zum Inhalt springen

7 Mobilitätsmythen im Faktencheck

Um alle Mobilitätsformen ranken sich Mythen – von der magischen Zahl, die uns ein Schrittzähler vorgibt, über Fahrrad und öffentlichen Verkehr, Elektro- und Wasserstoffautos bis zum Flugzeug, das angeblich einfach immer schneller als der Zug ist: Wir gehen auf die Reise.

Verschiedene Verkehrsmittel umrahmen den Schriftzug
liga.co.at

10.000 Schritte tun?

10.000 Schritte am Tag, das sind etwa sechs bis acht Kilometer und zwischen 200 und 400 Kilokalorien. Gesunde Erwachsene gehen durchschnittlich 4.000 bis 18.000 Schritte pro Tag. 10.000 Schritte sind also nicht völlig abwegig, auch wenn die Grenze recht willkürlich 1964 vom Unternehmen Yamasa ausgewählt wurde, um damit den ersten tragbaren Schrittzähler zu vermarkten.
In Wirklichkeit sagt die Anzahl der Schritte wenig über Anstrengung und Bewegung aus. Das Bewegungsausmaß, das einen wirklich gesundheitsfördernden Effekt hat, ändert sich zudem mit dem Alter und Gesundheitszustand (z. B. senken bereits bis zu 7.500 Schritte die Sterblichkeit von Frauen im höheren Alter). Für erwachsene gesunde Menschen wird jedenfalls eine halbe Stunde moderate Bewegung pro Tag empfohlen. Diese können bereits in 8.000 Schritten zurückgelegt werden, schnell gehen ist dabei ebenso erlaubt wie eine stückweise Steigerung der täglichen Aktivität.

Ist Radfahren gefährlich?

2018 waren etwa 18 Prozent aller Verletzten und zehn Prozent der Getöteten im Straßenverkehr mit dem Rad unterwegs. Radfahrende wurden also ungefähr so häufig im Straßenverkehr verletzt wie Motorrad-/Moped-Fahrende und kamen gleich oft zu Tode wie Fußgänger*innen.
Etwa 30 Prozent der Unfälle mit Fahrradbeteiligung geschehen im Kreuzungsbereich. „Dort kommt es oftmals zu Missverständnissen“, erklärt ÖAMTC-Unfallforscher David Nosé. Kommunizieren Sie also – suchen Sie den Blickkontakt, um zu erkennen, ob der jeweils andere Sie sehen kann und auf Sie reagiert. Weitere 30 Prozent der Unfälle sind Stürze ohne Beteiligung anderer. Diese resultieren oft aus mangelnder Fahrpraxis oder Routine. Angehende Alltagsradler*innen können sich helfen, indem sie ihre neue Wegstrecke an einem freien Tag bei wenig Verkehr und ohne Termindruck kennenlernen. Für alle lohnt sich: Finden Sie mit Radkarte oder Routenplaner eine gute Route und lernen Sie ihr Fahrrad – bei ungewohnten Witterungen oder nach Wartung erneut – kennen. Radfahren wird sicherer, je mehr Personen mit dem Rad unterwegs sind. Dabei geht es um Sichtbarkeit, aber auch um Multimodalität. Wer abwechselnd mit Auto, Rad oder zu Fuß unterwegs ist, kennt – wortwörtlich – die Sichtweise der anderen und entschärft damit schwierige Stellen im Verkehr.

Weitere Tipps um als Radfahrer*in sicher unterwegs zu sein, gibt es bei der Radlobby.

Grafik zeigt das Gesundheitsrisiko von Radfahren durch die Auswirkung von Luftverschmutzung und Verkehrsunfälle auf die Lebensdauer (-21 bzw. -7 Tage) versus dem Gesundheitsnutzen der körperlichen Bewegung (+240 Tage).
Grafik: liga.co.at, nach VCÖ 2019

Sind öffentliche Verkehrsmittel gefährliche Keimschleudern?

