben und unsere drei Kinder erwachsenen. Ich wollte meine Freiheit nützen, um dem Ausdruck zu geben, woran ich zutiefst glaube – Schönheit, Wahrheit, Solidarität, auch Liebe.
Mein Einsatz für Obdachlose begann in einem Frauenhaus in Paris. Der selbstverständliche Umgang dort mit den Frauen, die auf der Straße gelandet waren, beeindruckte mich nachhaltig. Als ich dann in Österreich Pfarrer Pucher vom Vinzidorf Graz traf, war meine Entscheidung gefallen. Sein Grundsatz der bedingungslosen Akzeptanz überzeugte und begleitete mich fortan.

Dass die Obdachlosenbetreuung gut laufen kann hat Ihnen niemand zugetraut. Wie sind Sie mit den Widerständen umgegangen?
Es sind die üblichen Vorurteile, dass Menschen auf der Straße gefährlich sind, insgesamt ungut und zu meiden. Ich habe mich nicht beirren lassen. Ich bin ein neugieriger Mensch und ich wollte beweisen, dass die Ausgrenzung das wirkliche Problem ist.

Sie arbeiten hauptsächlich mit ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Wie kann man sie für diese Aufgabe gewinnen?
Indem man es vormacht. Viele Menschen wollen etwas verändern. Es gibt ein großes Potential, das sich einbringen will. Und wenn man damit beginnt, erlebt man die Resonanz, den Reichtum und die Vielfalt des Rückflusses an Energie.

Sie sagen‚ die Qualität der Beziehung macht den Unterschied – der Schlüssel ist die Kommunikation. Wie gelingt das?
Wir verstehen uns in keiner Weise als Experten. Wir tun, was zu tun ist und wir begegnen den Menschen ohne Urteil und Vorurteil. Wir wissen nicht, ob wir unter den Bedingungen das Leben besser meistern könnten. Die eigentliche Herausforderung verstehen wir darin, dass wir oft keinen Rat wissen, das auszuhalten ist nicht leicht.

Wie vermitteln Sie den Menschen, dass es Sinn macht, ein selbstverantwortetes Leben zu führen?
Ich glaube, das empfindet jeder ganz selbstverständlich. Nur wie komme ich dahin? Die Voraussetzung ist jedenfalls die Achtung, die Wertschätzung, die ich zuerst von außen erfahre. Deshalb ist für uns die Qualität der Beziehung im Vordergrund. Wie vermittle ich dem Gegenüber, dass er/sie willkommen ist, dass ich ihn/sie ernst nehme ohne Vorbehalt.

Was ist das Schönste an Ihrem Job?
Zu erleben, wie Menschen sich verwandeln, wie dunkle, verschlossene Menschen hell werden, lächeln und sich angenommen wissen. Die Verbundenheit mit den MitarbeiterInnen, miteinander eine gemeinsame Vision verfolgen. Das Erleben von wirklicher Gemeinschaft.

Was könnten LEBENSART-LeserInnen  tun?
Ihrer Sehnsucht folgen, nicht klein beigeben. Daran glauben, dass es sich lohnt das umzusetzen, wovon man überzeugt ist. Ohne Missionierung. Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst, mit der Ernährung, mit der Natur, mit anderen Menschen.

Vinzenzgemeinsaft St. Stephan, Wien, www.vinzirast.at

AUTORIN: Roswitha M. Reisinger

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