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Der Streit ums faire Siegel

Große Aufregung im fairen Handel: Chocolatier Josef Zotter steigt aus Fairtrade aus und schmückt seine Schokoladen mit einem eigenen Zeichen. Warum das für Zotter der richtige Weg ist aber das Fairtrade-Logo trotzdem Sinn macht. Eine Analyse.

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Foto: Fairtrade/Sean Hawkey Fairtrade/Sean Hawkey

Sie kaufen eine Schokolade mit Fairtrade-Siegel. Schließlich möchten Sie, dass von Ihrem Genuss auch die Kleinbauern profitieren, einen fairen Preis erhalten, ihre Kinder zur Schule schicken und auch mal einen Arzt besuchen können. All das garantiert Fairtrade. Es garantiert jedoch nicht, dass in der Tafel, die Sie gerade kaufen, tatsächlich fair gehandelter Kakao drinnen ist. Grund dafür ist der sogenannte Mengenausgleich. Er erlaubt, dass bei der Verarbeitung fair gehandelte Zutaten mit konventionellen vermischt werden.

„Es kann doch nicht sein, dass man ein Fairtrade-Produkt kauft, und dann sind 98 Prozent konventioneller Kakao drinnen, und nur zwei Prozent sind fairtrade“, ärgert sich Chocolatier Josef Zotter. „In meiner Schokolade soll das drinnen sein, was außen draufsteht.“ Das will er auch zeigen. Mit einem eigenen Zeichen, dass er auf die Tafeln drucken lässt.

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Josef Zotter zeichnet seine Schokoladen mit einem eigenen Zeichen aus. Foto: Zotter Josef Zotter zeichnet seine Schokoladen mit einem eigenen Zeichen aus. Foto: Zotter

Was bedeutet Mengenausgleich?

Der Mengenausgleich vereinfacht die Produktion. Solange die fair eingekaufte Menge mit der gelabelten übereinstimmt, ist alles in Ordnung. „Wenn ein Schokoproduzent für zehn Tafeln fairen Kakao kauft und für 90 Tafeln konventionellen, darf er den gesamten Kakao gemeinsam verarbeiten, aber nur zehn Tafeln erhalten das Fairtrade-Logo“, erklärt Fairtrade-Österreich-Chef Hartwig Kirner. Eine Trennung der Zutaten sei zu teuer. „Davon haben aber die Bauern nichts“. Auch für Zucker und Fruchtsaft gilt die Mengenbilanz. Anders ist das bei Kaffee, wo tatsächlich nur fair gehandelte Bohnen in der Packung sind.

Um wieviel Geld es dabei tatsächlich geht, rechnet Josef Zotter vor: „Ich zahle 45 Cent mehr pro Tafel für die getrennte Verarbeitung“. Die Fairtrade-Prämie selbst falle kaum ins Gewicht. Nur 2,6 bis 2,8 Cent pro Tafel gehen an die Bauern. Ein Betrag, den sich wirklich jeder leisten kann.

Die EZA hält es ebenso wie Zotter: Sie gewährleistet die physische Rückverfolgbarkeit der Rohstoffe Kakao und Rohrzucker bis zu den Ursprungskooperativen. Das drückt sie mit dem orangen EZA-Logo zusätzlich zum Fairtrade-Siegel aus. Zotter: „Wir haben schon bisher mit der EZA zusammengearbeitet, um bei unseren Produkten die Rückverfolgbarkeit zu garantieren. Aber wozu brauche ich dann noch das Faitrade-Siegel? Nun ist Schluss damit.“

Wer profitiert nun vom Mengenausgleich?

