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Vegane Fleischtiger?

Was legitimiert uns, Tiere zu töten? Sie finden die Frage übertrieben für den Einstieg? Ist sie nicht. Es ist die Frage aller Fragen, wenn es darum geht, den Konflikt zwischen Vegetariern und Carnivoren zu verstehen.

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In meiner Antwort kommt die Paradoxie klar zum Ausdruck. Ich bin bekennender Fleischesser. Nicht nur. Trotzdem. Wenn es um die Frage der Legitimität geht, bin ich davon überzeugt, dass wir keine haben. Wir töten Tiere und essen ihr Fleisch, und jeder muss für sich entscheiden, wie er damit klarkommt. Manche Rechtfertigungen beziehen sich auf unsere Vorfahren, unser Verdauungssystem oder darauf, dass unsere Eckzähne irgendwann einmal Reißzähne waren. Andere gehen einen Schritt weiter und unterstellen einen „Pakt“ zwischen Mensch und Tier, in dem wir den Nutztieren Nahrung und Schutz vor ihren Feinden gewähren. Am Ende bekommen wir ihr Leben dafür. Dieser Pakt ist archaisch, und der Gedanke gefällt mir. Was mir nicht gefällt ist, dass wir den Vertrag zu unseren Gunsten verändert haben.

Sie fragen sich, warum ich eine Grübelei über vegetarische Ernährung mit einem üppigen Absatz über Fleisch beginne? Weil ich unglaublich irritiert bin. Ich halte vegetarische Erhährung für zukunftsweisend, kulinarisch hochgradig spannend und in hohem Maße vernünftig. Der Trend ist unübersehbar. Kräuterwanderungen und Pilzkochkurse boomen. Pflanzenkochbücher und vegetarische oder vegane Produktlinien im Supermarkt ebenso. Was mich aber massiv wundert ist die Tatsache, dass es ohne das Konzept „Fleisch“ scheinbar (noch) nicht geht. Damit ist in erster Linie der Lebensmittelhandel und die Gastronomie gemeint. Sogar auf der letzten BioFach war das zu spüren. „Veggie“ ist zwar ein veritabler Trend, aber wenn der Seitan nicht die Form eines Schnitzels hat, geht gar nichts. Von „vegetarischen Bratwürsteln“ übers „Soja-Gulasch“ hin zu „Veggie-Burgern“. Die ganze Kreativität der Köche und Food-Entwickler wird dafür verbraten (!), möglichst fleischnahe fleischlose Gerichte zu kreieren.

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Bitte nicht falsch verstehen. Ich finde den Trend großartig. Ich bin dafür, dass ein Hollywoodstar, der zwar kein Vegetarier ist, aber vegetarische Convenience Produkte super findet, dabei hilft, den Fleischkonsum im Land zu senken. Aber diese mentale Barriere, alles über Fleisch zu definieren, müssen wir hinter uns lassen. Das müssen wir schaffen.

Eine, die uns dabei helfen kann, ist Katharina Seiser. Ihr Buch „So schmecken Wildpflanzen“ war (und ist immer noch) ein Renner unter den Kochbüchern. Immer mehr Anhänger zupfen sich ihre Zutaten von der Wiese oder von Sträuchern. Im Herbst kommt ein vegetarisches Kochbuch heraus. Die Rezepte sind getippt, die Bilder im Kasten. Wer nicht auf den Herbst warten will, greift einfach zu Sigrid Gasser‘s „Salate. einfach, frisch, vielseitig“, erschienen im Löwenzahn Verlag. Oder zu Jutta Grimm‘s „Vegetarisch Grillen“, Verlag Pala. Denn aufs Grillen will wahrlich niemand verzichten.

Autor: JÜRGEN SCHMÜCKING

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