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„Fleischverzicht rettet die Welt nicht“

Prof. Dr. Dr.hc Urs Niggli vom Forschungs­institut für biologischen Landbau in der Schweiz, erzählt, was eine zukunftsfähige Landwirtschaft braucht, wie gesunde Ernährung aussieht und wie man die Welt mit Bio ernähren kann.

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Prof. Dr. Dr.hc Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in der Schweiz, zählt zu den weltweit führenden Experten für biologische Landwirtschaft. Fibl

LEBENSART: Die Produktion tierischer Lebensmittel heizt das Klima an. Dürfen wir noch Fleisch essen?

Urs Niggli: Ja, das dürfen wir. Zweidrittel der Landwirtschaft weltweit wird auf Böden betrieben, welche nicht gepflügt und bearbeitet werden können. Sie sind mit Heuwiesen, Weiden und Gras bewachsen. Ohne Kühe, Schafe, Ziegen, Kamele und Pferde würde man darauf keine Nahrungsmittel erzeugen. Diese Tiere haben so komplexe Mägen, dass sie auf biochemisch komplizierte Art aus reiner Raufaser wertvolle tierische Proteine erzeugen könne. Es würden also rund 3.4 Milliarden Hektar Land aus der Lebensmittelerzeugung rausfallen. Dies könnte niemals ersetzt werden, durch die 0,4 Milliarden Hektar Ackerland, welche heute für die Tierfutterproduktion verwendet werden.

Zudem: Millionen von Landwirten leben gerade in den ärmsten Gebieten von der Weidehaltung. Sie leben seit Jahrhunderten als Hirten und nutzen Savannen, Steppen oder Almweiden. Man müsste die Bibel umschreiben, wenn diese ihre Existenzgrundlage verlieren würden. Selbst Schweine und Geflügel haben einen Platz und zwar dann, wenn sie sich hauptsächlich von Erntenebenprodukten, von Lebensmittelabfällen (leider seit der BSE-Krise verboten) und von Abfallprodukten der Verarbeitungsindustrie ernähren.

Aber die Gesellschaft muss ihr Verhältnis zum Fleisch, Milch- und Ei-Konsum überdenken. Die Verwendung von Getreide und Soja für die Veredlung zu tierischen Produkten war eine Fehlentwicklung. Nun hat sich eine ganze Industrie entwickelt und es ist schwierig, da wieder rauszukommen. In diesem Sinne leisten Vegetarier und Veganer einen ganz wichtigen Beitrag zur Erreichung dieses Zieles. Eine rein vegane Ernährung als globale Lösung aller durch die Landwirtschaft verursachten Probleme zu bezeichnen, grenzt aber an Sektierertum. Man müsste die insgesamt 32 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche, die unter dem Pflug ist, massiv mit Düngern und Pflanzenschutzmitteln intensivieren, um genüg Lebensmittel für alle zu haben. Und man müsste vermutlich Feuchtgebiete, die ökologisch wertvoll sind, entwässern und darauf Lebensmittel produzieren. Oder es würde noch mehr tropischer Regenwald zerstört.

Fipronil in Eiern, Pestizide im Salat – muss man sich vor Gift in Lebensmitteln fürchten?

Selbstverständlich möchte niemand Pestizid-Rückstände in den Lebensmitteln haben. Seit mehr als 40 Jahren steigt die Skepsis der Konsumenten laufend an, dies, obwohl die Rückstände gemäß der Beurteilung der Behörden in der EU und in den USA kein Risiko darstellen. Heute gibt es nicht mehr Probleme mit Rückständen als früher. Die Analytik ist um den Faktor 1000 besser geworden und man findet auch winzigste Spuren von Stoffen, welche von Natur aus nicht in einer Pflanze, einem Ei oder in der Milch sind.