Gewinner seien die großen Konzerne, meint Zotter. Derzeit machen drei Konzerne zwei Drittel des weltweiten Umsatzes mit Schokolade. Geht eine geplante Fusion durch, sind es künftig nur mehr zwei - Barry Callebaut und Cargill/ADM. „Das Fairtrade-Siegel pickt überall drauf und hat keinen Wert mehr. Und es hat ein echtes Problem, sich von Rainforest Alliance und UTZ abzugrenzen, die bei den meisten Standards nur Absichtserklärungen formulieren.“

Kirner hingegen betont, der Mengenausgleich diene auch den Kleinen, die sich keine getrennten Maschinen leisten können. „Bei Fairtrade geht es um die Bauern, denen das Geld zugute kommen soll, nicht um die Produktionsschritte.“ Deshalb sei es auch so wichtig, weite Teile des Schokomarktes auf fair umzustellen. „Wir haben in den letzten Jahren die zertifizierte Kakaomenge in Österreich verdoppelt und in Deutschland verzehnfacht.“ Der Markt wachse, weil man ein breites Publikum anspreche und nicht nur ein elitäres Segment. „Der Mengenausgleich bietet uns dafür viel bessere Möglichkeiten.“ Dennoch liegt der faire Anteil am Kakao-Weltmarkt nur bei etwa zwei Prozent.

Kinderarbeit, Löhne, die nicht zum Überleben reichen – das sind die dunklen Seiten des Kakaoanbaus. Und in der Elfenbeinküste ist die Situation besonders schlimm. Die halbe Weltmarktproduktion stammt aus dem afrikanischen Land, in dem der Staat den Kakaoanbau kontrolliert und die Hälfte der Bauern unter der Armutsgrenze lebt. Doch auch hier wird sich in den nächsten Jahren etwas ändern, erwartet Kirner.

Zotter kauft fairen Bio-Kakao direkt von Kleinbauern in Lateinamerika, wo die Produzenten schon sehr professionell agieren und Spitzenqualität produzieren – natürlich auch zu fast doppelt so hohen Preisen, als in Afrika.

Was kommt nach Fairtrade?

„Wir sind nun Mitglied bei der World Fair Trade Organisation (WFTO) und lassen unser Unternehmen als Ganzes nach fairen Richtlinien prüfen“, sagt Josef Zotter. Die WFTO ist ein Netzwerk von Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette – also von der Produktion bis hin zum Verkauf. Ihr liegen zehn Prinzipien des fairen Handels zugrunde, deren Einhaltung durch externe Prüfer kontrolliert wird.

Das Fairtrade-Gütesiegel hingegen ist ein Produkt-Gütesiegel. Es gibt keine Auskunft darüber, wie ein Hersteller als Gesamtunternehmen agiert.

„Wir müssen aufpassen, dass es jetzt nicht zu Nachahmern kommt“

Der Austritt Zotters zieht auch weniger seriöse Firmen auf den Plan. Er rät zur Vorsicht: „Einige Hersteller wittern jetzt ihre Chance, sich als fair zu bezeichnen, ohne in irgend einer Form zertifiziert zu sein. Sie schreiben einfach „fair trade“ oder „fair gehandelt“ auf ihre Produkte, beides sind nicht geschützte Zuschreibungen.“

Fazit:

Zotter steht für hohe Qualität, er kauft hochwertige Kakaosorten in Lateinamerika, zu guten Preisen und ist berühmt für seine kreativen Schokoladen. Bio und Rückverfolgbarkeit sind ihm wichtig. Das alles schlägt sich im Preis nieder und das soll auch in einem Zeichen abgebildet werden, um sich von der großen Masse abheben zu können.

Fairtrade prangt auch auf günstigen Schokoladen vom Diskonter, für die man gerade mal einen Euro bezahlt. Die Rückverfolgbarkeit kann um diesen Preis nicht garantiert werden, man wird auch kaum von der Pestizidreduktion im fairen Anbau profitieren. Den Kakaobauern weltweit eröffnet der faire Handel dennoch bessere Lebensbedingungen. Kirner: „Ich finde es sehr schade, dass Zotter nicht mehr dabei ist. Er hat das Bewusstsein für hohe Qualität gebildet und zeigt, dass gute Schokolade auch ihren Preis haben muss.“

Im Greenpeace-Gütesiegelcheck ging Fairtrade als Siegel mit hohem Anspruch hervor, im Gegensatz zu Zeichen, wie Rainforest Alliance oder UTZ, denen gerade mal ein mittlerer Anspruch attestiert wurde.

Autorin: ANNEMARIE HERZOG

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