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„Ein Land heuer zu „machen“, dann ein nächstes und ein nächstes – dieser Konsum hat mit Reisen nichts zu tun“.

Dieter Glogowski gehört zu den renommiertesten Multivision-Vortragenden im deutschsprachigen Raum. Karin Chladek hat für LebensART mit Glogowski über Tibet und das Dilemma des Massentourismus gesprochen.

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Dieter Glogowski - im Bild mit dem Dalai Lama - arbeitet seit mehr als 25 Jahren als freier Foto- und Fernsehjournalist zum Schwerpunkt Himalaya. Glogowski

Glogowski beschränkt sich nicht auf die glatten Oberflächen von gerne als „Traumländern“ bezeichneten Regionen. Er recherchiert und zeigt Hintergründe.

LEBENSART: Seit die Hochleistungsbahn Beijing-Lhasa fertiggestellt worden ist, kommen in den Sommermonaten täglich ca. 9.000 Touristen nach Lhasa, vor allem chinesische. Das ist  Massentourismus – ein Problem, mit dem Städte wie Venedig schon lange kämpfen. Abgesehen von der Tatsache, dass zwischen China und Tibet ein koloniales Verhältnis besteht und Tibet von der international renommierten NGO Freedom House gleich nach Tschetschenien als eine der zwei Regionen der Erde mit den geringsten politischen und bürgerlichen Freiheiten eingestuft wird, wird hier das Dilemma des Tourismus deutlich: Die Reisenden zerstören letztendlich oft, was sie suchen, einfach, weil zu viele kommen. Sehen Sie da einen Ausweg?

Dieter Glogowski: Der Dalai Lama hat einmal gesagt, Reisende sollen nach Tibet kommen und berichten, was sie sehen. Das ist eine Seite. Andererseits ist der Alternativtourismus von einst mit dem Massentourismus von heute eng verknüpft. Die ersten so genannten Alternativreiseführer in den 1970er Jahren, z.B. nach Griechenland, aber auch nach Indien, schrieben ständig von „Geheimtipps“. Aber wenn ein Buch in einer Mindestauflage von 50.000 Stück erscheint, sind das keine Geheimtipps mehr. Es wurde auch von „schnell geschlossenen Freundschaften“ zwischen den Reisenden und den Menschen vor Ort geschrieben. Aber im Tourismus gibt es Abhängigkeiten, gerade bei extremen Einkommensunterschieden zwischen den Herkunfts- und Zielländern. Das muss man sich klar machen, um damit umgehen zu können.

LEBENSART: Sie reisen viel in ökonomisch arme Regionen. Wie gehen sie selbst damit um?

Dieter Glogowski: Ich reise immer wieder in die gleichen Gebiete und lerne so viele Menschen und ihre Lebensumstände besser kennen. Im Februar werde ich eine Reise auf dem gefrorenen Fluss in Ladakh machen, mit einem ladakhischen Freund, den ich seit 22 Jahren kenne. Trotzdem, die Unterschiede bei den ökonomischen Möglichkeiten kann man nicht wegwischen: Wenn ich allein gefragt werde, was mein Paar Bergschuhe kostet … soll ich dann sagen, die kosten 300 Euro? Ich kann nur sagen, dass ich dafür sparen muss, also ein Verhältnis zum Preis herstellen. In Ladakh, wo ich oft bin, unterstütze ich mit einem Teil meiner Honorare Dorfprojekte.

LEBENSART: Was Tibet anbelangt, was hat sich im Tourismus dort in den letzten Jahren verändert?

Dieter Glogowski: Die offiziellen Zahlen sprechen von 1,2 Millionen Chinesen pro Jahr, die Lhasa besuchen, und für diese großen Gruppen wurde eine Infrastruktur geschaffen. Auch für westliche Reisegruppen. Klöster wurden quasi als Museen für den Tourismus wieder aufgebaut. Es kommen bei meinen Vorträgen durchaus Leute auf mich zu, die in Tibet waren und mir dann sagen: „Also, die Tibeter sahen aber ganz glücklich aus. Wir haben von angeblichem Leid unter der chinesischen Besatzungsmacht nichts gesehen.“ Das ist eine Folge dieser touristischen Kulisse. Aber natürlich haben gerade westliche Tibetreisende, haben wir alle die Möglichkeit, uns zu informieren! Es gibt unzensierte Berichte, viele Websites und Portale über die Situation in Tibet. Auch auf meiner Homepage. Wenn man sich informiert, kann man einfach nicht mehr behaupten, es sei alles okay, was Tibet passiert.

Grundsätzlich habe ich in den letzten 35 Jahren aber gelernt, Tourismus nicht in Schablonen einzuteilen - da die „bösen“ Gruppentouristen, dort die „guten“ Individualreisenden. Das stimmt so nicht. Gerade beim Individualtourismus gibt es sehr viel Blauäugigkeit. Dazu kommt die Schnelllebigkeit unserer Zeit, die Illusion, jederzeit alles machen zu können und zu müssen. Wenige nehmen sich die Zeit, sich über die Hintergründe zu informieren. Man hört von Leuten: „Ich habe heuer Bhutan gemacht, nächstes Jahr mache ich Costa Rica.“ Das tut mir leid für diese Leute, denn allein mit dieser Wortwahl „Machen“ entwertet man die Reiseerfahrung, und ja auch sich selbst. Dieser Konsum hat mit Reisen nichts zu tun.
Zum Glück gibt es aber auch Reiseveranstalter wie Hauser Exkursionen oder Weltweitwandern, mit denen ich in Lingshed in Ladakh zusammenarbeite, die großen Wert auf die Information ihrer Gäste und verantwortungsvolles Reisen legen. Auf Balance, Information und Weiterentwicklung achten – das ist ganz wichtig beim Reisen.

Infos:
www.dieter-glogowski.de
www.ruediger-nehberg.de
www.target-human-rights.de

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