Große Probleme haben wir hingegen in den Gewässern wie Bächen, Flüssen oder Seen. Teilweise auch im Grundwasser. Jüngste Untersuchungen in der Schweiz zeigen, dass die reichhaltige Tierwelt in den Bächen zu wenig gegen die „Giftcocktails“ geschützt ist, welche zu gewissen Jahreszeiten aus den Feldern abgeschwemmt werden.

Ich bin überzeugt, dass chemische Herbizide und Pflanzenschutzmittel ein Auslaufmodell sind. Deshalb ist die Forschung an biologischen Lösungen dringend zu beschleunigen. Davon würde auch der Biolandbau profitieren. Im Vordergrund stehen robustere oder resistente Sorten, bessere Anbausysteme, Behandlungsmittel, welche aus natürlichen Substanzen wie Pflanzen gewonnen werden, aber auch die zahlreichen Gegenspieler von Schädlingen, welche im biologischen Pflanzenschutz eine Rolle spielen (Nutzinsekten, Bakterienpräparate, Viren). Damit kann man ein Gleichgewicht herstellen, das man der Natur abschaut.

Ist Bio immer gesünder?

Bio hat kaum Rückstände von Pflanzenbehandlungsmitteln. Das ist ein Plus. Dann finden wir auch mehr sogenannte bioaktive Stoffe in pflanzlichen Lebensmitteln. Diese Stoffe sind im Stoffwechsel des Menschen interessant, sie wirken zum Beispiel als Antioxidantien und neutralisieren die freien Radikale, relativ aggressive Sauerstoffverbindungen, die in den Körperzellen entstehen. Man findet auch in Milch und Fleisch höhere Gehalte von mehrfach ungesättigten Fettsäuren, die verträglicher sind als die einfach gesättigten. Es gibt also durch zahlreiche Untersuchungen gesicherte Unterschiede. Man kann also Bio als das Tüpflein auf dem i einer gesunden Ernährung bezeichnen. Aber eine gesunde Ernährung heißt viel mehr als bio essen. Jeder weiß, dass die mediterrane Ernährung eigentlich die gesunde Ernährung ist und dabei noch schmeckt. Das heißt, viel Gemüse, Salat und Früchte, deutlich weniger Fleisch und Eier als heute, sehr vorsichtig mit Süßigkeiten und Fett. Das haben wir alle bereits in der Grundschule gelernt. Leider vergessen es die Menschen später wieder. Ein Gemüseauflauf aus konventionellen Zutaten ist also gesünder als ein Bio-Hamburger.

Können wir mit Bio die Welt ernähren?

Wir haben in den letzten Jahren viele Szenarien mit komplizierten Modellen gerechnet, wo wir hunderte von Faktoren variiert haben. Wir wollten diese Frage einigermaßen stichhaltig beantworten. Wir sehen zum Beispiel, dass Bio eine viel größere Rolle spielen könnte, um nachhaltig genug Lebensmittel zu erzeugen. Ein Szenario, dass eine hohe Praxisrelevanz hat, ist zum Beispiel eine Umstellung bis auf 60 % Biolandbau im Jahr 2050. Die dann lebende Bevölkerung könnte ohne zusätzliches Ackerland ernährt werden, wenn der pro-Kopf-Verbrauch an tierischem Eiweiß halbiert würde und deutlich weniger Lebensmittel vergeudet würden (etwa 25 Prozent weniger als heute). Natürlich gibt es noch große Herausforderungen, so müssen die Pflanzenzüchtung, der biologische Pflanzenschutz und die organische Düngung z.B. mit Leguminosen massiv verbessert werden. Und ebenso muss man die ungerechte Verteilung besser regeln. Es sind ja die Menschen, die in Armut leben, die hungern. Und es müssen auch noch gesellschaftliche Probleme gelöst werden. Nur in Diktaturen, in Kriegen und in Naturkatastrophen gibt es Hunger. Es lohnt sich also, für den Biolandbau zu arbeiten.

Interview: Annemarie Herzog