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Wie viel Licht braucht ein Raum?

Jeder Raum lebt durch seine Licht­stimmung. Wie Sie Ihre Wohnung ideal belichten, erzählt Tageslicht­planerin Christina Brunner.

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Foto: Velux Velux

Schöne Lampen tragen viel zu einer gemütlicher Atmosphäre bei, aber Tageslicht, mit seinen positiven Effekten für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit, können sie nicht ersetzen. Welches Licht braucht der Mensch, um sich wohlzufühlen?

Brunner: Bei Lichtplanung wird meist an Designlampen und Leuchtmittel gedacht. Optimal ist aber eine Kombination aus Kunstlicht und Tageslicht. Der ständig wechselnde Charakter des natürlichen Lichts schafft Spannung und Dynamik, wie es keine künstliche Beleuchtung zu imitieren vermag. An einem bewölkten Tag wechseln direktes und diffuses Licht innerhalb kürzester Zeit ab. Schon in der Morgendämmerung gibt es draußen 50 Mal mehr Licht, als für Büros vorgeschrieben ist. Das natürliche Tageslicht sollte so gut und so lange wie möglich genutzt werden, auch im Sinne der Energie- und Kostenersparnis.

Gibt es Richtwerte für die ideale natürliche Belichtung eines Raumes?

Heute noch gilt das vorgeschriebene Verhältnis „Glasfläche zu Nutzfläche“. Zehn Prozent Glasfläche gelten aus ausreichend belichtend. Doch wer bestimmt die Position? Diese Vorgabe stammt noch aus Zeiten, in denen man um die Hygienezustände in Innenräumen besorgt war. Sie sagt wenig über die Belichtung eines Raumes aus. Fenster auf der Schmalseite eines langgestreckten Raumes bringen kaum noch Tageslicht in die Tiefe des Raumes. Das ist im großvolumigen Geschoßwohnbau häufig ein Problem, da man im Idealfall nur noch zwei Richtungen belichten kann. Manchmal nehmen Balkone oder auch andere starre Verschattungen noch zusätzlich an Licht weg.

Eine neue europäische Norm zu diesem Thema ist gerade in Arbeit. Sie bringt wesentliche Verbesserungen. Neben der Gleichmäßigkeit der Belichtung -  mindestens 300 lx auf mind. 50% der Nutzfläche verteilt und kein Punkt unter 100 lx im Raum - wird auch mehr Wert auf Aussicht und Direktlicht gelegt.
 

Bei einem Neubau kann man das berücksichtigen. Was aber in einem bestehenden Haus, ohne große Umbauten vornehmen zu müssen?

Im Altbau hat man meist sehr dicke Außenwände, die viel Tageslicht schlucken. Durch Abschrägen der Innenlaibung kann jedoch die Lichtausbeute wesentlich erhöht werden. Das ist grundsätzlich auch im Nachhinein umsetzbar, aber natürlich mit baulichen Maßnahmen verbunden.
Eine weitere, weniger aufwendige Verbesserung wäre die richtige Wahl der Materialien im Innenraum. Zum Beispiel könnte man bei der Laibung der Fenster zu Kalkanstrichen greifen, um die Reflexion des Tageslichts zu optimieren.

Bei einem Neubau sollte man dies in der Planungsphase berücksichtigen. Nach Innen aufgehende Laibungen, und idealerweise kein Sturz über dem Fenster, damit auch die Decke als Reflexionsfläche genutzt werden kann.

Welche Rolle spielt die Raumausstattung?

Helle, glatte Oberflächen haben eine höhere Reflexion und lassen den Raum wesentlich heller erscheinen. Raue oder auch dunkle Stoffe, wie Teppiche oder Vorhänge, absorbieren dagegen das Licht.

Dunkle Farben an der Decke können den Raum ebenfalls drücken. Der gerade so moderne Sichtbeton beispielsweise lässt einen Raum viel dunkler wirken. Mit einer hellen Decke wirkt der Raum höher. Das sollte aber nicht dazu verleiten, den ganzen Raum in weiß zu gestalten, da die Gefahr der Blendung bestehen könnte. Vor allem, wenn die Sonne scheint. Gottseidank haben wir nicht nur graue Novembertage, an denen jeder Sonnenstrahl gesammelt werden will.

Es gibt ja auch den umgekehrten Fall: zu viel Sonne in der Wohnung, was gerade im Sommer unangenehm ist.

Da zeigt sich eine Diskrepanz: in Architekturzeitschriften und auf dem Wohnungsmarkt werden sonnendurchflutet und hell als Qualitätskriterien geschätzt. Das wollen die Menschen sehen. Sobald sie aber selbst bauen, fürchten sie, dass es zu heiß und zu hell werden könnte. Direktes Licht würde Möbel und Böden ausbleichen. Dem kann man ganz einfach entgegenwirken. Zum einen mit flexiblen Beschattungen, zum anderen gibt es natürliche Öle, mit denen man Holz vor Ausbleichung schützen kann. Meistens hat man sowieso zu wenig Direktlicht im Innenraum!

Warum nicht einfach eine Lampe dazu schalten?

Die Natur verwöhnt uns mit perfektem Licht. Der Natur entsprechend würde der Mensch mit dem Licht aufstehen und mit Eintritt der Dunkelheit schlafen gehen. Nun verbringen wir aber 90 Prozent unseres Tages in Innenräumen und wollen die perfekten Bedingungen künstlich erschaffen. Wir spüren gar nicht mehr, dass uns natürliches Licht und frische Luft fehlen. Eine Umfrage zu guter Raumluft hat gezeigt, dass dabei viele Befragte an Raumsprays und Duftkerzen denken!

Ist das Licht von Tageslichtlampen besser und natürlicher?

„Tageslichtähnliches“ Kunstlicht kann manchmal eine Enttäuschung sein, da es sehr kalt und blau wirkt und unser Zuhause in ein steriles Licht taucht. Es gibt aber Tageslichtlampen, die richtig genutzt ihrem Namen Ehre machen.

Mit Kunstlicht kann man gezielt mit Farben oder Intensität bestimmte Effekte erreichen. Blaues Licht - wie zum Beispiel von unseren Handys oder Fernsehgeräte- bewirkt, dass die Produktion von Melatonin im Körper unterdrückt wird. Melatonin ist ein Hormon, das aus Serotonin produziert wird und den Tag-Nacht-Rhythmus des menschlichen Körpers steuert. Wir werden also munter und wundern uns, dass wir Probleme beim Einschlafen haben. Vor allem ältere Menschen sind das sehr empfindlich.

"Nachmittags-Tageslicht ist um 500 bis 1000 Mal heller als Bürolicht! Die beste Beleuchtung kann einen Spaziergang im Freien nicht ersetzen".

Dipl.Ing. Christina Brunner ist zuständig für Tageslicht Planung und Berechnung bei VELUX.
Weitere Infos: www.velux.at/lichtplanung

 Das Interview führte: Annemarie Herzog

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