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Wohnen im Tinyhouse

Tinyhouse, Smarthouse, Mikrohaus & Co. Kleiner Wohnen heißt nicht unbedingt eingeschränkt zu sein. Wie es sich darin lebt, zeigt ein Beispiel für kleinräumiges Wohnglück.

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Ilse Bari

Jeder Baum in Ilses Garten trägt ein Namensschild. „Das sind Namen von Menschen, die mir liebgeworden sind“, sagt Ilse aus Niederösterreich. Nicht minder ungewöhnlich ist das winzige Haus, das in diesem Garten steht und das Ilse ihre „kleine Nussschale“ nennt. Der anthrazitfarbene Kubus wurde im Mai 2013 fix und fertig samt Einbauküche im LKW antransportiert und vom Kran auf dem errichteten Keller platziert. Die Wohnnutzfläche beträgt cirka 35 Quadratmeter.

Nachdem ihre Tochter aus der gemeinsamen Wohnung im 10. Wiener Bezirk ausgezogen war, blieb Ilse allein auf 80 Quadratmetern zurück. „Ich habe mehr und mehr Gegenstände gekauft und in die Wohnung gestellt, um die entstandene Leere zu füllen.“ Sie war noch berufstätig, arbeitete oft bis spät abends oder ging aus, um keine Einsamkeit aufkommen zu lassen. „Die Zeit in der Wohnung habe ich hauptsächlich mit schlafen und putzen verbracht“. In dieser Phase besuchte sie häufig eine Freundin im türkischen Südostanatolien. Land, Leute und Lebensweise faszinierten Ilse. Nach ihrer Pensionierung beschloss sie, für zweieinhalb Jahre in der Türkei zu leben. Schnell merkte sie, dass sie sich in dem kleinen einfachen Apartment an der türkischen Ägäis nicht so verloren fühlte wie in der großen Wiener Wohnung.
 

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Troppmann

Zurück in Österreich schmiedete Ilse den Plan, auf einem geerbten Grundstück in ihrer Herkunftsgemeinde ein kleines Häuschen zu bauen. „Ich habe mir zwei Fragen gestellt: Was brauche ich zum Wohnen? Und was kann ich mir finanziell leisten?“ Die Antwort war ein Mikrohaus „Ich habe all meine Wünsche in dieses schöne Projekt gegossen“, sagt Ilse während sie durch ihr Heim führt. Es ist klein wie eine Ferienhütte in den Bergen, aber hell und modern. Um den Räumen mehr Tiefe zu geben, brachte Ilse an manchen Wänden Spiegelflächen an und setzte farblich auf Weiß und Grau. Farbtupfer sind die von ihr gemalten Ölbilder, Kopien von Werken Amadeo Modiglianis und Tamara Lempickas.

Die Räume sind hintereinander angeordnet. Den meisten Platz nimmt der Wohn-, Koch- und Essbereich ein, in dem auch Hund Elvis und Kater Pauli herumtollen. Hinter einer Schiebetür verbergen sich WC und Dusche, die auch von der daran anschließenden „Schlafkammer“ zugänglich sind. Ein winziges Arbeitszimmer und ein Abstellbereich komplettieren das Raumangebot.

Die wenige benötigte Wärme für das Niedrigenergie-Haus wird thermostatgesteuert von zwei an der Wand und einem an der Decke montierten Infrarotpaneelen erzeugt.

Weniger Platz – mehr Freiheit

Auf die Frage nach Freiheitseinbußen durch die Beschränkung auf weniger Raum entgegnet Ilse: „Ich habe endlich einen Schuh an, der mir passt.“ Im Vergleich mit dem Leben im Wiener Gemeindebau empfinde sie sich als viel freier und selbstbestimmter. Und dann ist da auch noch der Garten, der weiterer Lebens- und Erholungsraum und Puffer zur Außenwelt ist. „Trotz des kleineren Raumangebotes endlich genug Raum für die Seele“, wie Ilse sagt.

Die mit der Übersiedlung nötige Trennung von Möbeln und anderen Gegenständen fiel Ilse leicht. Bergeweise habe sie gelesene Literatur weg gegeben und nur die wichtigsten Bücher behalten. Auch was Interieur und Kleidung betrifft, meint sie, sei sie gesättigt von früher, habe sich von allem Ballast des früheren Lebens befreit. Jetzt, wo sie nicht mehr berufstätig sei und es weniger gesellschaftliche Anlässe gebe, habe sie ein paar Lieblingsstücke, die sie meistens trage. Was sie vermisst, sind ihre sozialen Kontakte, Freunde und Freundinnen in Wien. Vielleicht daher die Namensschilder auf den Bäumen.

Autorin: Gudrun Troppmann

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