Nicht erst seit COVID-19 trauen viele den Oberflächen in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht. Zu Unrecht: „Die Mehrheit der Mikroorganismen, mit denen Öffi-Benutzer*innen in der U-Bahn in Berührung kommen, sind harmlos oder sogar hilfreich“, so Alexandra Graf, Mikrobiologin an der FH Campus Wien. Ihr Team schickte Testpersonen auf verschiedenen Routen mit der U-Bahn durch Wien und entnahm vor und nach der Fahrt Abstriche der Handflächen. Die Forscher*innen entdeckten nach der U-Bahnfahrt eine klar höhere Mikrobiom-Diversität. Die meisten der bekannten Mikroben stammen vom Menschen selbst sowie von Pflanzen und Tieren, die mit Lebensmitteln assoziiert sind. Rund die Hälfte der untersuchten DNA konnte nicht zugeordnet werden. „Das ist nicht außergewöhnlich“, erklärt Graf. „Diese sind oftmals nur mit zusätzlichen Experimenten identifizierbar.“ Im Normalfall sollten uns Haltegriffe und Stangen keine Sorgen bereiten. „Ein diverses Mikrobiom ist tendenziell für unsere Gesundheit besser als ein weniger variantenreiches“, so Graf. Zudem bleibt das Mikrobiom, das wir aus der U-Bahn mitnehmen, nicht permanent auf uns. Es wird vom eigenen Hautmikrobiom überwachsen, das uns so schützt. Auch, so die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), spielten Haltegriffe und andere Oberflächen bei der Übertragung von COVID-19 bisher keine wichtige Rolle – wohl aber der direkte persönliche Kontakt von mehr als 15 Minuten und einem Abstand von unter einem Meter.

Kommen E-Autos nicht weit?

Reichweitenangaben sind eine Wissenschaft für sich. Im Betrieb sind sie von Fahrweise und Geschwindigkeit, Topographie und Witterung sowie Heizung bzw. Klimaanlage abhängig. Angaben nach dem „neuen europäischen Fahrzyklus“ (NEFZ) geben Laborbedingungen wieder und liegen deshalb deutlich über der echten Reichweite. Angaben nach dem „Environmental Protection Agency“(EPA)-Prüfzyklus berücksichtigen Heizung bzw. Klimaanlage, sind aber immer noch ca. 15 bis 20 Prozent höher als reale Werte. Darum wurde 2017 WLTP („Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure“) eingeführt – ein realitätsnäherer Standard. In der Mittelklasse sind mittlerweile 200 bis 300 Kilometer Reichweite im realen Fahrbetrieb Standard – also deutlich weiter als 94 Prozent aller Autofahrten in Österreich, die nämlich kürzer als 50 Kilometer sind (Durchschnitt: 34 Kilometer). Mit neuen Batterietypen könnten auch noch höhere Reichweiten erreicht werden – so liegt beispielsweise die Prognose für die Feststoffbatterie bei 700 Kilometern.

Ist die Batterie bei E-Autos nicht ein Riesenproblem?

Die Batterie gilt nicht umsonst als Herzstück und Knackpunkt von Elektroautos. Von den Rohstoffen bis zur Entsorgung stellt sie uns vor Herausforderungen. Lithium-Ionen-Akkus sind der am weitesten verbreitete Typ. Die Rohstoffgewinnung ist in mehreren Aspekten – sozial bis ökologisch – problematisch. Hier braucht es dringend nachhaltige Entwicklungen. Und diese sind nicht nur für Elektromobilität relevant: Lithium-Ionen-Akkus finden sich überall – vom Mobiltelefon bis zum Speicherkraftwerk. Das ist eine Chance: Die Lebensdauer einer Lithium-Ionen-Batterie beträgt im E-Auto mindestens zehn Jahre, ausgelegt ist sie auf 15. Die Akku-Kapazität sinkt dabei nur geringfügig, weswegen die Batterie danach ein zweites Leben aufnehmen kann – beispielsweise als stationärer Pufferspeicher in Gebäuden. Und weil in so vielen Bereichen Lithium-Ionen-Batterien eingesetzt werden, wird auch Recycling immer interessanter. Eine Prognose besagt, dass im Jahr 2050 das Batterierecycling 40 Prozent des weltweiten Rohstoffbedarfs decken könnte.

Und die Umweltbilanz?

In jedem Fall gilt: Je größer der Akku, desto schlechter die Umweltbilanz – deshalb sollte man darüber nachdenken, welche Kapazität und Reichweite man wirklich braucht. „Wie alle PKWs haben auch E-PKWs negative ökologische Auswirkungen“, sagt das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung – wenn diese auch indirekt und nicht lokal bei der Nutzung entstehen. Sie zeigen, wie wichtig eine Verkehrswende insgesamt gesehen ist. Über ihren gesamten Lebenszyklus weisen E-Autos beim österreichischen Energiemix jedenfalls eine deutlich bessere Umweltbilanz und 70 bis 90 Prozent weniger CO2-Emissionen auf als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.

