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Viren im Anflug

Wer sich bewegt, tut seinem Körper etwas Gutes – doch gilt das auch im Krankheitsfall? Warum uns Viren nicht zwingend vom Training abhalten müssen, erklärt der Linzer Sportmediziner Dr. Helmuth Ocenasek im Interview.

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Dr. Helmuth Ocenasek ist Sportmediziner in Linz Dr. Helmuth Ocenasek ist Sportmediziner in Linz

LEBENSART: Erste Symptome einer Erkältung, wie leichter Schnupfen oder Halsweh sind im Anmarsch. Was nun – ist ein leichtes Training jetzt noch erlaubt oder vielleicht sogar positiv?

Helmuth Ocenasek: Üblicherweise hört man: „Wenn jemand krank ist, Fieber hat und antibiotisch behandelt wird, darf er nicht trainieren.“ Dieser Satz ist falsch! Ein halbwegs intelligenter Sportler, der regelmäßig trainiert, kennt seine übliche Herzfrequenz und seinen Pulsbereich. Angenommen, der Puls am Fahrradergometer liegt für gewöhnlich bei 120, bei 70 Watt Leistung. Da müssen noch nicht einmal Symptome da sein, der Sportler wird merken, dass das Training heute deutlich anstrengender ist, und das bei nur 50 Watt. Der Puls liegt nun bereits bei 140 bis 145, er wundert sich, was denn nur los ist mit ihm. Der Körper zeigt ihm also, dass ein unspezifischer Infekt im Anflug ist. Dies soll bedeuten: Du kannst schon etwas tun, aber tue es langsamer.

Training ist also erlaubt, wenn man es nicht übertreibt?
Krankheit und normales Training sind zu viel. Das Training sollte reduziert und an die leichte Erkrankung angepasst werden. Also keinesfalls versuchen, 70 Watt Leistung zu bringen, um beim Beispiel zu bleiben. Je kränker jemand ist und umso höher das Fieber steigt, desto schwerer ist auch die Krankheit. Verschreibt der Arzt ein Antibiotikum, so ist das ein Zeichen, dass es kein harmloser Infekt mehr ist, sondern zum Beispiel eine Lungenentzündung daraus werden könnte. Je kränker man ist, umso weniger Ressourcen stehen dem Körper zur Verfügung. Liegt bereits der Ruhepuls bei Werten um die 100, so ist nun auch kein Training mehr möglich.

Gibt es hier Unterschiede zwischen Hobby- und Leistungssportlern, was das Training bei Infekten angeht?
Leistungssportler sind sehr gut trainiert und haben große Leistungsreserven. Sie können also auch bei Krankheiten viel länger trainieren. Ein gut trainierter Ausdauersportler ist zudem seltener krank, denn Ausdauertraining trainiert das Immunsystem! Dazu gibt es sehr gute Daten, die das belegen. Vorausgesetzt, die Sportler trainieren richtig. Ein Ausdauersportler wie zum Beispiel ein Marathonläufer, ist weniger oft krank. Nach einem Wettkampf ist er dafür allerdings auch doppelt bis dreifach so infektanfällig. Da ist so ziemlich alles ruiniert, auch das Immunsystem. Das gilt für die ersten 14 Tage nach dem Wettkampf, danach ist das Immunsystem wieder auf Vordermann.

Wann sollte man im Krankheitsfall auf jeden Fall das Bett hüten und auf Sport verzichten und warum?
Wenn jemand wirklich hohes Fieber hat und schwer krank ist, dann kann das gefährlich werden. Ein übergangener, nicht ernst genommener Infekt ist eine der Ursachen (im Alter von 30-45 Jahren), die zu einer Herzmuskelentzündung (Myokarditis) führen kann. Wird der Infekt übergangen und mit Medikamenten schachmatt gesetzt, so dass man kein Fieber mehr hat, dann ist das genauso schädlich.

Wenn man Medikamente nimmt, kann man dann noch richtig einschätzen, ob und wieviel man trainieren kann?
Nimmt man Medikamente, sollte man sich bewusst machen: aha, ich habe deshalb kein Fieber, weil ich Medikamente geschluckt habe. Daher sollte man in diesem Fall nicht trainieren, auch wenn man sich besser fühlt.

Gilt das nur für virale Infekte oder auch für bakterielle?
Ein Infekt ist zu 90 Prozent ein viraler Infekt, eine „common cold disease“, also ein unspezifischer viraler Infekt mit Husten und Schnupfen. Erst nach über sieben Tagen mit diesem viralen Infekt ist das Immunsystem so kaputt, dass sich Bakterien auf den viralen Infekt setzen können. Daher sollte in den ersten fünf Tagen auch kein Antibiotikum verordnet werden. Normalerweise wird man nach fünf bis sieben Tagen von selber gesund, auch ohne Medikamente. Ist man nach sieben Tagen noch immer nicht gesund, muss man noch einmal nachsehen, was los ist.

Angenommen, jemand ist richtig krank und muss mit Antibiotika behandelt werden. Ab wann kann man nach einer solchen bakteriellen Erkrankung wieder trainieren?
Wenn man richtig krank war, sollte man das Ende der Antibiotika-Therapie abwarten. Ungefähr zwei bis vier Tage später kann man davon ausgehen, dass es wieder passen sollte. Wer genau wissen möchte, ab wann er wieder normal trainieren kann, dem empfehle ich, bereits im Vorfeld regelmäßig Tagebuch zu führen. Messen Sie jeden Tag vor dem Aufstehen noch im Bett liegend Ihren Ruhepuls. Während der Erkrankung werden Sie merken, dass der Ruhepuls spezifisch höher ist. Die Ruhepulsbeobachtung sagt einem dann auch ganz genau, wann man wirklich wieder gesund ist und folglich wieder normal trainieren kann.

Also am besten auf den eigenen Körper achten und das Training an die Erkrankung anpassen, kann man das so zusammenfassen?
Genau, auf den Körper hören, denn die Krankheit ist eine zusätzliche Belastung für ihn, die die Leistungsfähigkeit einschränkt. Man sollte keinesfalls missachten, dass man krank ist.

 

Infos:
Dr. Helmuth Ocenasek ist Sportmediziner in Linz. Er betreut neben Freizeit- und Leistungssportlern auch Sportler während so genannter „Ultra-long-distance“-Wettbewerben, die länger als 24 Stunden dauern. www.sportmediziner.at

Autorin: Sonja Tautermann

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