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Im Land der Kogi Indianer

Ich will helfen – doch sie wollen meine Hilfe nicht. Erst nach und nach verstehe ich, was mir die Ältesten da sagen. Die Kogi wollen in Ruhe gelassen werden. Sie wollen so weiterleben, wie sie es seit Jahrhunderten tun.

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Die Kogi-Indianer leben im Gebirge der Sierra Nevada, in Nordkolumbien. (Foto: Oliver Driver)

Die Kogi wollen keine Decken, kein Essen, keine Beratung, keine Schulen. Sie möchten einfach nur leben – auf ihrem angestammten Land mit ihren Jahrtausende alten heiligen Stätten.

Die Kogi-Indianer sind eines der letzten Völker dieser Erde, das sich seine ursprüngliche Kultur erhalten konnte, indem sie sich auch heute noch radikal nach außen abschotten. Nach Ankunft der spanischen Eroberer um 1500 zogen sie sich immer höher in die Berge der Sierra Nevada zurück. Sie selbst bezeichnen sich als die Älteren Brüder. Alle anderen Menschen sind die Kleinen Brüder, die vor langer Zeit das Land der Kogi über das große Wasser verlassen haben.
In ihrem Verständnis wurde die Welt erschaffen, indem die Große Mutter eine Webspindel in das Gebirge der Sierra Nevada, Nordkolumbien, stieß. Es entstanden neun Welten, wir Menschen leben in der fünften, mittleren Welt. Alles Leben entstand in der Sierra Nevada, diesem höchsten Küstengebirge der Erde, wo karibische Strände und tropisch-feuchter Dschungel auf Wüste, Nebelwald und schneebedeckte Berge treffen. Noch heute sehen sich die Kogi als Hüter der Erde. Die Aufgabe der Mámus, der Priester, Weisen und Schamanen, ist es, für Yulúka, für das Gleichgewicht auf allen geistigen und materiellen Ebenen zu sorgen.

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Foto: Oliver Driver

Leicht mag man angesichts der malerischen Fotos an den Edlen Wilden denken. Das sind die Kogi nicht, Sie sind ein geistig hoch entwickeltes Volk, das andere Schwerpunkte für seine Welt gewählt hat. Ihre Vision eines erfüllten Lebens ist nicht die unsere. Sie sind auch nicht nur Eins mit der Natur, wie mancher heute die Indianer mystifiziert. Für solche Sentimentalitäten haben sie in ihrem harten Alltag keine Zeit. Sehr klar haben sie erkannt, dass sie die Erde nicht mehr alleine retten können.

Ihre Botschaft und Bitte ist: „Wir sind da, um dieses Gebirge zu beschützen, denn so beschützen wir die Erde und die Welt. Alle Gebirge liegen im Sterben, denn der Kleine Bruder zerstört sie, indem er Kohle und Öl daraus hervorholt und die Erde überwärmt. Wir sind dafür nicht verantwortlich, aber wir leiden darunter. Wir sind die Großen Brüder, es liegt in unserer Verantwortung, über die Erde und die Welt zu wachen. Wir müssen das Gleichgewicht bewahren, und wir führen dafür die ganze spirituelle und geistige Arbeit aus. Wir sind traurig, zu sehen, dass nicht alle Menschengruppen das tun, was sie tun sollten, um die Erde zu achten. Wir brauchen den Kleinen Bruder, damit er uns hilft. Ihr müsst die Erde und die Welt verstehen lernen. Der Kleine Bruder muss uns helfen, unsere Erde wieder zurückzuerhalten. Helft uns, das Herz der Welt zu schützen!“

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Foto: Oliver Driver

In meinen Treffen mit den Mámus haben wir beschlossen, dass ich die Botschaft der Kogi auch im deutschsprachigen Raum verbreiten helfe. Die in Gründung befindliche Organisation Kaleshe wird die Interessen der Kogi bei uns vertreten. Ein Teil der finanziellen Mittel soll aus dem Verkauf eines besonderen Urwaldkaffees bestritten werden. Dieser Kaffee wird von Fachleuten bereits für seinen hervorragenden Geschmack gelobt (85 Punkte SCAA), hat Bio-Qualität, ist fair gehandelt und wird nachhaltig ohne Zwischenhändler importiert und verarbeitet. Als Symbol für die Zusammenarbeit der älteren Brüder mit uns soll er ein Bindeglied zwischen den Völkern sein. Er steht für Gemeinschaft und Balance, er erinnert uns daran, dass wir alle für das Gleichgewicht der Erde verantwortlich sind, ein Kaffee, der verbindet.
1600 Familien bauen in Höhen von 800 bis 1700 m diesen Kaffee an, sie erhalten deutlich über den Weltmarktpreisen liegende Preise. Ein weiterer Teil der Erlöse wird zudem dafür verwendet, die heiligen Stätten der Kogi zurückzukaufen. Ohne diese heiligen Stätten können die Mámus ihre spirituelle Arbeit nicht vollziehen, was in ihren Augen das Überleben der gesamten Kultur gefährdet. Nur wenn die Mámus das komplexe Weltbild der Kogi weiterhin mit Leben füllen können, haben sie die Möglichkeit, ihr Volk auf die heutigen Herausforderungen vorzubereiten. Ich kann nur sagen, dass die Mámus, die ich kennengelernt habe, ihre Mission leben, absolut selbstlos sind und eine Art von Weisheit vermitteln, auf die man heute selten trifft und die Hoffnung macht.

Manchem Leser wird es nun wie mir vor einigen Jahren gehen, er wird denken: „Toll, da will ich einmal hin!“ Doch die Kogi wollen kein lebendes Museum sein, sie wollen keinen Tourismus. Ich selbst hatte nur das Glück einer Kette von Zufällen, die es mir ermöglichte, von ihnen eingeladen zu werden. Die Kogi wollen, dass wir ihre Nachricht hören. Sie wollen, dass wir ihre Sorgen teilen. Dabei helfe ich ihnen nun - und sie uns.

Das Projekt
Wer die Kogi bei der Rettung ihrer Kultur unterstützen will, findet auf www.urwaldkaffee.de die Möglichkeit, mit uns Kontakt aufzunehmen, zu spenden – und natürlich den Kaffee zu erwerben. Oliver Driver wird diesen Kaffee ab Ende 2014 frisch geröstet und als Rohkaffee vertreiben.

Über den Autor
Oliver Driver ist Bauingenieur, Organisationsentwickler, Coach und Autor. Er beschäftigt sich mit Tiefenökologie, Prozessen für nachhaltigen Wandel, indigenem Wissen, Schamanismus und nun auch Kaffee.

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