Sicher oder brandgefährlich?

Fragt man Expert*innen, so ist das einhellige Fazit, dass E-Autos komplizierter, aber nicht gefährlicher sind als normale Autos. Mittlerweile sind die Sicherheitsstandards allgemein hoch. So unterbricht ein ausgelöster Airbag den Stromfluss und damit die elektrische Gefährdung. In Crashtests schneiden E-Autos gut ab – die Akkus wurden in verschiedenen Szenarien kaum in Mitleidenschaft gezogen und damit nicht entzündungsgefährdet. Viele Feuerwehren sind auch bereits auf den Einsatzfall E-Auto geschult. Sollte eine Batterie tatsächlich einmal in Brand geraten, so kommen spezielle Löschlanzen zum Einsatz, die in das Akkugehäuse geschlagen werden.

Wasserstoffautos: Ist „H“ das neue „E“?

Wasserstoffautos funktionieren über eine Brennstoffzelle, in der Wasserstoff mit Luft reagiert und so Strom erzeugt. Dieser treibt den Motor an. Quasi ein Auto mit Kraftstoff, aber ohne schädliche Abgase bzw. ein E-Auto ohne Batterie – also das Beste aus beiden Welten? Schnelles Tanken, große Reichweite und Wasserdampf als Abgas können Euphorie auslösen – oder Stirnrunzeln. Denn häufig wird Wasserstoff als nachhaltige Technologie angepriesen. Laut Verkehrsclub Österreich wird er weltweit jedoch fast nur aus fossilen Quellen bezogen – nur ein Prozent wird mittels erneuerbarer Energie, durch die Spaltung von Wasser, gewonnen. Und wenn es sich um solchen „grünen Wasserstoff“ handelt, lohnt sich der Einsatz in PKWs kaum: Von einer Kilowattstunde Strom kommen beim H-Auto nur zwischen 20 bis 30 Prozent auf der Straße an – beim E-Auto sind es immerhin knapp 70 Prozent. Dies liegt an Verlusten bei den Umwandlungen von Strom zu Wasserstoff und zurück. Für die gleiche Fahrleistung muss also mindestens das Doppelte an Ökostrom aufgewendet werden. Wasserstoff hat aber durchaus seine Berechtigung: Bei sehr hohen Reichweiten oder hohem Fahrzeuggewicht kann er einen Vorteil gegenüber Batterieantrieb bieten. Und auch in der Industrie kann Wasserstoff sinnvoll eingesetzt werden. Lassen wir ihn dort!

Grafik der Wasserstoffquellen: 99% nicht erneuerbar, 1% erneuerbar. Wasserstoff wird aus Kohle, Erdgas, als Nebenprodukt aus Raffinerien bzw. aus Elektrolyse hergestellt.
Grafik: liga.co.at, nach VCÖ 2019

Ist Fliegen immer schneller?

Im direkten Vergleich von Zug und Flug werden Anreisewege und Check-in-Zeiten oft nicht eingerechnet. Wie schneiden die beiden in einem möglichst fairen Vergleich ab? Wir haben es uns angesehen und für jede Stadt einen neutralen Ausgangs- und Endpunkt gewählt. Wir nehmen dabei an, dass die Fahrt zu Bahnhof oder Flughafen mit öffentlichen Verkehrsmitteln erfolgt, man am Bahnhof zehn Minuten vor Abfahrt, am Flughafen 75 Minuten vor Abflug eintreffen möchte und nach Ankunft zehn bzw. 30 Minuten bis zum Ausgang von Bahnhof oder Flughafen braucht. Und wir finden: Es gibt solche und solche Strecken – die Unterschiede sind nicht so groß, wie man vermutet hätte. Wirft man einen Blick in Länder mit Hochgeschwindigkeitszügen oder auch in Städte, die keine Direktflugverbindung aufweisen, dann ist der Zug eindeutig im Vorteil.

Grafik vergleicht die Reisezeiten zwischen Flugzeug und Zug: Wien-München Flug um 41 min schneller, Innsbruck-Venidig gleich schnell, Wien-Budapest Zug um 40 min, Paris-Marseille um 50 min und Linz-Graz um 3 Stunden 20 Minuten schneller.
Grafik: liga.co.at

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen