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Wie wirkungsvoll sind Nahrungsergänzungsmittel?

Das Symposium zum Thema  „Mikro­nährstoffe“ zeigte: In keinem Fall kann die Einnahme von Nahrungs­ergänzungs­mitteln einen gesunden Lebensstil und gesunde Ernährung ersetzen. In manchen Fällen schaden sie mehr als sie nützen.

bunte Tabletten und Kapseln auf weißem Hintergrund.
Foto: bruno/germany auf pixabay

Internationale Experten referierten zu den neuesten Erkenntnissen:

Stillen und gesunde Ernährung der werdenden Mütter wirken günstig auf das Körpergewicht des Säuglings

Prof. Luis. A. Moreno aus Zaragoza: Studien weisen darauf hin, dass mütterliches Übergewicht beziehungsweise Adipositas auch das Gewicht des ungeborenen Kindes negativ beeinflussen könne. Es sei daher wichtig, dass schwangere Frauen auf einen gesunden Lebensstil achten, auf Rauchen verzichten und sich gesund ernähren. Stillen sowie die Zusammensetzung der Muttermilch würden sich ebenfalls günstig auf das Körpergewicht des Säuglings auswirken und das spätere Auftreten von Adipositas verhindern. In den ersten beiden Lebensjahren seien vor allem eine hohe Proteinaufnahme, der Konsum von gezuckerten Getränken sowie zu kurze Schlafphasen mit der Entstehung von Adipositas assoziiert.

Prof. Angelo Pietrobelli aus Verona: Die Vorteile von Muttermilch beim Säugling sind wissenschaftlich belegt. Dazu gehören vor allem die Förderung der kognitiven Entwicklung, der Schutz vor gastrointestinalen Erkrankungen und Pneumonie sowie die Reduktion des Risikos für Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2. Bei der Mutter stehe vor allem der nachgewiesene Schutz vor Brust- und Eierstockkrebs im Vordergrund. Daneben spiele auch der richtige Zeitpunkt der Einführung von Beikost eine wesentliche Rolle. Exklusives Stillen solle zumindest in den ersten 4 Lebensmonaten gefördert werden, könne aber auch bis zu 6 Monate andauern. Spätestens ab dem 5. Lebensmonat seien die renalen und gastrointestinalen Funktionen des Säuglings ausgereift und es könne mit der Einführung der Beikost langsam begonnen werden. Grundsätzlich variiere die Zusammensetzung der Muttermilch und die „Reife“ jedes Säuglings, wodurch bei der Einführung der Beikost auch immer individuelle Entscheidungen getroffen werden sollten.

Adipositas und Mikronährstoffe bei Jugendlichen

Prof. Peter Stehle, Dekan der Universität Bonn: In der „Helena-Studie“ - sie wurde in 10 verschiedenen europäischen Städten durchgeführt - wurden erstmals Daten zur Vitaminversorgung von europäischen Jugendlichen erhoben. In den meisten Fällen zeigten die Probanden eine gute Versorgung mit den einzelnen Mikronährstoffen. Ausnahme sind Vitamin D, Vitamin E und Folsäure, hier zeigten einige Jugendliche in Deutschland sowie auch in anderen europäischen Ländern eine schlechte Versorgung. Generell würde die durchgeführten Erhebungen jedoch belegen, dass generell eine adäquate Versorgung mit essenziellen Mikronährstoffen in allen Altersklassen gegeben sei, sagte Stehle in einem anschließenden Vortrag „Physiologie und Pathophysiologie der Mikronährstoffe“. Es bestehe daher keine Notwendigkeit für eine generelle Supplementierung. Eine Supplementierung mit physiologischen Nährstoffmengen in Prävention und Therapie sei nur bei einem nachgewiesenen Mangel, bei einseitiger Ernährung, nach Operationen, Chemotherapien sowie bei nicht erfolgreicher Umstellung der Kost beziehungsweise der Diätetik-Maßnahmen sinnvoll und sicher.

Prof. Daniel Weghuber aus Salzburg: Adipositas im Kindesalter habe eine hohe Prävalenz, sei mit zahlreichen Co-Morbiditäten verbunden und es gäbe dafür nur wenige Behandlungsmöglichkeiten. Frühe metabolische Co-Morbiditäten assoziiert mit Adipositas seien unter anderem Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck, NAFLD (Fettlebererkrankungen), Krebs (vor allem in Darm, Leber, Brust und Niere), Skelettveränderungen, Schlafapnoe-Syndrom, Atherosklerose sowie Herzinfarkte. Bei adipösen Patienten könne es zu veränderten neuronalen und endokrinen Signalen in der Darm Mikrobiota kommen. Besonders in den ersten 3 Lebensjahren erfolge die Reifung des Darmmikrobioms. In dieser kritischen Entwicklungsphase hätten vor allem pränatale Faktoren, die Art der Geburt sowie die Ernährung des Säuglings einen bedeutenden Einfluss auf das Darmmikrobiom. Es gäbe vielversprechende Hinweise, dass das Darmmikrobiom einen Einfluss auf das Körpergewicht hat, allerdings wären qualitativ hochwertige RCTs wichtig, um klare Aussagen dazu treffen zu können.

