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Welche Kompetenzen brauchen wir?

„Kinder halten uns immer den Spiegel unserer erwachsenen Gesellschaft vor Augen!“ Interview mit Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger

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Martina Leibovici Mühlberger Matthieu Munoz

Alte, starre Systeme zerbröckeln, Vielfalt und Veränderung prägen unsere heutige Gesellschaft. Welche Kompetenzen brauchen wir dafür?

Martina Leibovici-Mühlberger: Wir leben in einer Geschwindigkeits- und steigerungsverliebten Gesellschaft hoher Komplexität. Der isoliert in seinem Studierzimmer sitzende Gelehrte, der irgendwann mit einer bahnbrechenden Erfindung aus seinem Denkraum tritt, stirbt aus. Kollaboratives Zusammenarbeiten, die Fähigkeit, in einer Gruppe Führung zu übernehmen und auch wieder abgeben zu können, die Bereitschaft, Leben als einen permanenten lebenslang begleitenden Lernprozess zu begreifen und hohe Flexibilität zu entwickeln, sind sicher die wesentlichsten Kompetenzen, um das Leben erfolgreich gestalten zu können.
 

Was sollen Kinder lernen, um mit diesen Herausforderungen gut umgehen zu können?

Kooperation und Teamfähigkeit, die Bereitschaft sich selbst kritisch zu reflektieren und nicht an einer einmal etablierten Position ängstlich festzuhalten, sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Lebenszukunft unserer Kinder. Um diese Eigenschaften zu entwickeln, brauchen sie ein stabiles Selbstbewusstsein. Gemeint ist dies im Sinne eines „sich selbst seiner bewusst sein”. Dafür müssen Kinder einerseits erfahren, dass sie geliebt werden, also um ihrer selber und nicht irgendeiner Leistung willen. Andererseits braucht es für die Entwicklung eines stabilen Selbstwerts genügend Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, also dem gelebten Wissen, dass ich etwas zu bewirken vermag.
 

Wie können wir ihren Selbstwert stärken?

Nicht permanentes Loben und das Feiern jeder Lebensäußerung des Kindes ist der Königsweg, wenngleich diese Tendenz stark beobachtbar ist. Das mag zwar gut gemeint sein und vielleicht auch der grundsätzlichen Begeisterung der Eltern von ihrem Kind Ausdruck verleihen, bewirkt aber letztendlich genau das Gegenteil. Wir erziehen damit erfolgsverwöhnte Prinzen und Prinzessinnen, die eine selbstzentrierte Realitätskonstruktion entwickeln, die sich jedoch nur im engen Teich ihres Bezugsfelds bewährt und soziale Spannungen vorprogrammiert.
 

Stichwort verwöhnte Prinzen und Prinzessinnen: Sind unsere Kinder wehleidig und leistungsverweigernd?

Unsere Kinder sind vielschichtig und lebendige Vertreter unserer Gesellschaft. Sie saugen wie Schwämme jegliche Information aus der Umgebung auf und stricken daraus ihr Weltbild. Dabei machen Kinder natürlich die unterschiedlichsten Erfahrungen. Wenn wir jetzt feststellen müssen, dass wir immer mehr wehleidige, leistungs- und verantwortungsverweigernde Kinder antreffen, so müssen wir uns fragen, was diese Kinder denn in unserer so saturierten Konsumgesellschaft erleben müssen, dass sie sich so entwickeln, denn Kinder halten uns immer den Spiegel unserer erwachsenen Gesellschaft vors Gesicht.

Interview: Annemarie Herzog
 

Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger ist Ärztin und Psychotherapeutin. Sie leitet die ARGE Erziehungsberatung und Fortbildung GmbH.

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