Manche Nahrungsergänzungsmittel haben nachteilige Wirkungen bei Krebspatienten

Prof. Hans Hauner aus München: Bei Krebspatienten herrsche ein besonders großer Leidensdruck. Daher würden in diesem Patientenkollektiv sehr häufig NEM eingenommen. In einer Praxis mit 765 Tumorpatienten gaben 49 Prozent an, ein NEM einzunehmen. Es handle sich um unterschiedliche Präparate wie Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente aber auch Omega-3-Fettsäuren oder Kurkumin. In der Regel bestehe, wenn keine Mangelernährung vorliegt, kein erhöhter Bedarf für solche Mikronährstoffe und die aktuelle Studienlage liefert keine überzeugende Evidenz für den Nutzen einer Supplementierung mit diversen Mikronährstoffen, was die Beeinflussung eines Tumors betrifft. Von einer Supplementierung mit Selen, b-Carotin und Vitamin E sei grundsätzlich abzuraten, da sich aus einigen Studien sogar nachteilige Wirkungen bei Krebspatienten gezeigt hätten. Eine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung stelle fast immer die bedarfsgerechte Versorgung mit allen Mikronährstoffen sicher.

Mikronährstoffe bei Übergewichtigen, Senioren und Sportlern

Prof. Stephan C. Bischoff von der Universität Hohenheim: Übergewichtige und Adipöse hätten einerseits zu viel Gewicht und Fettgewebe, andererseits häufig zu wenig Muskelmasse („Sarcopenic Obesity“) und hätten auch häufig eine schlechte Versorgung mit Mikronährstoffen (vor allem Eisen, Vitamin D, Selen und Zink). Mögliche Ursachen für einen Mikronährstoffmangel bei Adipositas seien eine ungesunde Ernährung, ein erhöhter Bedarf sowie mögliche Folgeerkrankungen (z.B. Fettlebererkrankungen). Adipöse Patienten hätten allerdings bei einigen Erkrankungen häufig bessere Überlebenschancen (z.B. chronische Herzinsuffizienz, koronare Herzkrankheit, arterielle Hypertonie, periphere arterielle Verschlusskrankheit, DM2, chronisches Nierenversagen).

Prof. Jürgen König aus Wien: Der Anteil an Personen über 65 Jahren steige an und liege in Österreich derzeit bei ca. 18,8 Prozent. Parallel dazu nehme auch die Lebenserwartung zu und liege derzeit bei 81,6 Jahren. Die Empfehlung für die Energiezufuhr sinke im zunehmenden Alter, während die Empfehlungen für viele Mikronährstoffe gleichbleiben oder nur geringfügig niedriger seien. Trotz geringerer Energiezufuhr müsse die Versorgung mit Nährstoffen gesichert bleiben und es sollten Lebensmittel mit hoher Nährstoffdichte bevorzugt werden. Wissenschaftliche fundierte Daten zur Mikronährstoffversorgung von Senioren in Österreich gäbe es nicht. Es liegen lediglich Daten aus dem Ernährungsbericht 2012 vor. Laut Ernährungsbericht 2012 ist die Versorgung mit Mikronährstoffen bei Senioren insgesamt zufriedenstellend. Weniger zufriedenstellend ist lediglich die Versorgung mit Vitamin D, Kalzium und Jod.

Prof. Jürgen Scharhag aus Wien: Die Problematik der Mikronährstoffversorgung im Sport betreffe besonders sportassoziierten Mikronährstoffverlusten, sportbedingtem Mehrbedarf sowie kritischen Versorgungsphasen. Bei der Ernährung im Sport liege vor allem ein Optimierungsbedarf bei Makronährstoffen vor. Zudem sei es besonders wichtig, den erhöhten Flüssigkeitsbedarf zu kompensieren. Hinsichtlich Mikronährstoffversorgung gäbe es kein offensichtliches systematisches Defizit bei Sportlern. Der Kalorien- und Nährstoffbedarf sei durch eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung durchaus abzudecken (fettarm, viel Obst und Gemüse, ausreichend Flüssigkeit). Supplemente im Sport seien zu erwägen in Phasen hoher Belastungen, bei starker Gewichtsreduktion sowie bei besonderen Ernährungsformen. Eine Empfehlung einer generellen Supplementierung im Sport sei nicht gerechtfertigt.

Quelle: Österreichisches Akademische Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE)

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